Morpheus-Umzug

Abflug nach Dortmund: Drohnen-Pionier erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadt Lüdenscheid

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Norman Koerschulte (links) mit Bürgermeisterkandidatin Melita Alzorba, CDU-Chef Christoph Weiland und einer Drohne: Das Trio sieht für Lüdenscheid durch den Morpheus-Umzug nach Dortmund eine verpasste Chance.
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Die Morpheus Logistik GmbH verabschiedet sich aus Lüdenscheid und zieht nach Dortmund: Norman Koerschulte wäre gerne in Lüdenscheid geblieben, macht der Stadt schwere Vorwürfe.

Lüdenscheid – Das Leben ist immer dann besonders eindrücklich und fesselnd, wenn es gute Geschichten erzählen kann. Die Erzählung für Lüdenscheid schien sich im Falle der Morpheus Logistik quasi selbst zu schreiben. Morpheus bietet bekanntlich schnelle, sichere und nachhaltige Drohnen-Transporte für Güter in Europa – als erstes Unternehmen mit einer EU-Zulassung für Drohnen-Logistik-Transporte.

Kein Platz für Morpheus in Lüdenscheid

Die Stadt, in der einst Carl Berg mit dem Zeppelin das erste lenkbare Luftschiff gebaut hat, erneut als Vorreiter in der Luftfahrt – ausgerechnet wieder Lüdenscheid. Was für eine Geschichte. „Innovativ. Ein Leuchtturmprojekt“, sagt Norman Koerschulte und schüttelt den Kopf. Der Lüdenscheider, der das neue Morpheus-Headquarter am 1. August auf der alten Industriebrache Phoenix West in Dortmund eröffnen wird, kann es noch immer nicht fassen, dass es für ihn und Morpheus in seiner Heimatstadt keinen Platz gibt.

„Es ist erschreckend, wie man in dieser Stadt mit diesem innovativen Thema umgegangen ist“, sagt Koerschulte. Er hat zum Gespräch auch die Bürgermeisterkandidatin Melita Alzorba und den CDU-Chef Christoph Weiland eingeladen. Die Besetzung der Runde macht bereits klar, auf wen Koerschulte nicht gut zu sprechen ist: den Bürgermeister, die Verwaltung, die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG). Alzorba und Weiland pflichten ihm bei, haben auch wenig Verständnis dafür, dass die Dinge so gelaufen sind, wie sie gelaufen sind.

„Ich denke zurück an den 21. Februar 2023: Da sind wir viral gegangen“, sagt Koerschulte. An diesem Tag stellte er sein Projekt vor. Es gab an diesem Tag fünf Millionen Klicks im Internet, die Drohnen waren in fast jeder Nachrichtensendung. „Bis ins australische Hinterland“, sagt der Lüdenscheider, „es kann mir keiner erzählen, dass das hier niemand mitgekriegt hat. Wir sind die erste Drohnen-Airline Europas mit Linienflugbetrieb.“

Abflug nach Dortmund: Drohnen-Pionier erhebt schwere Vorwürfe gegen die Stadt Lüdenscheid

Koerschulte hat zwei Anfragen vom Museen für Dauerausstellungen bekommen, zuletzt gab es Gäste aus Amsterdam, Hamburg und Essen, die sich für die Technologie interessiert haben. Er hatte Kita- und Schulkinder zu Besuch, die begeistert den Drohnen zugeschaut haben. Und Lüdenscheider, die mit Schokolade an der Wefelshohler Straße vorbeigekommen sind und ihm gesagt haben, wie stolz sie darauf sind, dass es wieder eine Innovation aus Lüdenscheid gebe. „Nur von der Stadt kam nichts“, sagt Koerschulte, „allein Interesse wäre hilfreich gewesen. Aber da war nichts. Die pure Ignoranz. Dabei sind Fördertöpfe der EU voll für solche Zukunftsprojekte. Ich habe angefragt, doch bei der Stadt hat man mir gesagt, dass man keine Kapazitäten habe.“ Es ist der Moment, in dem Melita Alzorba sich einschaltet. „Keine Kapazitäten? Dafür muss man Kapazitäten schaffen. So eine Chance darf man doch nicht verstreichen lassen.“

