Rangierbahnhof

Bahnbrechende Idee? Grüne lehnen B63n ab und haben anderen Vorschlag

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Die Grünen sind noch immer strikt gegen den Bau der B63n und schlagen für die Anbindung des neuen Multi Hubs auf dem Rangierbahnhof eine neue Variante vor. Sie verlangen, sich darüber ernsthaft Gedanken zu machen.

Hamm – Geht es um die großen Zukunftsthemen für Hamm, dann fällt schnell das Stichwort Rangierbahnhof. Auf dem 60 Hektar großen Areal soll bekanntlich für bis zu 350 Millionen Euro ein riesiges Container-Drehkreuz (Multi Hub) entstehen, über das mehr Güter von der Straße auf die Schiene gebracht werden sollen. Von 170.000 eingesparten Lkw-Fahrten pro Jahr ist die Rede. Und von Hunderten neuen Jobs für Hamm.

Die Anbindung ans Autobahnnetz soll langfristig über die seit Jahrzehnten in der Planung befindliche B63n sichergestellt werden. Dass die Straße bis spätestens 2038 kommen wird, gilt für SPD, FDP und auch die CDU in Hamm als unantastbar wie eine heilige Kuh. Damit sind aber vor allem die Hammer Grünen nicht einverstanden. Sie lehnen den Bau der Straße weiterhin ab und fordern nun erneut, verstärkt Alternativen für die Anbindung des Multi Hubs zu erwägen – auch von ihren eigenen Koalitionspartnern.

Neuer Verladepunkt für Güter in Uentrop?

„Intellektuell müssen wir uns schon noch etwas bewegen, was das angeht und nicht nur in einer Spur bleiben“, findet Reinhard Merschhaus, Fraktionschef der Grünen im Rat. Aus seiner Sicht stehe die B63n bei dem Vorhaben zu sehr im Mittelpunkt.

Merschhaus bringt auch gleich eine Alternative ins Spiel – und Verkehrswege, die bereits da sind, aber kaum noch genutzt werden. Man könne doch an der Autobahn in Uentrop die Güter auf die Schienen der Ruhr-Lippe-Eisenbahn (RLE) setzen und sie von dort aus zum Rangierbahnhof bringen, meint Merschhaus.

Die Trasse schlängelt sich eingleisig tatsächlich vom Kraftwerk in Uentrop aus durch die Mark, am Maxipark vorbei und durch den Hammer Süden bis zum Rangierbahnhof. Über die RLE-Trasse sei auch die direkte Anbindung des geplanten Industriegebiets in Lippetal denkbar, an dem Hamm zur Hälfte beteiligt ist.

Abschnitt des Kanals in Richtung Kraftwerk kaum genutzt

Auch die Nutzung des Uentroper Hafens und des östlichen Teils des Kanals sei denkbar. „Auf der Schiene fährt nur noch die Museumseisenbahn und auf dem Abschnitt des Kanals vielleicht alle zwei Tage mal ein Schiff. Da geht doch was“, ist Merschhaus überzeugt.

Aus Grünen-Kreisen in Hamm hieß es zuletzt, dass sich auch das (grün geführte) Landesverkehrsministerium mit dieser Variante beschäftige. Eine WA-Anfrage dazu könne das Ministerium aus Zeitgründen erst am Montag beantworten, hieß es am Freitag.

Stadt nennt noch weitere Varianten - als Ergänzung zur B63n

Die Stadt teilte auf WA-Nachfrage dagegen mit, dass die eigene Entwicklungsagentur für nachhaltige Güterverkehrslogistik unabhängig von der Planung der B63n auch weitere Optionen prüfe, die geeignet seien, Güter auf die Schiene oder auf die Wasserstraße zu verlagern.

In dem Zusammenhang würden neben dem von Merschhaus in Spiel gebrachten Verladepunkt in Uentrop auch Möglichkeiten geprüft, die sich durch das „Maxi Terminal“ der Firma Lanfer im Hammer Hafen sowie durch das Terminal des Logistikzentrums RuhrOst auf Bönener Stadtgebiet ergeben würden.

„Diese Entwicklungen sind als Ergänzung zur B63n einzuordnen und nicht als Ersatz für die B63n“, heißt es in der Mitteilung der Stadt.

Hier soll der Multi Hub entstehen. Darüber, wie der angeschlossen werden soll, ist sich die Ampel uneins.

Merschhaus warnt davor, die verkehrlichen Auswirkungen des Großprojektes zu unterschätzen: „Wenn sich am Ende abzeichnet, dass der Güterbahnhof den Rest der Welt vom Verkehr entlastet, hier aber eine hohe Belastung entsteht, dann bekommen wir ziemliche Schwierigkeiten in Hamm.“

Grüne sehen bei Verkehrswende zu wenig Druck

Mit Blick auf die Halbzeitbilanz der Ampelkoalition ist Merschhaus zwar grundsätzlich zufrieden, sieht im Verkehrssektor aber noch erheblichen Nachholbedarf. Da laufe es in Hamm ähnlich ab wie in Berlin, meint Merschhaus und dürfte damit vor allem in Richtung FDP deuten. Auf Bundesebene werden die Liberalen zumindest von Grünen und Linken immer wieder als Bremser der Verkehrswende wahrgenommen.

Der Verkehrsraum müsse zwischen Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern neu aufgeteilt werden. „Da wird von der Verwaltungssitze aber nicht so viel Druck gemacht, wie bei anderen Sachen“, meint Merschhaus. Das neue Mobilitätskonzept etwa sei schon ein Jahr in Verzug und sollte eigentlich schon fertig sein.

Die Vorplanungen zum Umbau der Goethestraße zögen sich noch bis 2024. „Das ist einfach zu langsam“, findet Merschhaus. „Für die B63n wurden extra zwei Planer eingestellt. Wenn ähnlich intensiv an anderen Verkehrsprojekten gearbeitet würde, ginge es vielleicht schneller.“

Mehr Tatkraft bei Tempo 30 gefordert

Als Königsweg bezeichnet Merschhaus die Einführung von Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit. Mit Ausnahmenfällen, in denen weiter 50 oder 70 km/h erlaubt sein sollen. Die Städte haben da allerdings wenig Spielraum. „Erst recht, wenn man es mit einem Koalitionspartner zu tun hat, der sich Autofahrern nahe fühlt“, sagt Merschhaus. Und meint erneut die FDP.

Zumindest rund um Gefahrenstellen, Kitas oder Schulwege kann die Stadt Tempo-30-Abschnitte ausweisen. Hier verlangt Merschhaus mehr Tatkraft.

„Wasserstoff hilft uns jetzt nicht weiter“

Auch beim Thema Photovoltaik tut die Stadt aus Sicht der Grünen bislang zu wenig. „Eigentlich müsste jedes Gebäude, das gebaut wird, mit einer solchen Anlage ausgestattet werden“, meint Merschhaus. Auch hier fehle der nötige Druck, um bei der Energiewende wirklich voran zu kommen und die selbst gesteckten Klimaziele zu erreichen.

Die angeschobenen Großprojekte reichten dafür nicht aus. „Die geplante Produktion von Wasserstoff in Hamm ist zwar toll, hilft uns aber jetzt und auch morgen nicht weiter.“

Rubriklistenbild: © Blossey

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