VonAlexander Schäferschließen
Dortmund galt als „Herzkammer der Sozialdemokratie“. Doch am Sonntag hat die SPD das Rathaus verloren. Stimmen und Stimmung aus Dortmund.
Dortmund - In Dortmund ist am 28. September Historisches passiert. Nach 80 Jahren stellt erstmals nicht mehr die SPD den Oberbürgermeister der Stadt im östlichen Ruhrgebiet. In der Stichwahl verlor der amtierende Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) mit 47 zu 53 Prozent gegen den Herausforderer von der CDU, Alexander Kalouti. Es ist seit Bestehen der Bundesrepublik der erste Sieg eines Christdemokraten im Kampf um das Amt der Stadtspitze in der „Herzkammer der Sozialdemokratie“, wie der legendäre SPD-Bundestagsfraktionschef Herbert Wehner Dortmund einst verklärte. Die SPD erlebte am Sonntag also einen Infarkt. „Wir haben zusammen Geschichte geschrieben“, sagte CDU-Mann Kalouti um 18.50 Uhr im Rathaus der Stadt.
In der ersten Meldung aus den Wahllokalen lag Westphal noch vorne, doch schon um 18.12 Uhr wendete sich das Blatt. Mit jedem Ergebnis mehr aus den Stimmlokalen baute Kalouti seinen Vorsprung aus. Als um 18.47 Uhr der CDU-Sieg offiziell verkündet wurde, herrschten bei der SPD Entsetzen und Fassungslosigkeit. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagte die Dortmunder SPD-Politikerin Nadja Lüders, die für die SPD im nordrhein-westfälischen Landtag sitzt, unserer Zeitung. Dabei hatte eine Forsa-Umfrage ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorausgesagt. Im ersten Wahlgang vor zwei Wochen lag Westphal noch zehn Prozentpunkte vor CDU-Mann Koulati.
Dass die historische Pleite kein gutes Omen für die Landtagswahl in zwei Jahren im bevölkerungsreichsten Bundesland ist, ist Lüders bewusst. „Wenn Hendrik Wüst dann gewinnt, kann er sich mit Daniel Günther um die Kanzlerkandidatur der Union streiten.“ In den Umfragen trennen CDU und SPD in NRW Welten vor der Wahl 2027.
CDU-Landeschef Wüst hatte Kalouti im Schlussspurt unterstützt. So war der NRW-Ministerpräsident am Tag vor der Stichwahl nach Dortmund gereist, um für Stimmen zu werben. „Nach 80 Jahren sind jetzt mal die anderen dran“, sagte der NRW-Ministerpräsident auf dem Hansaplatz. Dortmund habe die „Riesenchance“ auf den Wechsel, so Wüst. Er war nicht der einzige prominente Unterstützer. Im Dortmunder Norden zeigten sich an der Seite von Kandidat Kalouti CDU-NRW-Generalsekretär Paul Ziemiak – und Roman Weidenfeller. Ja, genau. Der Weidenfeller, der im Tor von Borussia Dortmund Titel holte und 2014 auf der Ersatzbank sogar Weltmeister wurde.
Als Westphal am Sonntagabend den Saal der SPD betrat, gab es trotzigen Beifall. „Es ist ein historisch schlechter Tag“, sagte Dortmunds SPD-Chef Jens Peick. Auch aus ihm sprach der Trotz: „Wir sind die stärkste Fraktion im Stadtrat und werden die Stadt sozialdemokratisch gestalten“, erklärte er. Die SPD-Wähler hätten einem „hervorragenden Oberbürgermeister“ ihre Stimme gegeben. Doch die Lust auf eine große Koalition unter der Führung eines CDU-Oberbürgermeisters ist bei der Basis der Dortmunder SPD sehr gering.
„Verstanden habe ich es noch nicht“, kommentierte Westphal seine am Ende doch deutliche Niederlage. Er habe die Partei „so überzeugt und füreinander gesehen wie ewig nicht“. Doch die Ewigkeit von 80 Jahren SPD-Herrschaft ist in Dortmund nun vorbei. „Wir hatten Pläne, wir hatten Inhalte“, sagte Westphal. Es gehe um Dortmund – und an dieser Devise werde man „die, die heute Abend jubeln, brutalst messen“. Der Sozialdemokrat verließ die Bühne nicht, ohne ein Stück Hoffnung zu verbreiten. „Ich habe das Gefühl, das ist nicht das Ende von irgendwas.“ In den Gesichtern der Genossen war das jedoch nicht zu sehen.
SPD-Oberbürgermeister Marc Herter verweist auf Erfolge in anderen Kommunen
Positives am Sonntagabend fand Marc Herter, Oberbürgermeister von Hamm und Vorsitzender der SPD-Region Westliches Westfalen. „So bitter die Ergebnisse in Dortmund und Bielefeld für die NRWSPD auch sind, so erfreulich sind sie in in Köln, Mülheim und Oberhausen – übrigens auch in Lünen und Soest. Das zeigt vor allem eines: Kommunalwahlen werden vor Ort entschieden“, sagte er unserer Zeitung.
Vor fünf Jahren wankte das rote Dortmunder Rathaus schon einmal. Der bundesweit durch ein Messer-Attentat auf ihn bekannt gewordene Bürgermeister von Altena, Andreas Hollstein, trat gegen Westphal an. In der Stichwahl hatten sich die Grünen – anders als diesmal – für den Kandidaten der CDU und gegen den SPD-Mann ausgesprochen. Holstein holte in der Stichwahl massiv auf und bekam 15000 Stimmen mehr als im ersten Wahlgang. Doch Westpfahl hielt seine Zahl der Befürworter und lag so am Ende 5750 Stimmen vorne. In Prozentzahlen lautete das Ergebnis: 52 zu 48.
„Damals hatte ich eher befürchtet, dass wir verlieren“, sagte SPD-Frau Lüders. Die CDU habe diesmal doch keinen starken Kandidaten gehabt. „Die Menschen wählen immer mehr nach Gefühl“, sagte sie. Viele Dortmunder haben das Gefühl für die SPD verloren.
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