Lebensmittel-Großhandel Rullko

Chefin des Hammer Familienunternehmens Rullko von Habeck enttäuscht: „Es ist furchtbar“

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Ein Familienbetrieb, wie er im Buche steht: Marie-Christine Ostermann, Chefin des Lebensmittel-Großhandels Rullko, vor dem Porträt des Firmengründers, ihres Ur-Großvaters Carl Rullkötter.
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Marie-Christine Ostermann vom Lebensmittel-Großhandels Rullko in Hamm kritisiert Politik und Bürokratie. Gleichzeitig warnt die Chefin des Familienunternehmens vor der AfD.

Hamm – Die Unternehmerin Marie-Christine Ostermann (45), leitet seit 2006 den Lebensmittel-Großhandel Rullko in Hamm (NRW). Das Familienunternehmen feiert in diesem Jahr sein 100. Jubiläum. Seit April dieses Jahres ist Ostermann zugleich Präsidentin des Verbandes „Die Familienunternehmer“ – und appelliert im Gespräch mit wa.de-Redakteur Jens Greinke an die Ampel-Regierung, die Standortbedingungen für den Mittelstand deutlich zu verbessern.

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Mit welcher Zielsetzung sind Sie als Präsidentin der Familienunternehmer angetreten?
Mir ist es wichtig, die Rahmenbedingungen für Familienunternehmertum in Deutschland zu verbessern. Wir Familienunternehmer stehen für 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Deutschland. Und für 80 Prozent der Ausbildungsplätze. Wir tragen also eine große wirtschaftliche Verantwortung in diesem Land. Wir wollen diese Arbeitsplätze langfristig sichern. Dazu brauchen wir einen wettbewerbsfähigen Standort und gute Rahmenbedingungen. Dafür setze ich mich gemeinsam mit den vielen anderen Unternehmern im Verband ein.
Zuletzt war von Ihnen zu hören, dass sich die Geschäftslage und die Erwartungen der Familienunternehmer nochmals „drastisch verschlechtert“ hätten. Die Stimmung sei geradezu düster.
Unser Verband macht diese Umfragen seit 2010. Mit aktuell 24 Prozent planten noch nie so wenige Unternehmer Erweiterungsinvestitionen. Das ist der bisher niedrigste Wert überhaupt, schlimmer als in der düstersten Corona-Zeit. Auch Ersatzinvestitionen werden mit 41 Prozent immer weniger getätigt. Und 42 Prozent unserer Mitglieder sagen, dass sie gar keine Investitionen mehr durchführen wollen. Das ist dramatisch. Die Unternehmen zehren gerade nur von ihrer Substanz. Das bedeutet auf längere Sicht, dass der Standort Deutschland noch maroder werden wird, als er es ohnehin schon ist. In den vergangenen Jahren haben kaum staatliche Investitionen stattgefunden. Es gab auch keine Reform, die unsere Wettbewerbsfähigkeit stärkt. Die letzte war die Agenda 2010. Stattdessen gab es viel Umverteilung: Viel Geld floss in die Sozialsysteme ab, aber eben kaum in Investitionen. Die Folgen sieht man heute an maroden Autobahnen, kaputten Brücken wie der Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid oder bei der Deutschen Bahn. Es ist einfach wichtig, die Infrastruktur modern zu halten, damit alles im Fluss bleibt. Deshalb muss in Deutschland viel mehr investiert werden – sowohl von staatlicher als auch von privatwirtschaftlicher Seite.
Welche Kritikpunkte haben Sie noch?
Diejenigen Reformen, die es zuletzt gab, haben das Unternehmer-Sein in Deutschland deutlich teurer gemacht. Beispielsweise die Rente mit 63, die zusätzlich ja auch noch Fachkräfte entzieht. Oder das Mindestlohndokumentationspflichten-Gesetz, das mit extrem viel Bürokratie verbunden ist. Das bindet Geld, Zeit und Personal – alles Dinge, die wir eher in die Wertschöpfung stecken müssten. Wir brauchen Reformen, die den Standort Deutschland wieder wettbewerbsfähig machen; die Unternehmen davon überzeugen, hier verlässlich investieren zu können und auch Geld verdienen zu dürfen. In einer Umfrage, die wir vor gut einem halben Jahr durchgeführt haben, haben über die Hälfte unserer Mitglieder gesagt, dass sie ihr Unternehmen nicht noch einmal am Standort Deutschland aufbauen würden.
Es gibt eine Reihenfolge bei den Investitions-Hemmnissen…
Ja. Bürokratie und administrative Überregulierung stehen mit 56 Prozent ganz oben. Das kostet die Unternehmen eine enorme Kraft und nimmt ihnen die Luft zum Atmen. Diese Bürokratie kostet allein die Unternehmen 17 Milliarden Euro jedes Jahr, hat der Normenkontrollrat ausgerechnet. Dann folgt mit 45 Prozent die Unberechenbarkeit der Finanz- und Wirtschaftspolitik sowie drittens der Fachkräftemangel mit 36 Prozent.
Wie kann Bürokratie abgebaut werden?
Ganz wichtig wäre, dass sofort die Verwaltungsdigitalisierung vorangetrieben wird, damit Prozesse einfacher und schneller ablaufen. Es hakt schon dabei, dass wir Unternehmer dazu verpflichtet wurden, Arbeitsverträge auszudrucken. Die digitale Personalakte ist zwar erlaubt – aber es ist doch absurd, wenn Arbeitsverträge dennoch weiter ausgedruckt und im Keller gelagert werden müssen. Das ist nicht zu Ende gedacht. Oder nehmen wir die Sozialversicherungsbeiträge, die weiterhin vorfällig sind. Das heißt: Obwohl der Monat noch gar nicht um ist, müssen diese Beträge vor Monatsende überwiesen und am Ende noch einmal dahingehend überprüft werden, wie viel Arbeitszeit tatsächlich angefallen ist. Und sie sind im Zweifel noch einmal zu korrigieren. Es gibt viele Beispiele. Zusätzlich kommt sogar noch mehr Bürokratie on top, sowohl aus Brüssel als auch aus Deutschland. Wie das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.
