Kräftemangel

„Schließen, weil Mitarbeiter fehlen“: Immer weniger Azubis im Handwerk

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Wer heute einen Handwerker sucht, muss mit langen Wartezeiten rechnen – und hohe Preise bezahlen, weil sich die Firmen vor Aufträgen kaum retten können. Mitarbeiter fehlen überall. Die Lage dürfte sich weiter zuspitzen.

Hamm – Dem Handwerk in Hamm gelingt es nach wie vor nicht, mehr Auszubildende zu finden. Ganz offenbar fruchten die bisherigen Bemühungen nicht. Die nackten Zahlen sind noch einmal schlechter als im vergangenen Jahr. 280 neue Ausbildungsverträge wurden geschlossen – 10,8 Prozent weniger als 2022.

In den Nachbarkreisen läuft es besser als in Hamm

In den Innungsgewerken der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe sieht es nicht viel besser aus. 231 Menschen haben eine Ausbildung in den entsprechenden Betrieben begonnen. Das sind noch einmal 9 Prozent weniger als im Vorjahr, als es bereits einen Rückgang um 7 Prozent gegeben hatte.

In allen Lehrjahren gibt es 711 Azubis, was ebenfalls einem Rückgang von 9 Prozent entspricht. Erstaunlich: Im Kreis Soest (+13,4 Prozent) und im Kreis Unna (+9,6), die ebenfalls zur hiesigen Kreishandwerkerschaft gehören, stieg die Zahl der neuen Azubis nennenswert.

Deutlicher Nachholbedarf bei den klimarelevanten Gewerken

„Besonders auffällig ist, dass in Hamm bei den klimarelevanten Handwerken wie Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, dem Elektroniker Energie- und Gebäudetechnik sowie Stuckateuren weiterhin viel Luft nach oben bleibt“, sagt Detlef Schönberger, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe.

Das sei vor allem für die Energiewende problematisch, aber auch ganz allgemein. „Viele Handwerksunternehmen können keine Aufträge mehr annehmen oder müssen Filialen schließen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen.“

Es werde schon viel gemacht, betont Schönberger und zählt eine Reihe von Aktionen auf. Auch die Bildungsmesse sei so gut besucht gewesen wie nie.

Helm: Keine wesentliche Veränderung im Wahlverhalten

Arbeitsagentur-Chef Thomas Helm bekundet allerdings, dass bei den Schülern nach Klasse zehn noch keine wesentliche Veränderung im Wahlverhalten ihres weiteren Weges zu erkennen sei. Nur knapp mehr als 20 Prozent entschieden sich für eine Ausbildung. „Das sind extrem wenige im Vergleich zu früher“, so Helm.

Viele junge Menschen gingen zunächst weiter zur Schule, etwa am Berufskolleg. Und wenn sie sich doch für eine Ausbildung entschieden, dann eher im kaufmännischen Bereich oder anderen Bürojobs. „Das Handwerk wird als deutlich unattraktiver angesehen. Es braucht ein anderes Credo, eine andere Stimmung, eine praktische Anschauung“, so Helm.

Letztlich gebe es nicht zu wenige Jugendliche, sondern nur zu wenige Bewerber. Und so gibt es aktuell 341 gemeldete offene Stellen in der gesamten Kreishandwerkerschaft (+19 Prozent).

Handwerker werben als „Klimaschützer von Beruf“?

Um zumindest einige davon zu besetzen, soll nun die Kampagne „Handwerker. Klimaschützer von Beruf“ auch auf Hamm ausgeweitet werden. Die laufe in den Kreisen Unna und Soest bereits erfolgreich, so Schönberger. An Lehrer und Eltern appellieren die Verantwortlichen, junge Menschen zu einer Ausbildung im Handwerk zu ermutigen.

Werben fürs Handwerk: (von links) Kreishandwerksmeister Christoph Knepper, Detlef Schönberger, Azubi Torben Brinkmann, Arbeitsagentur-Chef Thomas Helm, Azubi Josua Wodtke und Elektrotechnikermeister Marco Schäfer.

Die sei keine Sackgasse, Meisterschule und ein mögliches Studium böten tolle Qualifizierungsperspektiven. Die Möglichkeiten, vom Handwerk vernünftig zu leben, seien so gut wie nie. „In den nächsten 20 Jahren brauchen wir uns keine Sorgen wegen mangelnder Aufträge machen“, meint Schönberger.

„Wird nie Maschine geben, die uns ersetzen kann“

Auch die Betriebe seien in der Verantwortung. „Sie sind gut beraten, proaktiv auf die jungen Menschen zuzugehen“, sagt Helm. Gezielte Praktika seien eine gute Chance, Schülern den eigenen Job schmackhaft zu machen.

Einer, der sich engagiert, ist Elektrotechnikermeister Marco Schäfer, der nach eigenem Bekunden keine Probleme bei der Suche nach Azubis habe. „Man muss da persönlich Zeit investieren und in die Schulen gehen. Ohne Elektriker läuft nun mal gar nix. Es wird nie eine Maschine geben, die uns ersetzen kann. Das ist ganz individuelle Arbeit.“

Rubriklistenbild: © Wolfgang Maria Weber/Imago

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