Pflanzenschutzmittel

EU will weniger Pestizide: Bauern in der Hellwegbörde sind nervös

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Die Hellwegbörde ist für ihren produktiven Ackerboden bekannt. Ein Pflanzenschutz-Verbot würde die Landwirtschaft enorm verändern. Gemüse, Kartoffeln und Raps wären kaum noch anbaufähig.

Kreis Soest – Im Streit um ein Komplettverbot jeglicher Pflanzenschutzmittel in sensiblen Schutzgebieten ist die EU zurückgerudert. Das geht aus einem inoffiziellen Schreiben, einem sogenannten „Non-Paper“, der Kommission hervor, das bereits im November 2022 durchsickerte.

An ein Aufatmen ist für die Landwirte der Hellwegbörde dennoch nicht zu denken. Dies machten der EU-Abgeordnete Dr. Peter Liese (CDU) sowie Experten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbands (WLV), der Fachhochschule (FH) Südwestfalen in einer Videokonferenz deutlich. „In dem Non-Paper ist es nicht vorgesehen, Vogelschutzgebiete auszunehmen“, erläuterte der EU-Abgeordnete Liese. „Und das macht die Bauern im Kreis Soest noch nervöser.“ Denn der in dem Schreiben formulierte Kompromiss schone zwar alle anderen, treffe aber trotzdem die in der Hellwegbörde ackernden Landwirte.

Pflanzenschutzverbot: Kartoffeln und Raps wären kaum noch anbaufähig

Bei dem Gebiet handelt es sich um ein ausgewiesenes Europäisches Vogelschutzgebiet. Es erstreckt sich als hoch produktive Agrarlandschaft mit über 50 .000 Hektar in den Kreisen Soest, Unna und Paderborn.

Welche Folgen ein Pflanzenschutzmittel-Verbot hätte, untersuchte Prof. Dr. Friedrich Kerkhof vom Fachbereich Agrarwirtschaft in seiner Studie. „Die Landwirtschaft in der heimischen Hellwegbörde würde sich enorm verändern, würde der Vorschlag der EU-Kommission Realität“, so Kerkhof. Gemüse, Kartoffeln und Raps beispielsweise wären kaum noch anbaufähig und würden damit von den Flächen verschwinden, so das aktuelle Gutachten der Soester Fachhochschule.

Der Vorschlag der EU-Kommission, in sensiblen Gebieten auf Pflanzenschutz zu verzichten, würde die Landwirtschaft in der heimischen Hellwegbörde enorm verändern. Kartoffeln und Raps wären kaum noch anbaufähig und würden von den Feldern verschwinden, so die Landwirte.

Auf guten Ackerbaustandorten wie der Hellwegbörde seien Einkommensminderungen bei den Früchten Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben und Weizen am höchsten – mindestens 30 Prozent bis hin zum Totalausfall. Als Folge des Fungizidverzichts verliere der Kartoffelanbau an wirtschaftlicher Attraktivität.

Pflanzenschutzverbot: ABU wünscht Pflanzenschutz

Der Naturschutzverein Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU), der vorrangig im Kreis Soest tätig ist, betreut seit Jahrzehnten die Vogelschutzgebiete in der Region. Es bestehe eine enge Zusammenarbeit zwischen ABU und Landwirtschaft, erklärt Liese. „Es gibt auch Gebiete, in denen Pflanzenschutz im Rahmen des Vertragsnaturschutzes und in Kooperation in Gänze bereits abgeschafft ist“, sagte der EU-Abgeordnete und ergänzt: „Aber im großen Vogelschutzgebiet Hellwegbörde wird Pflanzenschutz weiter betrieben. Das ist auch ausdrücklich der Wunsch der ABU, also der Menschen, die sich vor Ort um die Vögel kümmern.“

In einem Brief an Liese und an die als SPD-Abgeordnete für Südwestfalen im Europäischen Parlament tätige Birgit Sippel habe der Vorsitzende Joachim Drüke den Standpunkt der ABU verdeutlicht. „Durch ein Pestizidverbot sehen wir diese gemeinsam erarbeiteten Erfolge und die weitere Zusammenarbeit als stark gefährdet an“, heißt es in dem Schreiben, dass Liese im Rahmen der Videokonferenz präsentierte.

Pflanzenschutzverbot: Verzicht auf Chemie mindert Ernte-Qualität

In der Hellwegbörde bestehe eine bewährte Zusammenarbeit im Rahmen des kooperativen Vertragsnaturschutzes an der Landwirte, Landwirtschaftskammer, Naturschutzbehörden, die ABU und andere Biologische Stationen beteiligt sind. „Alle Beteiligten wollen sie verstärkt fortführen“, so Drüke in dem Brief. Und weiter: Man arbeite kontinuierlich an einer Reduzierung von Pflanzenschutz in den Vogelschutzgebieten. Dies erfolge stets in Partnerschaft mit den Landwirten.

Prof. Dr. Friedrich Kerkhof Fachhochschule stellte sein Gutachten zu den Plänen der EU-Kommission vor.

Krisen wie die Corona-Pandemie oder der Ukraine-Krieg hätten gezeigt, welch große Bedeutung regionale Standorte wie die Hellwegbörde mit garantierten hochwertig qualitativen Ernten für die Ernährungssicherheit haben. Ein striktes Pestizidverbot würde einen erheblichen Einschnitt bedeuten, wie Burkhard Schröer, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Soest, schilderte. „Mit einem Komplettverbot von Chemie in diesem Gebiet nimmt man die Möglichkeit, hier Qualität und Sicherheit zu haben“, so Schröer. „Das sind Dinge, die uns Landwirte hier im Kreis Soest umtreiben und uns dazu veranlassen, bei jeder Gelegenheit auf die Konsequenzen der EU-Pläne hinzuweisen.“

Der Vorsitzende des WLV-Pflanzenausschusses ergänzt: „Wenn wir gesunde Lebensmittel auf dem Feld aber auch nachher als Rohstoff für die Nahrungsmittelherstellung erzeugen wollen, dann wird um den wirklichen Pflanzenschutz als Medizin kein Weg vorbeiführen.“

Pflanzenschutzverbot: Praktikable Lösungen gefordert

Der EU-Abgeordnete Liese fordert eine Änderung des EU-Vorschlags und plädiert dafür, ein Pflanzenschutzverbot in sensiblen Gebieten nicht mit dem „Holzhammer durchsetzen zu wollen, wie es in der Hellwegbörde vorgesehen wäre.“ Statt eines Verbots befürwortet er praktikablere Lösungen und weiterhin auf die Zusammenarbeit mit den Bauern zu setzen.

Rubriklistenbild: © Pleul/dpa

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