Jäger in Hamm

Der Blick durchs Zielfernrohr: Jagd hat großen Zulauf

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Sicherheit ist das oberste Gebot: Bevor ein Tier geschossen werden kann müssen Jäger viele Regeln einhalten, denn ein Geschoss kann bis zu fünf Kilometer weit fliegen. Anna Bieker (links) und Eugenia R. sichern die Umgebung.
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Immer mehr Menschen wollen Jäger werden. Auch der Frauenanteil steigt beständig. Doch was treibt junge Menschen an und was bedeutet das Jägerdasein eigentlich? – Ein Besuch im Wald

Hamm – Es sind häufig martialische Bilder, blutig, mit dem Anstrich von Sinnlosigkeit, die es über die (sozialen) Medien in die Mitte der Gesellschaft schaffen. Und die dafür sorgen, dass Jäger dort nicht gut ankommen. Sie sind bei vielen Mitbürgern schlicht Menschen, die gerne Tiere töten. Und die so keinen leichten Stand haben. Trotzdem zieht es zunehmend jüngere Menschen auf den Hochsitz. Doch warum lassen sich jährlich tausende Männer und Frauen in Deutschland zu Jägern ausbilden? Worum geht es dabei?

Einst diente die Jagd zur reinen Fleischbeschaffung. Sie sicherte das Überleben der Menschen. Heute erfährt sie als Hobby einen immer größer werdenden Zulauf. In Deutschland gibt es derzeit so viele Jäger wie noch nie. Auch der Frauenanteil innerhalb der Jägerschaft steigt stetig. Dabei findet ein Umdenken statt: Der Schutz der Natur rückt mehr und mehr in den Fokus.

Fokus auf „weidmännischen“ Aspekten der Jagd

Für die Jungjägerinnen Anna Bieker und Eugenia R., die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, aus Hamm, sind es die besonderen Momente, wenn sie „eins werden mit der Natur“, umgeben von den Geräuschen des Waldes und der Tiere, auf Spurensuche an der frischen Luft. Sie absolvierten in diesem Jahr alle nötigen Prüfungen für den Erhalt des Jagdscheins. Das Töten nimmt bei ihnen den geringsten Teil des Jagens ein. Viel mehr konzentrieren beide sich auf wichtige „weidmännische“ Aspekte: Die Erhaltung des Lebensraums der Tiere, die Rettung von Rehkitzen und den nachhaltigen Fleischkonsum.

Selbst meine Kinder wissen schon: da ist ein Tier für mich gestorben, um mich zu ernähren

Anna Bieker, Jägerin

Wie viele angehende Jäger wuchs Anna Bieker in einem Jagdhaushalt auf. „Meine Liebe zur Natur war immer da. Irgendwann wollten wir die Massentierhaltung nicht mehr unterstützen und haben uns mehr mit dem auseinander gesetzt, was wir essen“, sagt die 40-jährige. Für sie sei es ehrlicher, ein Tier selbst zu erlegen und zuzubereiten, als im Supermarkt zu kaufen. „Selbst meine Kinder wissen schon: da ist ein Tier für mich gestorben, um mich zu ernähren“, erklärt sie.

Immer mehr Seiteneinsteiger

Auch die Zahl der Seiteneinsteiger ohne jagdlichen Hintergrund nimmt zu. Rund 26 Prozent der Jungjäger gehen ohne Vorerfahrungen in die Ausbildung. Eugenia R. kam durch einen Nachbarn zur Jagd. „Mein Antrieb war es, allein und in Ruhe einen tieferen Zugang zur Natur zu finden“, sagt sie. Wie komplex das Thema eigentlich ist, habe sie dann während der Jagdausbildung gemerkt.

Denn die Ausbildung dauert rund sechs Monate und besteht aus einem theoretischen sowie einem praktischen Teil. Im Vordergrund stehen Wildbiologie, Natur-, Pflanzenkunde und das Jagdrecht. Dann folgt die Schießausbildung auf einem Schießstand. Bevor es dazu kommt, dass ein Tier geschossen werden kann, müssen viele Sicherheitsvorkehrungen eingehalten werden. „Die Begebenheiten müssen passen. Man kann so viel falsch machen, deshalb geht die Sicherheit immer vor“, sagt R.

