Hausarzt will Oberbürgermeister werden: „Mein Bruder hat mich gefragt“
VonMaximilian Gang
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Als Hausarzt ist Erol Gürle schon so manchem Menschen in Hamm bekannt. Nun will der „Pro Hammer“ OB werden – auch auf Wunsch seines Bruders.
Hamm – Erol Gürle ist jemand, der anderen Menschen zuhört. Die Art Mediziner, die sich zwischen Gesundheits-Check, Mitarbeiterführung und der Behandlung von akut Erkrankten auch mal die nötigen Minuten freischaufelt, um sich die Probleme aus dem Privatleben der Patienten anzuhören. Aufmerksam, geduldig, nett – selbst wenn das Wartezimmer in seiner Herringer Hausarztpraxis mal wieder proppenvoll ist. So zumindest der Eindruck, den wa.de aus den Reihen seiner Patientenschaft vernehmen konnte. Und dieser Eindruck, so erzählt der 52-Jährige, kommt nicht von ungefähr: „Ich möchte nicht nur zwischen den Leuten hin und her hetzen, sondern ihnen bei ihren Sorgen helfen.“
Das Etikett eines puren Polit-Profis möchte der Herringer sich deshalb nicht anheften lassen. „Ich bin kein Politiker. Ich bin Mediziner, der seit einiger Zeit hier in Hamm auch politisch aktiv ist“, sagt er direkt zu Beginn des Gesprächs offen. Dass sein Gesicht den Menschen in der Stadt derzeit auf dutzenden Plakaten entgegengrinst, lässt eine andere Deutung zumindest nicht abwegig erscheinen. Zweimal strebte sein Bruder, „Pro Hamm“-Gründer Cevdet Gürle, für die Wählergruppe bereits das Amt des Oberbürgermeisters an, jeweils als klarer Außenseiter und mit entsprechendem Ergebnis (2014: 2,7 Prozent, 2020: 2,59 Prozent). 2025 steht nun der ältere Geschwisterteil im Mittelpunkt des Wahlkampfs bei der Kommunalwahl in NRW – auch auf Bitte des Gründers.
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Kommunalwahl 2025: Erol Gürle als neues Gesicht für Pro Hamm
„Mein Bruder sagte, es wäre vielleicht gut, mal ein neues Gesicht in den Vordergrund zu stellen. Deshalb hat er mich gefragt, ob ich Interesse an einer Kandidatur hätte“, erzählt der „Pro Hammer“, der seit 2020 für die Wählergruppe im Stadtrat sitzt. Der Mediziner sei „genau so gut“ wie er selbst, habe sein Bruder zu ihm gesagt. „Die Leute schätzen und respektieren dich. Das war seine Aussage. Ich hoffe, das stimmt auch“, so Gürle. Nach etwas Bedenkzeit habe er dem Ganzen schließlich zugesagt. „Auf der Wahlversammlung wurde der Vorschlag angenommen. Kein anderer wollte sich zur Wahl stellen damals“, erinnert sich Gürle.
Tauscht der Mediziner also bald das Behandlungszimmer gegen das OB-Büro im Rathaus? Wohl eher nicht, wie er selbst sagt. Für ihn sei der Gedanke an einen Wahlsieg vermessen. Ingo Müller, Kandidat der FDP, äußerte sich kürzlich ähnlich. Ganz so sicher war sich aber wohl nicht jeder: „Als wir die Kandidatur öffentlich gemacht haben, kamen Patienten auf mich zu und fragten, ob sie sich einen neuen Hausarzt suchen müssten. Selbst wenn ich Oberbürgermeister werden würde, würde ich die Praxis auf keinen Fall zumachen. Aber so weit wird es gar nicht kommen, denke ich.“ Trotz einer solchen Prognose bleibe ein bisschen Aufregung in seiner Position nicht aus. 2020 war der 52-Jährige bereits Platz zwei auf der Ratsliste, im Fokus des „Pro Hamm“-Wahlkampfes stand er jedoch zuvor noch nie.
