- VonStephanie Kayserschließen
Ein gestohlenes Kreuz, ein Anruf aus dem Milieu – und eine Rückgabe, die so nur in Köln passieren konnte. Die unglaubliche Geschichte eines Diebstahl.
Köln, 1996. Aus der Domschatzkammer verschwindet ein silbernes Vortragekreuz – kunstvoll gearbeitet, geweiht, traditionsreich. Es ist kein Museumsstück, sondern ein Zeichen: Dieses Kreuz wird bei feierlichen Einzügen getragen, begleitet Erzbischöfe, öffnet liturgisch den Weg. Und nun fehlt es. Einfach weg. Der Diebstahl ist ein Tabubruch. Weniger juristisch als moralisch., berichtet yeswe.koeln.
Mit der Sporttasche zum Domprobst
Der Dom – Herz der Stadt, Sinnbild der Ewigkeit, auch für viele, die selten zur Messe gehen – wurde bestohlen. Und ausgerechnet jetzt taucht ein Name auf, den man nicht in Verbindung mit Kirchenräumen erwartet hätte: Heinrich Schäfer, genannt „Schäfers Nas“, ein Mann aus dem Milieu. 1,95 groß, 140 Kilo schwer, legendäre Nase, noch legendärerer Ruf. Einst beherrschte er die Rotlichtviertel rund um den Friesenplatz. In den Sechzigern und Siebzigern war er eine Größe zwischen Nachtleben, Deals und Einfluss. Jetzt, in den Neunzigern, lebt er ruhiger. Aber wer ihn kennt, weiß: Wenn Schäfer ruft, wird nicht diskutiert. Dompropst Bernard Henrichs soll ihn direkt angesprochen haben: ob er sich da vielleicht mal etwas umhören könne. Kurz darauf steht der Ludenkönig im Generalvikariat. In der Hand: eine Sporttasche. Darin: das vermisste Kreuz.
Gute Gebete statt Belohnung
„D’r Dom beklaut mer nit“, sagt er – nicht großspurig, sondern mit der Lakonie eines Mannes, der sehr genau weiß, welche Regeln wann gelten. Ob aus Ehrgefühl, Imagepflege oder innerem Kodex – Schäfer hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, das Kreuz zurückzuholen. Ohne Polizei. Ohne offizielle Wege. Nur mit Namen, Nummern und einer gewissen Durchsetzungskraft. Als Dompropst Henrichs ihm die ausgelobten 3.000 Mark Belohnung überreichen will, winkt Schäfer ab. Er bittet um etwas anderes: eine Fürbitte. Für seine „schwarze Seele“, wie er sagt. Am folgenden Sonntag wird im Dom tatsächlich für ihn gebetet. Damit hätte die Geschichte enden können. Als Anekdote, irgendwo zwischen kölscher Folklore und Milieumärchen. Doch fast zwanzig Jahre später spricht Petra Schäfer, die Witwe, öffentlich über das, was damals wirklich geschah.
Der Täter kam aus dem Umfeld des Ludenkönigs
Der Täter war ein Bekannter ihrer Tochter. Einer aus der Clique, „die immer klauen gegangen ist“, wie sie sagt. Er hatte das Kreuz tatsächlich bei Schäfer angeboten – im Glauben, der habe als ehemaliger Hehler Interesse. Statt Bargeld bekam er wohl eine klare Ansage. Vermutlich mehr. Schäfer habe sich das Kreuz genommen – und es ohne große Worte zurückgebracht. Keine Anzeige, kein Nachspiel. Nur Rückgabe. Der junge Mann, so erzählt Petra Schäfer später, starb wenige Jahre darauf an einer Überdosis. Mit 28. Und so bleibt die Geschichte, die mit einem Diebstahl begann, am Ende das, was Köln gut kennt: eine Geschichte mit doppeltem Boden. Mit Schuld und Ehre, Gewalt und Gewissen. Mit einem Kreuz, das verschwand – und mit einem, der dafür sorgte, dass es zurückkam.
