Immer mehr Insolvenzen

Dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt: So reagieren die Arbeitgeber

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Der Märkische Kreis ist ein wichtiger Industriestandort (hier Stahlverarbeitung bei Plate Stahl in Brüninghausen). Die SIHK fürchtet aber, dass sich das ändern könnte, wenn die Region nicht bald mehr Unterstützung erhält.
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Der Märkische Kreis ist ein wichtiger Industriestandort. Die SIHK fürchtet aber, dass sich das ändern könnte, wenn die Region nicht bald mehr Unterstützung erhält.

Lüdenscheid – „Alles, was befürchtet worden ist, bestätigt sich nun“, sagt Dr. Ralf Geruschkat, Hauptgeschäftsführer der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer (SIHK). „Wir sehen nun die Probleme mit der Infrastruktur im Märkischen Kreis, sehen, wie der Druck auf den Industriestandort steigt. Deutschlandweit nehmen die Insolvenzen zu. Wir sehen die neuen Arbeitslosenzahlen. Umso wichtiger ist es, dass der Märkische Kreis Unterstützung erhält.“

Geruschkat könnte damit trefflich ein Duett anstimmen mit Fabian Ferber, dem Ersten Bevollmächtigten der IG Metall, der zuletzt nach Bekanntwerden der neuen Arbeitslosenzahlen ebenfalls Alarm geschlagen und eine Strukturförderung für die Region gefordert hatte. Man ist sich vielleicht nicht in jedem Detail einig, im großen Ganzen aber durchaus, vor allem in der Sorge um den größten Industriestandort der SIHK im Märkischen Kreis.

Zur Erinnerung: Im Juli waren 3829 Menschen aus Lüdenscheid ohne Job – 241 Personen (+6,7 Prozent) mehr als im Juni und sogar 356 Personen (+10,3 Prozent) mehr als im Juli 2023. Die Arbeitslosenquote erhöhte sich binnen eines Jahres um 0,8 Prozentpunkte auf 9,6 Prozent.

Dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt: So reagieren die Arbeitgeber

Fast jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeitet im produzierenden Gewerbe. In NRW liegt der Anteil nur bei einem Drittel der Beschäftigten, bundesweit bei gut einem Viertel. Die SIHK in Hagen schaut nach Hagen, in den Ennepe-Ruhr- und in den Märkischen Kreis. Wenn Geruschkat auf die Beschäftigtenentwicklung schaut, verweist er auf ein Ergebnis der SIHK-Konjunkturumfrage: „Im Bezirk der SIHK sind die Beschäftigungspläne der Unternehmen im Märkischen Kreis am schlechtesten, hier gehen 31 Prozent der Unternehmen von weniger Beschäftigten in der Zukunft aus, in Hagen sind es 27 Prozent, im Ennepe-Ruhr-Kreis 24 Prozent: Die meisten Beschäftigungs-Pessimisten gibt es im Märkischen Kreis.“

Dabei, so Geruschkat, sei trotz steigender Arbeitslosenzahlen die Beschäftigung im MK sogar gestiegen. „Es gibt Bereiche, da ist die Arbeit da und bleibt liegen, weil die Leute nicht da sind“, sagt er. In anderen Bereichen gehe konjunkturell bedingt wenig. In der Automotive-Sparte zum Beispiel, die im MK ganz stark vertreten ist.

Im Märkischen Kreis sei es mit Blick auf die Brückenproblematik eine besondere Situation. Viele Unternehmen suchen Büroarbeitsplätze im Ruhrgebiet, viele lagern die Produktion ins Ausland aus, Kostal ist da nur die prominenteste Adresse. „Die Region braucht Hilfe. Das Land hat einiges getan, vom Bund müsste mehr kommen“, kritisiert Geruschkat. „Unsere Unternehmen stehen in einem weltweiten Wettbewerb. Wir brauchen mehr Zeit für die Transformation.“

Bei der Forderung eines Energiestrompreises ist sich der SIHK-Hauptgeschäftsführer mit Ferber einig, verweist auf eine Stellungnahme des SIHK-Präsidenten Ralf Stoffels: „Entscheidend ist, dass wir zu Preisen für unsere Energieversorgung zurückkehren, die unseren Industrie- und Wirtschaftsstandort wieder international wettbewerbsfähig machen. Zudem bedarf es einer belastbaren Perspektive zur Versorgungssicherheit. Erst wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, können die Unternehmen am Standort den Wandel vollständig annehmen und den Ausbau der Erneuerbaren weiter vorantreiben.” Geruschkat hat Zweifel, dass die Zeiträume bei der Klimawende ausreichen – hier müsse nachjustiert werden.

Geruschkat bricht wie Ferber eine Lanze für die Stahlproduktion, schaute wie der Gewerkschafter am Freitag nach Duisburg, wo es um die Thyssen-Krupp-Zukunft ging. „Wir müssen die Stahlproduktion in Deutschland halten“, sagt er, „es ist eine wirtschaftspolitische Aufgabe, dem Stahl in Deutschland auch in der Zuliefererindustrie eine Zukunft zu geben. Auch für unsere Region, in der dieser Stahl weiter verarbeitet wird.“

Es gibt so viele Baustellen, so viele Ängste. Das Industriemonitoring der SIHK schreibt hinter die Sorgen Kennzahlen. Mehr als jeder dritte Befragte beim Monitoring sprach zuletzt von einer „schlechten Geschäftslage“, nur knapp 13 Prozent von einer guten. Bei den größten „Risiken für die Geschäftsentwicklung“ ganz vorne: die Inlandsnachfrage (78,1 Prozent), die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (68,1 Prozent), Arbeitskosten (62,2 Prozent) und Energie-/Rohstoffpreisen (59,3 Prozent). Viele Facetten. Der Blick in den Herbst ist ein sorgenvoller, der Blick nach Berlin und Düsseldorf ein bittender. Hilfen von dort würden Mut machen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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