Wenn die OB-Ambitionen also eher klein ausfallen, warum stellt sich der gut ausgelastete Hausarzt trotzdem ins Rampenlicht? Er wolle der Wählergruppe eine gewisse Präsenz verleihen, erklärt Gürle. Auch, wenn mit der Öffentlichkeit nicht nur schöne Momente einhergehen, wie der 52-Jährige während des Gesprächs berichtet. Vor der Wahl 2020 sei ein Schreiben im Briefkasten seiner Praxis gelandet. Der Inhalt: „Irgendwas nach dem Motto, wieso machen Sie Politik hier in Hamm? Gehen Sie doch in die Türkei zu ihrem Freund Erdogan und werden da Oberbürgermeister.“ Was dem Verfasser dieser Zeilen wohl durchgerutscht war: OB wollte damals Cevdet Gürle werden. „Der dachte, ich wäre mein Bruder. Was soll ich dazu sagen? Meine Mitarbeiterinnen waren natürlich schockiert. Aber das ist halt das Politikgeschäft.“
Dass sein Nachname insbesondere durch seinen Bruder bereits eine gewisse Bekanntheit im politischen Hamm hat, lässt sich nicht abstreiten. Doch für die Menschen in Herringen dürfte Erol Gürle auch abseits seiner medizinischen Tätigkeit kein unbeschriebenes Blatt sein. „Ich bin im Hammer Westen groß geworden. Viele kennen mich, ob über die Moscheegemeinde oder den Praxisbetrieb“, erzählt der 52-Jährige. Über die Jahre habe er sich vernetzt, sei in Teilen seines Bezirks mittlerweile „bekannt, wie ein bunter Hund“.
Studium an der Charité: Aus der Hauptstadt zurück nach Hamm
Dass sich Gürle wohlfühlt in seiner gewohnten Umgebung, merkt man schnell. Über einen Sommerurlaub hinaus habe ihn nie etwas in die weite Welt verschlagen – mit einer unfreiwilligen Ausnahme. „Ich habe damals mein Abitur am Märkischen Gymnasium gemacht und wollte schon immer unbedingt Medizin studieren“, erzählt der OB-Kandidat. Also die Bewerbung rausgeschickt, möglichst für einen Platz an einer Uniklinik in NRW. Letztlich kam das Angebot jedoch nicht nur mit einem Jahr Verspätung (wegen des NCs), sondern auch aus Berlin. An der traditionsreichen Charité-Klinik war jemand abgesprungen, der Weg für Gürle in die Hauptstadt also frei. Es sei sein Vater gewesen, der ihm dazu geraten habe, die Chance wahrzunehmen.
Heute sei er für diesen Rat dankbar. Aber, und das betont der Mediziner: Der Schritt zurück war bewusst gewählt. „Hamm bedeutet für mich Heimat. Für diesen Entschluss wurde ich von meinen Kollegen in Berlin belächelt, aber ich bereue nichts.“ Die Entscheidung sei ohnehin wohlüberlegt gewesen: In der Hauptstadt habe er keine Familie gründen wollen, dort gebe es zu viele „negative Seiten“, sagt der 52-Jährige. Im ruhigen Westfalen gab es diese Seiten offenbar nicht: Gürle hat mittlerweile zwei Kinder, eine zwölfjährige Tochter und einen zehn Jahre alten Sohn, um die er sich als alleinerziehender Vater kümmert. Seine Ehefrau verstarb vor zwei Jahren an einer Krebserkrankung. „Auch als Mediziner hat man manche Sachen leider nicht in der Hand“, so Gürle.
Neben der Kinderbetreuung und der Praxis ist die Zeit für Wahlkampf bei Erol Gürle also begrenzt. „Ich gehe weiter meiner normalen Arbeit nach. Im Anschluss kümmere ich mich um die Kinder und dann kann ich zu den Veranstaltungen dazustoßen. Mein Hauptaugenmerk lege ich deshalb auf die Wochenenden.“ Wenn er selbst verhindert sei, seien es die Mitglieder von Pro Hamm, die die Stellung für ihn hielten – allen voran natürlich sein Bruder.