Handy liefert wichtige Erkenntnisse

Brandstiftungen in Warstein: Markus R. ist ein Feuer-Fanatiker

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Das Schulte-Wohnhaus, rund ein halbes Jahr nach dem verheerenden Brand.
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Am Montag erklärten Ermittler, wie sie den mutmaßlichen Warsteiner Serienbrandstifter überwachten. Außerdem gab Feuerwehr-Einsatzleiter Donat Ahle Einblicke in einen seiner wohl dramatischsten Einsätze.

Warstein/Arnsberg – Markus R., der mutmaßliche Serienbrandstifter von der Warsteiner Hauptstraße, ist zweifelsohne ein Feuer(wehr)-Fanatiker. Diese und viele weitere Erkenntnisse brachte der vierte Prozesstag vor dem Arnsberger Landgericht gegen ihn.

Nachdem am 26. April die Fesseln an seinen Handgelenken geklickt hatten, wurde unter anderem sein Google Pixel 3 XL sichergestellt. Benjamin W. – IT-Forensiker der Polizei – hatte das Smartphone auf den Kopf gestellt. Dabei stellte er unter anderem fest, dass Markus R. zwischen dem 4. Mai 2022 und dem Tag vor dem verheerenden Brand bei Bäckermeister Schulte und seiner Familie am 25. April 714 Online-Artikel mit Feuerwehrbezug aufgerufen hatte.

Mutmaßlicher Serienbrandstifter: Ermittler finden unzählige Feuer-Fotos

Mehrfach täglich besuchte R. die Internetseite der Warsteiner Feuerwehr. „Es waren auffallend viele Suchanfragen – schon auf den ersten Blick. Da musste man nicht lange suchen“, erklärte der Digital-Experte. Auf dem Handy wurden außerdem „Fotos von Schaukästen mit der Tageszeitung“ fotografiert. Markus R. hatte das Schaufenster der Anzeiger-Redaktion mehrfach aufgesucht, sein Fokus lag auf Artikeln über die (mutmaßlich von ihm gelegten) Brände. In Chats habe er sich mit Bekannten „über den aktuellen Nachrichtenstand“ zu der Brandserie ausgetauscht. Der Ermittler: „Der Fokus auf die Brandberichterstattung war auffällig.“ Zudem fanden die Ermittler auf dem Handy unzählige Fotos verschiedener Brände oder auch von großen Lagerfeuern.

Ermittlungen gegen Warsteiner Brandstifter: Polizei erstellt Bewegungsprofil

Benjamin W. unterstützte die eigens wegen der Brandserie gegründete Ermittlungsgruppe außerdem durch die Auswertung weiterer Daten. So erstellte er unter anderem ein Bewegungsprofil von Markus R. und wertete die Ergebnisse der polizeilichen Videoüberwachung aus. Das Bewegungsprofil zeigte Markus R. in unmittelbarem zeitlichen Zusammenhang teilweise auf den Meter genau an den Orten, an denen kurze Zeit später ein Fahrzeug oder ein Haus in Flammen aufging. Videobilder zeigen den mutmaßlichen Brandstifter, wie er mit der Edeka-Tüte aus dem Haus von Bernd Schulte nach Hause kommt. Auf einer weiteren Aufnahme ist er biertrinkend vor seinem Haus im Flackern der Blaulichter zu sehen. Staatsanwalt Ümit Görgün sprach zusammenfassend von einer „stimmigen chronologischen Entwicklung“.

Brandstifter in Warstein wollte offenbar noch ein weiteres Haus anzünden

Das Bewegungsprofil legt zudem nahe, dass R. in der Nacht des 10. November neben dem Transporter-Brand vor dem GAB-Kaufhaus und dem Brand im Haus von Volker Mehler und seiner Tochter Marla noch einen dritten Brand gelegt haben könnte. Die Flammen in dem Haus, in dem früher das Grillrestaurant Göke zu finden war, konnten sich jedoch nicht ausbreiten und erloschen – ihre Spuren wurden erst später entdeckt und der Polizei gemeldet. „Hätte das Feuer durchgezündet, hätten die Leute im Haus keine Chance gehabt, rauszukommen. Es wäre dramatisch ausgegangen“, erklärte Silke M., Leiterin der Ermittlungsgruppe.

Markus R. soll der Warsteiner Serienbrandstifter sein.

