Hoher Sachschaden

Geldautomaten-Sprengungen nehmen zu — Banken sind machtlos

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In Deutschland, vor allem in NRW, werden Geldautomaten immer häufiger gesprengt. Die Schäden gehen in die Millionenhöhe. Eine Gefahr ist aber noch größer.

Düsseldorf – Das erste Mal, dass in NRW ein Geldautomat in die Luft flog, war im Jahr 2005. Die Premierentat, der eine regelrechte Flut von Geldautomaten-Sprengungen folgen sollte, fand in Köln statt. „Zu einem Phänomen wurden diese Überfälle dann seit dem Jahr 2015“, sagt Maren Menke vom Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf auf Anfrage von wa.de. Hier versucht man seitdem, dieses Problems Herr zu werden. Dabei geht es nicht mehr nur um das gestohlene Bargeld – allein im Jahr 2021 war es bei 392 Sprengungen bundesweit 19,5 Millionen Euro an Beute. Es geht auch darum, weitere Sachschäden an Gebäuden ebenfalls in Millionenhöhe zu vermeiden. Und es mutet nach wie vor wie ein Wunder an, dass es noch keine Todesopfer gegeben hat.

Immer mehr Geldautomaten werden gesprengt: Warum die Banken machtlos sind

Die Geldautomaten-Sprengungen gelten mittlerweile als die Banküberfälle der Moderne. Während die Zahl der Überfälle von über 1000 Ende der 1990er Jahre auf nur noch 21 im Jahre 2021 sank, stieg die Zahl der Automaten-Sprengungen fast exponentiell an. NRW ist nach wie vor ein Bundesland, dass viele Tatgelegenheiten bietet. „Ein überwiegender Teil der Täter kommt aus den Niederlanden, und die NRW-Grenze zum Nachbarland ist lang. Wir sind von Tatgelegenheitsstruktur eine beliebte Anlaufstelle“, sagt Menke.

Bereits 2015 wurde die Ermittlungskommission „Heat“ innerhalb des LKA gegründet, die sich schwerpunktmäßig mit den Sprengungen befasst. Spätestens seit dem Frühjahr 2022 ist das Thema Chefsache, nachdem im NRW-Innenministerium von Herbert Reul (CDU) die Sonderkommission Begas (Bekämpfung und Ermittlung von Geldautomatensprengungen) eingerichtet wurde. Seitdem ist diese Soko der strategische Kopf bei der Bekämpfung dieser Straftaten. Und seitdem wurde der Austausch mit den Vertretern von Banken und Kreditinstituten nochmals verstärkt. Ebenso wie der Austausch mit den Polizeistellen in den ebenfalls häufig betroffenen Bundesländern Niedersachsen und Hessen. Auch der Kontakt mit den Polizeidienststellen in den Niederlanden wurde intensiviert.

In NRW kommt es sehr häufig zu Automatensprengungen

Nach wie vor sind die Tatgelegenheiten in Deutschland aufgrund der Vielzahl von Geldautomaten hoch. Allein in NRW existieren mehr als 10 000. Das gut ausgebaute Autobahnnetz und die hohe Abdeckung an Geldautomaten auch im ländlichen Raum begünstigen diese Form der Kriminalität zusätzlich. So kam es beispielsweise in Kierspe in diesem Jahr bereits zu zwei Sprengungen.

Allein im vergangenen Jahr nahm die Polizei in NRW 23 Tatverdächtige fest. Seit der Gründung der EK Heat sind es 190 Festnahmen (Stand: 1. Februar 2023). Doch diese Erfolge schrecken die Täter nach wie vor nicht ab, ihr gefährliches Unwesen zu treiben.

Sicherung der Geldautomaten wirkt nur begrenzt

Viele der Präventionsvorkehrungen zur Sicherung der Geldautomaten haben nur begrenzte Wirkung. Der Einsatz von Farbe, der die Geldnoten bei einem Angriff verschmutzt, ist für die Täter kein Hinderungsgrund. Denn für die verfärbten Scheine haben die Täter im osteuropäischen Ausland Abnehmer gefunden, die diese zum halben Preis aufkaufen. Der Einsatz von Klebstoffen wie in den Niederlanden ist nach Auskunft des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe in Deutschland nicht erlaubt. Doch auch hier hätten die Täter bereits Wege gefunden, die Geldscheine wieder auseinander zu bekommen. „Es ist ein ewiges Katz-und-Maus-Spiel“, sagt Volker Willner vom Sparkassenverband.

