VonConstanze Juckenackschließen
Der Mangel an Hausärzten spitzt sich zu - vor allem für Patienten ist das ein Problem. Viele Ärzte setzen große Hoffnungen in ein Sommercamp für Studenten. Doch was bringt das?
Hamm – Für 30 Tage arbeiten in diesem Sommer 14 Medizinstudenten in Krankenhäusern oder Arztpraxen in Hamm. Nebenbei lernen sie die Stadt kennen. „Ziel ist, dass sie merken, dass wir hier in Hamm eine gute Medizin machen – und man hier auch sehr gut leben kann“, sagt Prof. Dr. Klaus Pethig, Chefarzt am St.-Marienhospital. Er organisiert zum zweiten Mal das Famulatur Sommercamp in Hamm, das er zur Marke aufbauen will – und hofft, dass die Studenten Hamm in guter Erinnerung behalten. Dann arbeiten sie vielleicht eines Tages in der Stadt.
Das wäre dringend nötig. Denn insbesondere die Zahl der Hausärzte ist seit einigen Jahren deutlich gesunken. Allein in den vergangenen drei Jahren haben mehr als ein Dutzend Hausärzte ihre Praxen geschlossen. 20,5 Hausarztsitze sind aktuell frei. So steht es in einer Liste der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Demnach gibt es noch 89 Hausärzte in Hamm.
Laut Kassenärztlicher Vereinigung sind 89 Hausarzt-Sitze in Hamm besetzt - eine Ärztesprecherin stellt die Zahl in Frage
„Ich gehe davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich niedriger ist“, sagt Dr. Ulrike Leise-Rauße, Sprecherin Hammer Ärzteverein. Etliche Ärzte würden in der Liste geführt, obwohl sie ihre Praxen aufgegeben haben oder nur Patienten mit besonderen Krankheiten versorgen. So stünden sie für die eigentliche hausärztliche Versorgung nicht zur Verfügung, sagt Leise-Rauße. Die Belastung in den verbliebenen Praxen sei hoch. Leidtragende sind neben Ärzten und Praxispersonal vor allem die Patienten.
Norbert Lepper ist Hausarzt in Heessen. Er geht davon aus, dass binnen der nächsten zehn Jahre nur noch zwei oder drei Praxen in seinem Stadtteil geöffnet sein werden. „Das Chaos wird vorprogrammiert sein, denn 20.000 Einwohner für drei Praxen bedeuten Menschenschlangen vor der Praxis bis auf die Straße, massiv gestresstes und erschöpftes Personal und, ganz wichtig, unausweichliche, eventuell lebensbedrohliche Fehler“, sagt er. Schon jetzt erreichten ihn täglich fünf Anfragen von Patienten, die eine Arztpraxis suchten. Er muss sie abweisen.
Aufnahmestopp: Etliche Arztpraxen nehmen seit Jahren keine Patienten mehr auf
Wie ihm geht es vielen. Die WA-Redaktion hatte im vergangenen Jahr alle Hammer Hausarztpraxen angeschrieben und gefragt, ob sie noch Patienten aufnehmen und gebeten, die Lage zu beschreiben und Lösungsvorschläge zu machen. Nur etwa ein Drittel der Praxen antwortete. Nahezu alle, die sich meldeten, erklärten, dass sie keine Patienten mehr aufnehmen, und das teils seit Jahren. Die Arbeitsbelastung in den vergangenen zehn Jahren sei deutlich gestiegen.
Neben einer höheren Patientenzahl führt Lepper das auf die Alterung der Gesellschaft zurück. „Der zeitliche Aufwand pro Patient ist deutlich gestiegen aufgrund des durchschnittlich höheren Alters und des dadurch bedingten höheren Morbiditätsgrades“, erklärt er. Viele hätten sehr viele unterschiedliche Krankheiten. Eine gute Versorgung sei entsprechend komplex, brauche viel Zeit – und bedeute in der Nachbereitung einen hohen bürokratischen Aufwand.
Ärzte arbeiten teilweise viel länger, als sie eigentlich vorhatten.
Leise-Rauße weiß von mehreren Medizinern, die kurz vor oder eigentlich im Rentenalter sind, aber trotzdem weiterarbeiten. Einige von ihnen suchen seit Jahren Nachfolger. „Man ist mit den Patienten ja älter geworden, betreut sie teilweise seit Jahrzehnten. Die Kollegen wollen sie nicht im Stich lassen und ihre Praxen ohne Nachfolger schließen. Deshalb arbeiten sie teilweise viel länger, als sie eigentlich vorhatten“, erzählt sie.
Arbeitskreis arbeitet an Wegen aus dem Ärztemangel
Dabei gibt es in Hamm ein Gremium, das Lösungen erarbeitet: den Arbeitskreis Gesundheit. Ihm gehören Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und Ärzte an. Es hatte unter anderem die Idee zu dem Famulaturcamp, in das viele Ärzte Hoffnung setzen.
In diesem Jahr kommen fünf der Teilnehmer aus dem Ausland, die übrigen aus Deutschland. Nicht alle haben schon einen Bezug zu Hamm, einige lernen die Stadt neu kennen. Wer will, bekommt eine Wohnung gestellt, dazu ein Rahmenprogramm mit Besuch von Sehenswürdigkeiten, aber auch Fachvorträgen. „Ich hoffe, dass die Teilnehmer Hamm positiv erleben“, sagt Organisator Pethig. „Meiner Auffassung nach muss man investieren. Von alleine werden die Absolventen nicht nach Hamm kommen.“
Medizinstudenten-Sommercamp: eine Investition in die Zukunft, aber keine schnelle Lösung
Eine schnelle Lösung ist das Camp nicht. Die Teilnehmer sind im sechsten bis zehnten Semester. Es dauert noch mindestens ein Jahr, bis sie ihr Studium abgeschlossen haben. Darauf folgt die Facharztausbildung – erst danach könnten sie eine Arztpraxis eröffnen oder übernehmen. „Bei den meisten wird es noch acht Jahre dauern, bis sie in eine Praxis einsteigen könnten“, sagt Pethig.
Seiner Ansicht nach muss parallel an anderen Lösungen gearbeitet werden, etwa Medizinischen Versorgungszentren. „Das wird kommen. Daran führt kein Weg vorbei.“ Allerdings braucht das Zeit. Die Stadt hatte das Projekt zuletzt nicht vorangetrieben, weil die Bundesregierung neue politische Rahmenbedingungen dazu vorstellen wollte. Das ist noch nicht geschehen. Auch Lepper hofft, dass MVZ aufgebaut werden, am besten in jedem Stadtteil. Darin könnten Ärzte angestellt und in Teilzeit arbeiten, wenn sie wollen.
Doch bis dahin werde es dauern. „Ich stelle mich in den nächsten zehn Jahren auf weitere Katastrophenmeldungen ein“, sagt Ärztesprecherin Leise-Rauße.