Sie sprach dem Brandstifter einen immer gleichen „Modus Operandi“ zu. Allein 2022 habe die Polizei in Warstein Kenntnis über zehn Brandstiftungen sowie elf Sachbeschädigungen durch Feuer bekommen. Für diese Brände steht R. im Tatverdacht – die Brände, die ihm die Ermittler aus ihrer Sicht nachweisen können und bei denen mindestens Sachschäden entstanden sind, kamen zur Anklage. „Irgendwann haben wir vermutet, dass alle Brände zusammengehören und dass es sich um eine Person handelt, die das macht.“

Ermittlerin zur Brandstiftungsserie in Warstein: „Dann ging die Serie so richtig los“

Der erste große Brand dieser Serie sei im ehemaligen Kino ausgebrochen. „Dann ging die Serie so richtig los.“ Der Brand, bei dem Volker Mehler und seine Tochter von der Feuerwehr gerettet wurden, war eine Art Kipppunkt. Erstmals standen ganz konkret Menschenleben auf dem Spiel des Brandstifters. „Da ist uns bewusst geworden, dass wir es mit einer ganz gefährlichen Person zu tun haben“, so die Ermittlungsführerin.

Nach diesem Brand kamen die Ermittler durch Zeugen auf Markus R. und recherchierten alles, was es über ihn zu wissen gab. Unter anderem kam eine einschlägige Verurteilung wegen Brandstiftung ans Licht. Außerdem hatte die Polizei Bottrop ihn für weitere Brandserien im Verdacht, konnte ihm jedoch nichts beweisen. „Wir wussten: Wenn jemand das schon über Jahrzehnte macht, wird es für uns schwierig. Man muss ihm eine Expertise zuordnen, wenn er so lange nichts nachgewiesen bekam.“ Daher setzte die Polizei „sämtliche Überwachungsmaßnahmen“ in Gang, die zur Verfügung standen. Während eines längeren Aufenthaltes in der LWL-Klinik war Ruhe, kurz nach der Entlassung von Markus R. brannte es im Haus von Bernd Schulte.

Letzte Brandstiftung in Warstein: Feuerwehr war nach nur fünf Minuten vor Ort

Diesen Brand wird Donat Ahle, Leiter der Feuerwehr Warstein, niemals vergessen. Er war Einsatzleiter in dieser Nacht und saß am Montag genau wie sein Stellvertreter, Sebastian Lenders, im Zeugenstand. Nur fünf Minuten und ein paar Sekunden nach der Alarmierung war das erste Löschfahrzeug vor Ort, die ersten ehrenamtlichen Kräfte drangen ins Gebäude. Ihr Auftrag: Menschenrettung und Brandbekämpfung.

Großbrand in Warstein: Erschütternde Schreie

Donat Ahle berichtete von dramatischen Szenen; 50:50-Entscheidungen, die über Leben und Tod entschieden. Zur Rettung der beiden jungen Männer im dritten Obergeschoss war die Feuerwehr auf die Drehleiter angewiesen. „Das Treppenhaus stand in Vollbrand. Die Chance, dort hochzukommen, war fast Null, ohne dass dabei unsere eigenen Leute zu Schaden kommen würden. Die Schreie der Leute da oben am Fenster gingen durch Mark und Bein. Ich war ehrlich davon ausgegangen, dass wir es nicht mehr schaffen, die vermissten Personen da rauszuholen.“

Ahle habe vor seinem inneren Auge gesehen, wie die Vermissten „unter weißen Tüchern“ vor ihm und seinen Einsatzkräften liegen. Es sollte anders kommen. Alle konnten gerettet werden. Auch die Einsatzkräfte seien danach „psychisch und körperlich fertig“ gewesen: „Ich mache das seit weit über 40 Jahren, aber dieser Einsatz war einer der emotionalsten Einsätze.“ Auch Silke M. sprach von einem „beispiellosen Sachverhalt“. Die Ermittlerin: „So dramatisch hatten wir es auch noch nicht. Hätte die Feuerwehr nicht so schnell und so gut gearbeitet, wären die Menschen, die noch im Haus waren, ein paar Minuten später gestorben.“

Ermittlerin Silke M.: „Uns war klar, dass wir den Serienbrandstifter festgenommen haben“

Donat Ahle sprach gar von „Rettung in letzter Sekunde“. Noch in der Brandnacht kamen die Ermittler zusammen, werteten ihre Überwachungen aus. Silke M. erklärte: „Für uns passte alles.“ Es folgte die Wohnungsdurchsuchung, die Festnahme. Weitere Beweismittel – unter anderem „40 bis 50 Feuerzeuge aus der Wohnung“ wurden gesichert. „Uns war klar, dass wir den Serienbrandstifter festgenommen haben.“ Für die Ermittler sei durch die Festnahme, mit der gleichzeitig die Brandserie endete, eine riesige Last abgefallen. „Nach der Brandnacht am 10. November war der Druck schon groß, zusätzlich wurde vonseiten der Politik Druck ausgeübt. Wenn wir ihn nicht bekommen hätten, wäre es immer weitergegangen“, sagte Silke M. Am Freitag soll der Prozess ab 8.30 Uhr fortgeführt werden. Vermutlich wird die Kammer an diesem Tag auch ein Urteil sprechen.

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