Dass die Täter über die Grenze kommen, um ihre Taten in Deutschland zu begehen, habe laut LKA mehrere Gründe. „In den Niederlanden gibt es zunächst einmal viel weniger Geldautomaten“, erläutert Menke: „Die Niederländer haben einen anderen Umgang mit Geld: Sie zahlen nicht mehr so oft bar. Dort ist Kartenzahlung Standard. Die Deutschen haben nach wie vor gerne Geld in der Tasche.“ Zum anderen hätten die Kreditinstitute in den Niederlanden viel in Sicherheit investiert. Die Folge ist, dass in den Niederlanden ist die Quote von 129 Fällen im Jahr 2013 auf 15 im Jahr 2022 sank.

„Die Präventionsmaßnahmen in Deutschland sind ähnlich zu denen in den Niederlanden“, sagt Volker Willner vom Sparkassenverband Westfalen-Lippe. Doch weil die Automaten im Nachbarland aufgrund der geringeren Nachfrage mit weniger Bargeld bestückt sind, sei es für die Verbrecher lukrativer, nach Deutschland zu kommen.

Geldautomaten-Sprengungen: Nebelanlagen könnten Täter abschrecken

Als relativ effektiv hat sich mittlerweile laut LKA der Einbau von Nebelanlagen bewährt. Diese erschweren den Tätern die Sprengung oder halten sie im besten Fall komplett davon ab. Diese Anlagen werden bei einem gewaltsamen Eindringen beispielsweise in einer Bankeingangshalle in Gang gesetzt.

Beim Sparkassenverband Westfalen-Lippe, der in NRW allein 2000 Geldautomaten unterhält, wissen sie allerdings, dass dies auch kein Allheilmittel ist. „Die Täter schauen vorher, wie der Weg zum Geldautomaten ist und finden diesen dann auch im Nebel“, sagt Willner. Auch die Schließung der Geldautomaten über Nacht ist eine Maßnahme, die eigentlich immer empfohlen werde. Doch laut Willner sei keine der Maßnahmen ist geeignet, eine Sprengung zu 100 Prozent zu verhindern: „Es werden auch Automaten angegriffen, die deutlich mit den Sicherheitsvorkehrungen gekennzeichnet sind“.

Immerhin: Beim Sparkassenverband sank die Zahl der Angriffe von 35 im Jahr 2021 auf 28 in 2022. Der „Erfolgsquote“ der Täter sei gleich geblieben. „Sie liegt bei 40 Prozent“, so Willner. Bis zum 6. Februar dieses Jahres wurden in ganz NRW bislang 17 Sprengungen verzeichnet. Im Vorjahr lag die Zahl zum selben Zeitpunkt bei 29 Taten. Auch hier eine Tendenz, die vielleicht hoffen lässt.

Täter nutzen meist Sprengstoff, um Automaten in die Luft zu jagen

Schon seit längerer Zeit leiten die Täter kein Gas mehr in die Geldautomaten ein, um diese zu sprengen, sondern greifen zu Sprengstoff, den sie meist aus illegalen Böllern herstellen. Dieser ist nicht nur schneller anzubringen, sondern hat auch teilweise verheerende Folgen. Mehrere Gebäude, in den Automaten in die Luft gesprengt wurde, waren danach vom Einsturz bedroht oder stark beschädigt.

Der Täterkreis ist derselbe geblieben: In aller Regel handelt es sich nach den Erkenntnissen der Ermittler um eine mehrere hundert Mann starke Gruppe von marokkanischen Einwanderern, die in kleinen Teams immer wieder aus dem Raum Amsterdam und Utrecht nach Deutschland einreisten, um die Geldautomaten zu überfallen. Mittlerweile hat sich das Problem sogar bis nach Baden-Württemberg und Bayern verlagert, wo in der vergangenen Woche neun Tatverdächtige geschnappt werden konnten. Zuvor hatten sie bei ihren Beutezügen einen Schaden von mehr als zehn Millionen Euro Schaden angerichtet – die Hälfte betraf beschädigte Gebäude.

Dass es 2022 trotz der erhöhten Deliktzahl nicht zu mehr Verletzten oder gar zu ersten Toten gekommen ist, rechnet man beim LKA in erster Linie dem Faktor Glück zu. „Es besteht immer eine große Gefahr für Unbeteiligte, aber auch für die Täter selbst, dass sie sich verletzten“, sagt Menke. - Von Jens Greinke

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