Es liegt in der Beschaffenheit der Betonsteine, dass nun auch keine Fußgänger mehr über die Brücke gehen dürfen. „Das ist lebensgefährlich“, erklärte Bauunternehmer Siggi Müller.
„Nicht einmal für Fußgänger?“ Die Schaulustigen, die das Brückendrama von Nachrodt live verfolgen, können es nicht fassen. Umwege von 50 Kilometern und mehr, weil 40 Meter im wahrsten Wortsinne „unüberbrückbar“ scheinen – das kann niemand nachvollziehen an diesem verhängnisvollen Tag.
Bürgermeisterin Birgit Tupat steht nicht in Hörweite, aber was die Bürger denken, weiß sie auch so. Zwei THW-Ortsvereine und die Feuerwehr gehen tief in die Dümplerleie hinein, um im etwas flacheren Gewässer die Möglichkeit einer schwimmenden Fußgängerbrücke mit Pontons zu überprüfen. Am Samstagmorgen will man den Versuch wagen – auch, damit Schulkinder überhaupt eine Chance haben, wegzukommen.
Verständnis- und Fassungslosigkeit dominiert den Nachmittag. Martina Balogh feixt: „Plötzlich und unerwartet!“ Abidi Demirhindi als Brückennachbar hat sich alles gemerkt: Insgesamt 16 Jahre werde rumgeeiert. Zehn davon mit der Ampellösung. Es wird geschimpft und geflucht während der Wartezeit auf die Vollsperrung, die doch ein paar Stunden später vollzogen wird, als angekündigt. Um 17 Uhr ist die Brücke dann dicht für alle.
Sechs massive „Beton-Legosteine“ hat die Firma S. Müller gemeinsam mit der Gesellschaft für Verkehrstechnik mbH aus Hagen in Reih und Glied gebracht an beiden Enden der Brücke. Um Punkt 17 Uhr betritt sie niemand mehr. Die Massivität dieser Steine ist der Grund dafür, dass auch Fußgänger nicht hier drüber klettern dürfen. „Lebensgefahr!“ betont Siggi Müller, der immer gelassene Bauunternehmer. Verständnis hat ausnahmslos niemand, der das Szenario mit schwerem Gerät beobachtet.
Bürgermeisterin hat kein Verständnis
„Sehendes Auge ins Unglück“, fasst Bürgermeisterin Birgit Tupat am Freitagnachmittag ihre ersten Gedanken zusammen. „Mir fehlt jegliches Verständnis für die Planung und das Vorgehen.“ Auch sie habe nur eine Stunde vor Veröffentlichung der Pressemitteilung von der Vollsperrung erfahren. Dass erst am Donnerstag so erhebliche Schäden festgestellt worden sind, dass die Brücke sofort komplett gesperrt werden müsse, könne sie sich nur schwer vorstellen – vor allem mit Blick auf die seit Oktober laufenden, neuerlichen Reparaturarbeiten. Damit traf sie dieselbe Einschätzung viel viele Bürger ihrer Kommune.
Tupat habe in den vergangenen Jahren immer gefragt, ob es einen Plan B für den jetzt eingetretenen Katastrophenfall gibt. Den gebe es nicht, habe es stets vom Landesbetrieb Straßen.NRW geheißen. Für den Neubau der Brücke brauche es ein aufwendiges Planfeststellungsverfahren. Jetzt sei die Befürchtung wahr geworden: „Wir haben zwei voneinander abgeschnittene Ortsteile.“
Wie es weitergeht, war am Freitag noch überhaupt nicht absehbar. „Was ist mit der Industrie? Das ganze Lennetal ist betroffen“, so Tupat, die sofort die Betriebe nannte, die spätestens seit der Sperrung der A 45-Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid in 2021 und der Sperrung der B 236-Brücke für den Lkw-Verkehr in Altena und den damit verbundenen, langen Umwegen massivst betroffen sind. Auch die Mitarbeiter des Amtshauses. Wer beispielsweise in Wiblingwerde wohnt, kommt bis zur Brücke – und nicht weiter.
Das einzige, was bis jetzt geklärt ist: Rettungsdienst und Feuerwehr werden – von Iserlohn kommend – bis zur Brücke über Iserlohn sichergestellt. Denn: Auch diese Fahrzeuge dürfen die Brücke – von jetzt auf gleich – nicht mehr überqueren.
CDU-Fraktionsvorsitzender Jens Philipp Olschewski hat sie noch knapp vor der angekündigten Sperrung um 14 Uhr überfahren und gibt noch vom Auto aus eine Stellungnahme auf dem Heimweg von der Arbeit ab: „Sehenden Auges in die Katastrophe. Wir als direkt für die Bürger verantwortlichen Kommunalpolitiker müssen machtlos zusehen.“ Und auf der Brücke selbst steht während der vorbereitenden Maßnahmen ein Bürger, der Olschewskis Worte noch verschärft: „Wir sind der Arbeit von Lemmingen ausgesetzt, die in ihr Unglück stürzen und andere mitziehen. Wie kann man überhaupt auf die Idee kommen, erst gar nichts zu tun und dann im Herbst bei Hochwasser anzufangen?“
„Ich weiß nicht, was uns erwartet“, sagt Dr. Bodo Reinke, Geschäftsführer der Walzwerke Einsal, die – von Iserlohn kommend – hinter der Brücke an der B236 liegen. Einerseits seien natürlich die Mitarbeiter betroffen, aber auch der für das Unternehmen mindestens genauso wichtige Werksverkehr, der nun erheblich eingeschränkt sei. Die nun ausgewiesenen Ausweichstrecken seien kaum für Lkw ausgelegt, so Reinke, der befürchtet, dass es nur eine Frage der Zeit sei, wann hier das letzte Nadelöhr geschlossen werde und die Region komplett lahm liege.
