VonMarkus Hannekenschließen
Im Juni 2023 wurde in Hamm der „Erlebensraum Lippeaue“ eröffnet, ein riesiges Umweltprojekt mit einem Publikumskern nahe der Innenstadt. Was war in den vergangenen sieben Jahren nicht alles gesagt und geschrieben worden. Und jetzt? Wenig Strahlkraft blieb, stattdessen Ernüchterung. Ein Kommentar.
Sie kennen das vielleicht: Regelmäßig prämieren Verbraucherschützer Verpackungen, deren Größe mehr verspricht, als der Inhalt hält. Bei denen den Käufern durch Tricks mit Luft und doppeltem Boden suggeriert wird, sie bekämen value for money. Mogelpackungen eben.
Mag sein, dass der direkte Vergleich mit dem Erlebensraum Lippeaue nicht ganz fair ist. Der indirekte aber drängt sich auf.
In den Jahren vor dem ersten Spatenstich, aber auch während der viereinhalbjährigen Bauphase selbst wurden seitens der Planenden öffentlichkeitswirksam Erwartungen geweckt, denen sie am Ende nicht gerecht wurden… - oder womöglich gar nicht gerecht werden konnten.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: Der Erlebensraum umfasst in seinen Ausmaßen erheblich mehr als den von der Münsterstraße begehbaren Auenpark - und rechts und links wurde ein kilometerbreites Paradies für Fauna und Flora (weiter)entwickelt. Inmitten ein vorbildlich angelegter Weg für Fußgänger und Radler. Das allein ist aller Ehren und viele Besuche wert. Und auch diese Art von Lebensraum kann und muss man „erleben“.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: Auenpark unattraktiv
Womit wir beim fraglos originellen namensgebenden Wortspiel angekommen sind: „Erlebensraum“. Und nicht „Erlebnisraum“, wie sich bei vielen Hammern leider eingegraben hat – denn „Erlebnisse“ gibt’s vielleicht auf einer Kirmes oder am Ballermann, in diesem Fall ging es immer und geht es weiterhin um das „Erleben“ der Natur.
Aber: Der Auenpark war stets als das Herz des Projektgebiets benannt worden, in dem sich Besucher möglichst zahlreich aufhalten sollten. Was bei einem Projekt dieser Größenordnung und Lage – immerhin einst als bessere Alternative zum gescheiterten Lippesee-Vorhaben angepriesen! – ja auch zwingend angeraten ist. Doch vieles von dem, was in dieser Hinsicht lange Zeit ambitioniert, lustvoll und ideenreich diskutiert und kommuniziert wurde, verlor sich im Lauf der Zeit in Beliebig- und Belanglosigkeit. Um es hart zu sagen: Der Auenpark ist weitgehend unattraktiv und ohne Aufenthaltsqualität für ein breites Publikum. Und vermittelt den Eindruck, als hätten die Planer über die durch Corona, Lieferprobleme, Umweltschutzdiskussionen und nicht zuletzt wechselnde Verantwortliche geprägte Bauphase die Lust verloren und seien am Ende froh gewesen, dass alles irgendwie fertig wurde.
Der Faktor Mensch blieb dabei auf der Strecke.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: Betonsockel statt Seilbahn
Einige Beispiele:
- Im Prestigebereich Lippestrand dominieren hochstehendes Grün und grässliche Betonssitzsockel (ist das Kunst, oder kann das weg?),
- die riesigen „Baden-verboten“-Schilder signalisieren eher ein „Bleibt bloß weg!“ (zum Glück wurden vergleichbare am Flugplatz wieder entfernt),
- die der Lippe zugewandten Aufenthaltshügel sind verwahrlost,
- die Kletterwand ist unfertig, die Discgolf-Fläche für eine Randsportart zu groß und zu wild,
- Hinweise auf die (immerhin vorhandenen!) Fitnessgeräte und die Vogelbeobachtungshütten fehlen ebenso wie auf den archäologischen Infopunkt (ein bereits teilweise verwilderter Hügel mit wenig Mehrwertreiz tief im Westen),
- die Aussichtsplattform ist nichts für kleine Leute,
- es gibt zu wenige Bänke (zum Genießen), die wenigen Bäume sind zu klein (zum Beispiel für Schatten),
- Fahrradständer sind teils zugewuchert,
- von einst geplanten (kleineren) Veranstaltungen und zeitweisen Imbissangeboten ist quasi keine Rede mehr
- und on top ist die wichtigste Zuwegung über die dafür fast unveränderte Straßenbrücken nicht nur angesichts der jahrelangen Planungszeit eine Zumutung. Ja, die anfangs heiß diskutierte Seilbahn mag utopisch gewesen sein – aber dieses Ergebnis ist das genaue Gegenteil.
Erlebensraum Lippeaue in Hamm: Leuchtturm im Treibsand
Zusammengenommen drängt sich der Eindruck auf, als habe der zunehmende Zeit- und Gelddruck den Planern immer mehr die Luft abgeschnürt. Die große Eröffnung des teils unfertigen Erlebensraums im Juni war dann zwar der Befreiungsschlag, doch er verpasste der Vorfreude vieler Hammer einen breit diskutierten Dämpfer und warf Fragen auf wie „Und – was soll das jetzt? Und wo ist das viele Geld geblieben?“.
Die knapp 40 Millionen verbauten Euro lassen sich natürlich hinsichtlich des eingangs beschriebenen Gesamtprojekts erklären - doch damit der Erlebensraum Lippeaue nicht als Steuergrab in die Annalen eingeht, sind Nachbesserungen und konstante Pflege nicht nur sinnvoll, sondern bei allem Verständnis für eine natürliche Erscheinung auch angeraten. Doch auch das ist angesichts der Größe und der Langfristigkeit eine finanzielle und logistische Mammutaufgabe.
Der Erlebensraum Lippeaue galt der Stadt Hamm über Jahre als Leuchtturmprojekt. Doch der Treibsand darunter wurde nicht erkannt, und die Strahlkraft ist allenfalls mäßig. Hoffen wir im Sinne der Menschen in unserer Stadt, dass die Kraftreserven ausreichen, um nicht schon im kommenden Jahr (noch mehr) Gras über die ganze Sache wachsen zu sehen.