Norman Koerschulte hatte ein ganzes Portfolio im Kopf, das er aus dem Drohnen-Thema für Lüdenscheid entwickeln wollte. „Es geht doch um Arbeitsplätze, um Transformation für den Standort Lüdenscheid. Die Automobil-Branche hat Probleme, wir brauchen doch ein Äquivalent, und die Drohnen-Technologie ist eine absolute Zukunftsbranche“, sagt der Bergstädter, der plant, mit der Morpheus-Logistik, die es seit Herbst 2023 gibt, bis Ende 2026 auf 250 Mitarbeiter zu wachsen. Aktuell sind es am Standort in Lüdenscheid 23. Aber von Dortmund aus sollen demnächst immer mehr Menschen die Drohnentransporte in ganz Europa steuern und überwachen. „Ich habe vorgeschlagen, daraus einen Ausbildungsberuf zu machen. Damit holt man die Gamer-Generation doch ab. Und vielleicht auch einen Studiengang“, sagt Koerschulte, der auch den FH-Standort in Lüdenscheid im Auge hatte. „Gerade vor dem Hintergrund der Talbrücke Rahmede und den Infrastrukturproblemen hätte Lüdenscheid mit seiner Innovationskraft glänzen können. Wir hätten einfach nur in den Diskurs einsteigen müssen.“

Dortmund bietet 50 Objekte an

Der Austausch mit der Stadt blieb aber auch da schwierig, wo es um triviale Dinge ging. So stellte die SEG im politischen Raum die Morpheus Logistik bereits als neuen Player im Gewerbegebiet Rosmart vor, mit einer großen reservierten Fläche. „Richtig ist, dass ich wegen einer Fläche zwischen 800 und 17 000 Quadratmetern angefragt hatte, aber ich hatte nie vor, selbst zu bauen“, sagt Koerschulte, der sein Geld lieber in seine Projekte investieren wollte. SEG-Chef Holger Moeser habe ihm dann alternativ das Forum angeboten, den größten Leerstand der Stadt, der gemeinhin als marode gilt. „Da hätte ich genauso viel Geld reinstecken müssen wie in einen Neubau“, sagt Koerschulte. „Es sind keine Perspektiven aufgezeigt worden. Die Unterstützung ist einfach nicht da gewesen.“ Christoph Weiland merkt an, dass es hier ein klares Defizit der Stadtverwaltung sei, dass für solche Fälle keine Datenbank gepflegt werde, genauso wenig wie die entsprechenden Kontakte. Auch die SEG ist in dieser Kritik nicht außen vor, ganz im Gegenteil.

Anders andere Kommunen: In Dortmund, erzählt Koerschulte, habe man ihm quasi den roten Teppich ausgerollt. 50 Objekte habe er dort zur Auswahl gehabt. Die TZ Net GmbH ist von Dortmund nach Lüdenscheid gekommen und hat ihre Ideen zu einer Zusammenarbeit mit der TU Dortmund auf den Tisch gelegt. Auch die Stadtentwicklung war zu Gast am Wefelshohl und hat für Dortmund geworben, schon sehr früh, aber eigentlich wollte Koerschulte immer in Lüdenscheid bleiben.

Es ist erschreckend, wie man in dieser Stadt mit diesem innovativen Thema umgegangen ist. Allein Interesse wäre hilfreich gewesen. Aber da war nichts. Die pure Ignoranz.

Norman Koerschulte, Drohnen-Pionier

So wird es das Headquarter aber nun – zunächst festgeschrieben auf zehn Jahre – in Dortmund geben. Und Koerschulte blutet dabei ein Stück weit das Herz. „Ich habe das doch für meine Stadt machen wollen. Irgendwer muss doch hier für die Arbeitsplätze von morgen sorgen.“ Nun wird der Lüdenscheider, der mit seiner Familie (drei Kinder) weiterhin in Lüdenscheid zu Hause sein wird, in den Dortmunder Süden pendeln, und mit ihm seine Mitarbeiter. Einer kommt aus Aachen, einer aus Münster, einer aus der Schweiz. Sie seien gerne nach Lüdenscheid gekommen, weil das Projekt Strahlkraft gehabt habe, sagt Koerschulte. Nun werden sie nach Dortmund fahren.

Norman Koerschulte geht mit dem Gefühl, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt. Noch eine Anekdote erzählt er: In Iserlohn fliegen die Morpheus-Drohnen die Ärzte und Krankenhäuser ab und bringen die Blutproben ins Labor. In Lüdenscheid, der Stadt der Brückensperrung mit all ihren Staus, machen das noch immer Kurierfahrer. Aus der Geschichte, die sich eigentlich von selbst zu schreiben schien, ist so eine Geschichte geworden, die surreal klingt. Für Lüdenscheid ist es die Geschichte einer verpassten Gelegenheit.

Im Mai hatte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) das Unternehmen besucht.

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