VonMarkus Hannekenschließen
Bücher über Hardrock und Heavy Metal gibt es viele. Aber zum Bestseller dürften die wenigsten geworden sein. Anders „Hard, Heavy & Happy“: Das Buch des Hammers Nico Rose mit spannenden Binnen-Einblicken in die riesige Szene erfährt ein großes mediales Interesse und verkauft sich außerdem bemerkenswert gut. Offenbar hat Rose einen Nerv getroffen.
Hamm - Was macht das 364 Seiten starke Paperback-Werk so interessant? Vermutlich ist es der Mix aus fundierter Wissenschaft, Unterhaltungswert, verständlicher Sprache und reizvoller Struktur. Die Grundlagen verkörpert Nico Rose in Personalunion: Der 44-Jährige ist sowohl erfahrener und anerkannter (Diplom-) Psychologe mit – unter anderem - sechs Fachbüchern über „Positive Psychologie in Organisationen“, einer dreijährigen Professur an der International School of Management in Dortmund sowie einer Vita voller Beitrags- und Vortragserfahrungen. Zugleich ist der phasenweise sehr gut verdienende „Psycho-Onkel“ (O-Ton mit Augenzwinkern) Dr. Rose seit rund 30 Jahren begeistert praktizierender Heavy-Metal-Fan mit entsprechendem Blick und ebensolcher Bodenhaftung.
Und Humor: Spürbar lustvoll beschreibt Rose zum Beispiel, wie Kollegen am 40. Geburtstag sein Bürotürschild austauschten: Statt „Vice President Employer Branding & Talent Acquisition“ hieß es dort plötzlich „The God of Metal“. Das Schild blieb übrigens dran.
Psychogramm der Spezies „Heavy-Metal-Fan“
Roses vorrangiger Ansatz ist das Erstellen einer Art Psychogramm der Spezies „Heavy-Metal-Fan“ - und einer Szene, die einerseits bunt und fransig ist, aber andererseits in ihrer gewollten Andersartigkeit auch bemerkenswert homogen. Neben der persönlichen Erfahrung und Szenebewertung gut ausgesuchter – prominenter und interner – Interviewpartner liegen dem Buch mehr als 6000 Quasi-Fallstudien zugrunde. Konkret: Mehr als 6000 überzeugte „Metalheads“ füllten Roses Online-Fragebogen komplett aus und lieferten mit ihren Antworten und Einlassungen jene belastbaren Grundlagen, die letztlich zum Untertitel „Heavy Metal und die Kunst des guten Lebens“ führten.
Autorenlesung im Pirates
Nico Rose liest am 13. August im „Pirates“ in Hamm (Südstraße). Ein erster Termin am 1. Juli musste wegen einer Corona-Infektion abgesagt werden.
Rose schlüsselt in seinem Buch auch Nicht-Metallern auf, warum mehr als zehn Prozent der Deutschen gern harte Gitarrenmusik hören und warum dieser vermeintliche Krach in der Regel nicht schädlich, sondern im Gegenteil für die Persönlichkeitsbildung sogar oft förderlich ist. Wichtig ist ihm dabei zu erklären, warum ein besonders hoher Prozentteil der Metal-Fans depressive Veranlagungen hat, die allerdings durch die Musik zumeist nicht verstärkt, sondern aufgeweicht werden. Und zwar auch aus eigener Erfahrung: „Ich hatte während meines Auslandsjahres in der 11. Klasse in den USA starke Depressionen mit sehr konkreten Selbstmordgedanken. Das beschreibe ich auch ausführlich im Buch. Was mir damals geholfen hat, ist extrem viel Sport – und garantiert die Musik.“
Gegensätze und Paradoxien des Metal-Universums
In seinem „Outro“ fasst Rose pointiert die Gegensätze und Paradoxien des von ihm durchleuchteten Metal-Universums zusammen: So sei Metal zugleich „laut und beruhigend, dreckig und erhaben, todernst und ironisch, vulgär und virtuos, hoffnungslos und zuversichtlich“. Rose bringt alles in allem aber das Kunststück fertig, diese Knoten zu lösen und zu erklären: „Ich denke, Metal spiegelt in seiner Gesamtheit auf wundersame Weise diese (…) Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz: Alles Leben strebt zum Tode hin und wird gerade dadurch lebenswert.“
Mit Hamm ist Nico Rose übrigens stark verwurzelt: Der Papa war Lehrer am Märkischen Gymnasium (MGH), die Mama hat am Oberlandesgericht (OLG) gearbeitet. Im Zusammenhang mit dem Studium war Rose zehn Jahre unterwegs, mit Stationen unter anderem in Münster, Düsseldorf und Wiesbaden. 2010 kam er („der Liebe wegen“) nach Hamm zurück. Mit Ehefrau Ina und zwei Kindern wohnt Rose im Hammer Osten. Er kokettiert zwar mit einem „taz“-Bericht über Hamm als eines der „dunkelsten Löcher in Westfalen“, lebt aber erkennbar gern hier und nutzt die Möglichkeiten der Stadt allein wie mit der Familie ausgiebig. 2018 rief Rose – der Wacken liebt, Slayer aber nicht und lieber Wein als Bier trinkt - die Facebookseite „Ministerium für Schwermetall“ ins Leben, die aktuell rund 50.000 Follower hat.
Das Buch
„Hard, Heavy & Happy - Heavy Metal und die Kunst des guten Lebens“, erschienen am 14. Juni 2022 im Heyne Verlag, Paperback, 368 Seiten, 18 Euro.