…bei dem schon der Name abschreckende Wirkung erzeugen kann.
Es ist furchtbar. Wir haben in unserem Betrieb 20 000 Artikel aus aller Welt im Sortiment. Wie soll ich überprüfen, ob da überall die Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden? Unser Vorschlag ist, dass die EU-Kommission in Brüssel die Safe-Harbour-Lösung einführt. Das heißt: Es gibt Zertifizierungen durch die EU, die Zulieferbetriebe als sicher klassifizieren. Das würde bedeuten, dass der Aufwand, die Standards zu prüfen, nicht zigfach anfallen würde. Ich hatte darüber schon Gespräche mit Grünen-Politikern wie die Ricarda Lang (Anm. d. Red.: Grünen-Vorsitzende) oder Robert Habeck (Bundeswirtschaftsminister), die aber leider nicht reagiert haben. Was noch dazu kommt: Es wurde von der Politik gesagt, dass wir für jedes neue bürokratische Gesetz ein anderes abschaffen. Aber im Prinzip kommt seit 15 Jahren immer mehr Bürokratie dazu.
Gerade entsteht der Eindruck, dass die Ampel-Regierung viel falsch macht. Wenn Sie sagen, dass zum Beispiel das Bürokratie-Problem schon seit so vielen Jahren existiert: Wird die aktuelle Regierung, die erst seit zwei Jahren an den Hebeln sitzt, da nicht auch ein wenig unfair behandelt?
Ich finde nicht, dass sie unfair behandelt wird. Natürlich trägt sie die Schuld nicht allein, die Vorgängerregierungen haben ebenfalls ihre Verantwortung. Aber es läge an der Ampel, endlich Reformen zu liefern. Das passiert leider nicht. Dafür wird viel über Subventionen für einzelne Unternehmen oder einzelne Branchen diskutiert. Dabei müssten wir die Probleme strukturell lösen. Für alle Unternehmen. Subventionen senken nur kurzfristig den Druck für wenige, sind aber keine langfristige Lösung. Nehmen wir die Energiekosten, die für alle Unternehmen bezahlbar bleiben müssen. Aktuell wird über den Industriestrompreis diskutiert. Auch Herr Wüst (NRW-Ministerpräsident/CDU) forciert das Thema ja massiv. Als ob das die Energiekrise lösen würde. Ich bin froh, dass Bundeskanzler Olaf Scholz in dieser Beziehung bislang standhaft geblieben ist.
Aber zum Beispiel braucht die Stahlsparte von Thyssen-Krupp unfassbar viel bezahlbare Energie, wenn der Standort hier in Deutschland gehalten werden soll.
Aber es gibt eben nicht nur Thyssen-Krupp. Ich habe ja schon erwähnt, wie viele Arbeits- und Ausbildungsplätze der Mittelstand in Deutschland bereitstellt. In der Masse sind es eben mehr als bei den Großkonzernen. Der Industriestrompreis würde nur rund 2400 Unternehmen zugutekommen, was 30 Milliarden Euro kosten würde. Wir haben aber über 40 000 produzierende und insgesamt über drei Millionen Unternehmen in Deutschland. Diese Unternehmen sind doch alle relevant. Der Industriestrompreis ist meiner Ansicht nach deshalb völlig falsch. Zumal man nicht die andere Seite der Brücke sieht und sagen kann: Dahin geht der Weg. Wer garantiert mir, dass diese Subvention nur für ein paar wenige Jahre gilt? Ich denke, das ist ein Fass ohne Boden. Und die Probleme werden nicht strukturell gelöst. Die marktwirtschaftliche Lösung wäre beispielsweise, Steuern und Abgaben zu senken. Zusätzlich müsste die Produktion von Eigenstrom erleichtert werden. Doch auch hier bremst die Bürokratie noch viel aus. Wir brauchen Rahmenbedingen, die fair und verlässlich sind. Aber es wird in Deutschland so viel über Subventionen diskutiert, dass alle Unternehmen derzeit unsicher sind. Und deshalb nicht investieren.
Wie kann das Energieproblem gelöst werden?
Wir müssten darüber nachdenken, die Atomkraftwerke wieder anzuschalten, statt Atomstrom aus Frankreich zu importieren. Wir müssten über Fracking in Deutschland diskutieren, statt gefracktes LNG-Gas zu importieren. Das ist doch eine Doppelmoral! Das sind alles Dinge, die auf den Tisch müssen. Das Angebot an Strom muss ausgeweitet werden, das wäre die strukturelle Lösung. Und die Erneuerbaren müssen in den Markt – über Direktverträge zwischen Erzeuger und Verbraucher, die dann so weit wie möglich von Steuern, Abgaben und Umlagen befreit werden. Zusammengenommen sinkt dann auch automatisch der Preis.
Was kann auf Arbeitnehmerseite für Entlastung sorgen?
Steuererleichterungen wären nicht nur für Unternehmen wichtig, sondern auch für die Arbeitnehmer. Viele sagen mittlerweile: Harte Arbeit lohnt sich nicht mehr für mich, weil ich so viele Abgaben zu entrichten habe. Wir bräuchten eine Steuerreform, die auch die Arbeitnehmer entlastet, und eine Reform der Sozialversicherung. Hier liegen die Abgaben bei 42 Prozent des Bruttolohns. Das ist einfach viel zu viel. Und bei der Rente müssten wir den Renteneintritt mit der Lebenserwartung koppeln und die Rente mit 63 abschaffen. Diese Frühverrentungspolitik kostet uns drei Milliarden Euro im Monat und entzieht uns viele Fachkräfte.