Reinke könne nicht verstehen, dass es, wenn irgendwo Not sei, nicht möglich sei, schnelle, pragmatische Lösungen zu finden. Seit zehn Jahren sei das Problem bekannt. Jetzt sei die Zeit, dass die Politik beweisen müsse, dass doch noch schnelle Handlungsfähigkeit besteht. Dass die Sperrung unterm Strich alles andere als unerwartet kam und die Schäden schon bestens bekannt sind, hatten Mitte dieser Woche noch Draht-Unternehmen um Christian von der Crone, Geschäftsführer bei Lüling, in einem Brandbrief überdeutlich gemacht. Zitat: „Sollte es [...] zu einer vollständigen Sperrung der Lennebrücke in Nachrodt kommen, wären die Betriebe in Altena nahezu vollständig vom Schwerlastverkehr abgeschnitten. Die Erneuerung der Lennebrücke in Nachrodt ist, unabhängig von der A45-Rahmedetalbrücke, ein überfälliges Bauvorhaben von Straßen.NRW, dass sich mittlerweile mit mehr als 17 Jahren Planung in die Länge zieht und ein Ende noch nicht absehbar ist. Für die Betriebe in der Region ein unhaltbarer und existenzbedrohender Zustand, der nunmehr auch der Brücke auf der B 236 droht.“
Schick warnt vor Klage aus Nachrodt
Der CDU-Landtagsfraktionschef Thorsten Schick und der Iserlohner CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Ziemiak versicherten in Anrufen in der Redaktion unserer Zeitung, dass Straßen.NRW von den Ministerien Unterstützung zugesagt worden sei. Man habe sich mit Landesverkehrsminister Krischer in Verbindung gesetzt. Schick sagte, dass er mit vorsichtigem Optimismus wahrgenommen habe, dass die akuten technischen Probleme relativ schnell zu lösen sein würden. Er will von etwa zwei Wochen gehört haben, die man brauche, um das unterspülte Bauwerk zu stabilisieren. Man arbeite mit einem speziellen Beton, der auch unter sehr kalten Wasserbedingungen verarbeitet werden könne. Er verwies darauf, dass das Planfeststellungsverfahren für die neue Brücke dem Ende entgegen gehe. Danach werde „es spannend, ob jemand aus dem Ort gegen den Feststellungsbeschluss klagt“. Schick: Wenn nur „ein einziger zuckt“, werde sich das ganze Verfahren sehr lange hinziehen. Natürlich stelle sich allen die Frage, wie lange die Notinstandsetzung den weiteren Verkehr aushalte. Die neue Brücke müsse so schnell wie möglich her.
Für die Umleitung der jetzt eingerichteten Brückensperrung wird dieselbe Strecke genutzt, die auch für die Lkw-Umleitung der B236-Brücke in Altena herhalten muss. Thomas Schmitz, Ortsvorsteher in Evingsen, macht sich deswegen Sorgen um die Verkehrssicherheit in seinem Dorf, denn die Umleitungsstrecke führt mitten durch Evingsen. Schmitz ist es ein Anliegen, sichere Verkehrsquerungen für Schülerinnen und Schüler und ältere Mitmenschen zu garantieren.
Landrat fordert Infrastruktur-Gipfel
„Schon wieder eine Hiobsbotschaft in Bezug auf unsere Infrastruktur im Märkischen Kreis“, sagt Landrat Marco Voge (CDU). Weiter erklärt er: „Das Maß ist voll, wir brauchen Unterstützung durch Land und Bund.“ Dazu gehörten auch effektivere Verfahren, weniger Bürokratie und schnelleres Bauen. Seit Jahren seien die Probleme vielerorts bekannt und es passiere zu wenig. „Deshalb fordere ich nun einen Infrastruktur-Gipfel für den Märkischen Kreis.“
MVG: Busverkehr teilweise eingestellt
„Mit Beginn der Sperrung stellt die MVG die Busverbindungen zwischen Iserlohn-Letmathe und Altena ein“, teilt die Märkische Verkehrsgesellschaft mit. Kunden in und aus Richtung Lüdenscheid sollen bitte den Zugverkehr über Altena Bahnhof mit Umstieg in die Busse am Markaner ZOB (Fußweg) oder über Werdohl Bahnhof mit Umstieg in die Busse der Linie S2 und Linie 61 nutzen. „Kunden orientieren sich bitte über die Elektronische Fahrplanauskunft (MVG-Ticket-App), die gestrichenen Fahrten sind dort gelöscht“, heißt es. Weitere ergänzende Infos kündigt die MVG für Montag, 29. Januar, an.