VonAlexander Schäferschließen
1989 wurde der THTR in Hamm-Uentrop stillgelegt. 2030 soll der Abbruch starten. Doch um die Kosten in Milliarden-Höhe gibt es Streit. Jetzt ist die Betreibergesellschaft insolvent.
Hamm - Die Betreibergesellschaft des seit 1989 stillgelegten Kernkraftwerks Hamm-Uentrop ist insolvent. Die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG) hat beim zuständigen Insolvenzgericht Dortmund einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Dies machte das Amtsgericht am Dienstag öffentlich. Dem Steuerzahler droht nun womöglich ein Milliarden-Grab. Der ab 2030 über zehn Jahre geplante Abbruch des Kraftwerks kostet mehrere Hundert Millionen Euro.
Die Betreibergesellschaft, hinter der der Energiekonzern RWE und einige Stadtwerke stehen, hatte zuvor vom Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen die Übernahme der Kosten für den Abbau sowie für die Entsorgung und Endlagerung des strahlenden Materials gefordert. Doch eine entsprechende Klage scheiterte 2024 vor dem Landgericht Düsseldorf. Die Be㈠rufung wurde im Juni 2025 vom Oberlandesgericht Düsseldorf abgewiesen. „Damit steht die HKG unverändert vor der Situation einer ungeklärten Finanzierung der Restabwicklung des einst von Bund und Land NRW initiierten und vorangetriebenen Forschungsprojekts“, wird HKG-Geschäftsführer Volker Dannert in der „Wirtschaftswoche“ zitiert. Daher sah er sich gezwungen, Insolvenz anzumelden.
„Geeignete Lösungsoptionen“ sollen entwickelt werden
Es geht bei der Hammer Hinterlassenschaft um sehr viel Geld. 350 Millionen Euro waren ursprünglich einmal hierfür vorgesehen, 2021 war im NRW-Landtag offiziell von 753 Millionen Euro Gesamtkosten die Rede. Inzwischen wird ein Milliardenbetrag kolportiert.
Das Amtsgericht setzte den Juristen David Bunzel von der Kanzlei Husemann & Partner als vorläufigen Insolvenzverwalter ein. „Ziel des Verfahrens ist es, die bisherige geordnete Stilllegung des Kernkraftwerkes durch Herstellung und Aufrechterhaltung des Betriebes des sogenannten sicheren Einschlusses fortzusetzen und den planmäßigen Rückbau (...) zu sichern“, heißt es in einer Pressemitteilung der Kanzlei.
Fünf Gesellschafter stecken hinter der HKG
Die HKG hat fünf Gesellschafter. Einer davon ist die Mark E Aktiengesellschaft. Sie hat 26 Prozent der Anteile. Die Mark E ist eine Tochter der Enervie, an der die Stadt Lüdenscheid als Aktionärin mit 24,12 Prozent beteiligt ist. 14,16 Prozent der Anteile verteilen sich auf Altena, Plettenberg, Halver, Schwerte, Kierspe, Herdecke, Schalksmühle und Herscheid. Weitere Gesellschafter der HKG sind RWE Nuclear GmbH, Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH & Co. OHG, Gemeinschaftswerk Hattingen GmbH (WSW Wuppertaler Stadtwerke GmbH, RWE Power Aktiengesellschaft) und Stadtwerke Aachen Aktiengesellschaft.
Zu Beginn des vorläufigen Verfahrens werde man sich einen umfassenden Überblick zur wirtschaftlichen Gesamtsituation machen und die Stabilisierung des Geschäftsbetriebs in den Fokus rücken. „In Abstimmung mit allen Beteiligten“ sollen dann „geeignete Lösungsoptionen“ entwickelt werden. Löhne und Gehälter der Mitarbeiter der Betreibergesellschaft seien im Rahmen des vorläufigen Verfahrens gesichert.
Mehr als 440 Millionen Euro für sicheren Einschluss
Der Reaktor nahe der A2 war nur wenige Monate am Netz, doch er verursacht immense Kosten. 441 Millionen Euro sind seit der Stilllegung in den sicheren Einschluss geflossen. Der Bund trug davon 133 Millionen Euro, das Land 152 Millionen Euro und die Gesellschafter der HKG 156 Millionen Euro.
Offen ist, wer am Ende die Kosten für den Abriss trägt. Die HKG-Gesellschafter sehen sich nicht in der Pflicht. HKG-Geschäftsführer Dannert verweist auf den Bund und das Land NRW: Man habe nichts unversucht gelassen, durch Verhandlungen mit den Rahmenvertragsparteien eine Insolvenzanmeldung zu vermeiden. „Da diese Gespräche jedoch bislang ohne Ergebnis geblieben sind, ist es nun Sache der für die Kernenergie zuständigen Behörden beim Bund und im Land NRW, die weitere Abwicklung zu organisieren“, so Dannert.
Das NRW-Wirtschaftsministerium stellte aus Sicht der Atomaufsicht klar: „Die nukleare Sicherheit des THTR ist von der Insolvenz nicht betroffen, sie ist weiter gewährleistet.“ Falls die HKG notwendige Maßnahmen nicht mehr selbst umsetzen könne, werde die Aufsicht über sogenannte Ersatzvornahmen eingreifen. Dafür habe das Land vorsorglich einen Rahmenvertrag mit einem qualifizierten Fachunternehmen abgeschlossen, das jederzeit Maßnahmen übernehmen kann.
Auch in anderen Branchen machen die finanziellen Probleme nicht Halt: Der Weltmarktführer für Kfz-Schließsysteme aus NRW hat Insolvenz angemeldet. 700 Mitarbeiter in Deutschland sind betroffen.