Aber wir erwarten auch Taten.

Marie-Christine Ostermann
Wie wichtig ist die Schuldenbremse?
Sehr wichtig. Derzeit fallen 40 Milliarden Euro jedes Jahr an Zinsen an, das darf sich nicht noch weiter erhöhen oder gar ins Unermessliche steigen.
Kanzler Scholz hat einen Deutschland-Pakt angekündigt. Wie beurteilen Sie dies?
Das ist sicherlich ein guter Ansatz. Aber wir erwarten auch Taten. Unter einem Deutschland-Pakt verstehen wir Unternehmer Reformen auf breiter Ebene. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen immer verzweifelter werden. Sie brauchen Lösungen für ihre Probleme. Wenn diese nicht geliefert werden, landen die Wählerstimmen bei extremen Rändern. Nicht nur rechts, sondern zukünftig vielleicht auch links. Das gilt es zu verhindern. Man muss die Probleme der Menschen deshalb schnell lösen. Und da steht das Thema Migration ganz oben auf der Agenda. Es ist wichtig, dass qualifizierte Fachkräfte zu uns kommen. Aber die Visa-Verfahren sind teilweise viel zu langwierig, und es ist zu schwierig, Berufsabschlüsse hierzulande anerkennen zu lassen. Und beim Thema der Migration in unsere Sozialsysteme ist es wichtig zu kontrollieren, wer ins Land kommt. Die Kommunen sind überfordert. Und die Integration muss schließlich auch bezahlt werden.
Welche Gefahr besteht für Unternehmer durch eine immer weiter erstarkende AfD?
Das ist eine große Sorge. Die AfD ist sehr gefährlich für die Unternehmer im Land. Sie will raus aus der EU, was das Ende des Binnenmarktes bedeuten würde. Sie ist sehr protektionistisch, dabei lebt unser Land vom Export. Auch eine offene Willkommenskultur für Fachkräfte aus dem Ausland ist so wichtig. Auch hier ist die AfD kontraproduktiv, da sie Fremdenfeindlichkeit schürt. Ich denke, dass die Regierung die Zustimmung für die AfD dadurch verringern könnte, in dem strukturelle Reformen angepackt werden. Die Regierung muss sich deshalb endlich am Riemen reißen und große Reformen beschließen, für kleine ist die Zeit längst vorbei.

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