Jäger haben viele Aufgaben – auch der Naturschutz gehört dazu

Das Revier – also den Jagdgrund – genau zu kennen ist für einen Jäger dabei ebenso unerlässlich wie die Hege des Bestandes. Das bedeutet, die heimischen Tierarten, ihr Verhalten und ihre Entwicklung zu studieren und schon durch ein Fernrohr zu erkennen, wie es ihnen geht. Das Einhalten der Paarungs- und Schonzeiten ist dabei genau so Teil des Jagens wie der aktive Naturschutz – beispielsweise die Baum- und Heckenpflanzung und das Anlegen von Blühstreifen aus Wildblumen, als Rückzugsort für gefährdete Arten. „Das ist die Arbeit eines Jägers, die von außen nicht gesehen wird“, sagt Bieker. Nicht umsonst werde die Ausbildung auch das „Grüne Abitur“ genannt. R. und Bieker sehen darin weniger ein Hobby, sondern vielmehr eine Lebensaufgabe, die große Verantwortung mit sich bringe.

Denn erst der Eingriff des Menschen in den durch Land- und Forstwirtschaft immer weiter schrumpfenden Lebensraum der Tiere hat die Jagd notwendig gemacht. „Rehwild und Wildschweine richten auf Feldern oder in Wäldern zur Holzgewinnung großen Schaden an. Das hätte für den Verbraucher eine erhebliche Kostensteigerung zur Folge. Deshalb erstellt die untere Jagdbehörde jährlich einen Abschussplan, der eingehalten werden muss, um die Landwirtschaft zu gewährleisten“, erklärt Bieker.

Das ist die Arbeit eines Jägers, die von außen nicht gesehen wird.

Anna Bieker, Jägerin

Zu jeder Tages- und Nachtzeit muss ein Jäger mit eigenem Revier außerdem erreichbar sein. Bei Wildunfällen ist er der erste Ansprechpartner, wenn es um den „Hegeschuss“, die schonende Tötung eines verletzten Wildtieres, geht.

Die Begehung des Reviers gehört zu den regelmäßigen Aufgaben der Jäger.

Doch auch in der Jägerschaft gibt es nach wie vor schwarze Schafe, denen es in erster Linie um die „Trophäenjagd“ geht. Sie präsentieren sich vor allem in den sozialen Medien, posieren mit toten Tieren und werfen so ein schlechtes Licht auf alle, die ihren Aufgaben gewissenhaft nachgehen. Um Vorurteilen entgegen zu treten, betreibt die Kreisjägerschaft Hamm wichtige Aufklärungsarbeit, unter anderem mit der „rollenden Waldschule“.

Probleme durch Freizeittourismus

Auch der Freizeittourismus in den Wäldern und frei laufende Hunde würden immer wieder das Gleichgewicht der Lebensräume stören und Tiere vertreiben. „Es gibt viele Konflikte. Oft wird es so dargestellt, dass Naturschützer, Landwirte und Jäger einander gegenüberstehen, dabei sollten wir eigentlich Hand in Hand arbeiten“, sagt R.

Bieker hofft, dass neu gewonnene Erkenntnisse aus der Biologie und Wissenschaft irgendwann mit der jahrelangen Erfahrung der Jagd einhergehen und sich ergänzen können. Mit frischem Wind durch junge und engagierte Leute könne langfristig ein positiver Beitrag zum Erhalt der Natur geleistet werden.

Die Jagdausbildung im Überblick

Die Lerninhalte sind in vier Sachgebiete aufgeteilt:
1. Kenntnis der Tierarten, Wildbiologie, Wildhege, Naturschutz und Ökologie
2. Jagdliches Brauchtum, Jagdbetriebslehre, waidgerechte Jagdausübung, Sicherheitsbestimmungen, Jagdhundewesen einschließlich Prüfungswesen, Behandlung des erlegten Wildes, Wildbrethygiene, Wildkrankheiten, Grundzüge des Land- und Waldbaus, Wildschadensverhütung
3. Grundbegriffe der Waffentechnik und Jagdoptik, Waffenhandhabung, Schießausbildung (Flinte, Büchse, Kurzwaffe)
4. Rechtliche Grundlagen, Jagdrecht, Tier- und Naturschutzrecht

Durch wohl gestrichene Subventionen geraten gerade kleinere landwirtschaftliche Betriebe derzeit weiter unter Druck. Sie warnen vor einem Anstieg der Preise bei heimischen Lebensmitteln

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