VonConstanze Juckenackschließen
In Hamm gibt es zu wenig Hausärzte. Und diejenigen, die noch praktizieren, stehen oft kurz vor dem Ruhestand. Nachwuchs zu finden ist schwierig. Die neue Ärzte-Sprecherin sieht allerdings auch ihre Kollegen in der Verantwortung.
Hamm - Die Patienten sind alt, ihr Arzt ist älter. Vor wenigen Tagen meldete sich ein Paar – beide sind 70 Jahre alt – in unserer Redaktion. Ihr Hausarzt will seine Praxis zum Jahresende aufgeben. Seit Jahren sucht der Mediziner einen Nachfolger, vergeblich. „Ich bin Mitte 70“, sagt der Arzt, der seinen Ruhestand noch nicht öffentlich ankündigen möchte. „Es wird Zeit.“
Hausärzte-Rückgang der stärkste im Ruhrgebiet
Die Stadt Hamm hat in den vergangenen Jahren massiv Hausärzte verloren. Der Rückgang sei der stärkste im gesamten Ruhrgebiet gewesen, erklärt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe. Sie plant, wo sich wie viele Ärzte niederlassen dürfen. Rein rechnerisch gibt es laut KV 89,25 Hausärzte (Vollzeitstellen) in Hamm. Das sind neun weniger als vor drei Jahren – und 20,5 weniger, als sich in der Stadt niederlassen dürften.
Die WA-Leser spüren diesen Rückgang. „Ich habe mich direkt auf mein Rad geschwungen und bin zu anderen Praxen gefahren“, sagt die Leserin, deren Arzt die Praxis schließen will. „Ich dachte, sie sehen dann, dass ich zwar 70 bin, aber noch fit. Ich mache einer Praxis nicht viel Arbeit.“ Drei Ärzte fuhr sie an und kassierte drei Abfuhren. „Einmal sagte man mir, dass 20.000 Menschen in der Stadt auf Hausarztsuche sind.“
Täglich rufen 20 Patienten auf Arztsuche an
Dr. Ulrike Leise-Rauße geht davon aus, dass diese Zahl eher zu niedrig als zu hoch gegriffen ist. Seit wenigen Wochen ist sie Nachfolgerin von Dr. Matthias Bohle als Vorsitzende des Hammer Ärztevereins. „Wir haben auf jeden Fall einen deutlichen Hausärztemangel“, sagt die Allgemeinmedizinerin. In ihrer Praxis riefen täglich 20 Patienten auf Arztsuche an.
Zum Hausarztmangel tragen viele Faktoren bei. Der allgemeine demografische Wandel und Fachkräftemangel zum Beispiel, die zu geringe Zahl an Studienplätzen. Um das aktuelle Versorgungsniveau bis 2035 aufrechtzuerhalten, fehlten bis zu 6.000 Medizinstudienplätze pro Jahr, rechnete das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung 2019 vor.
Ausbildungszahlen ein Problem, aber auch Praxis-Zustand
Zudem entscheiden sich gemessen am Bedarf wenige Absolventen eines Medizinstudiums für eine eigene Praxis und Tätigkeit als Hausarzt. „Und wenn, dann kommen sie nur selten nach Hamm“, sagt Leise-Rauße. Die Stadt wirke auf viele junge Ärzte wenig attraktiv.
Ein Problem sieht sie aber auch bei der Hammer Ärzteschaft selbst: Zuletzt hätten nur wenige Praxen Hausärzte ausgebildet. Zudem hätten etliche Mediziner, die Nachfolger suchten, ihre Praxen jahrzehntelang kaum modernisiert. Mobiliar und IT seien veraltet gewesen. Einige hätten dennoch fünf- oder sechsstellige Summen für ihre Praxen verlangt. „Es ist klar, dass es dann schwierig wird, einen Nachfolger zu finden“, sagt Leise-Rauße.
Ärzte-Sprecherin wünscht sich anderes Auftreten
Sie wünscht sich aber auch ein anderes Auftreten der Hausärzte. „Viele klagen nur“, sagt sie. Man kritisiere die Bürokratie, die Politik. Sie kann die Kritik vielfach nachvollziehen, doch aus ihrer Sicht überwiegt das Positive. „Ich kann Menschen über Jahre begleiten und unterstützen“, sagt sie. „Hausarzt ist ein wunderbarer Beruf!“
Mehr Life, weniger Work
Insbesondere ältere Ärzte kritisieren, dass jüngere Kollegen weniger in der Praxis sind als früher üblich. Schließlich arbeiten heute in der Regel beide Ehepartner, so dass sich beide neben dem Beruf um die Familie kümmern. Zudem hätten Jüngere ein größeres Bewusstsein für eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Die KV teilt mit, man diskutiere seit Jahren über die veränderte Arbeitsbereitschaft. „Dieses Problem kann nur gelöst werden, indem die Arztpraxen von unnötigen Belastungen befreit und sinnvolle Möglichkeiten der Delegation ausgelotet werden“, teilt die KV mit. Daran arbeite man.
Die KV geht derzeit davon aus, dass der Negativtrend gebrochen ist. In diesem Jahr gab es vier neue Zulassungen in Hamm. „Wir sind zuversichtlich, dass wir die Zeiten des starken Rückgangs damit überwunden haben“, teilt ein Sprecher mit. Allerdings: 35 Prozent der Hausärzte sind über 60 Jahre alt. Ihr Ruhestand ist absehbar.
Rentnerpaar: Neuer Hausarzt auch bald 70 Jahre alt
Die Leserin und ihr Mann hatten bei der vierten Praxis Erfolg. Sie meldeten sich bei einem Mediziner, der sie vorher manchmal als Vertreter ihres Hausarztes behandelt hatte. „Deshalb hat er uns aufgenommen, obwohl er auch einen Aufnahmestopp hat“, sagt die Frau. Es wird eine Lösung auf Zeit. Der neue Hausarzt will nicht ewig weitermachen – schließlich wird auch er bald 70 Jahre alt.
