VonMaximilian Gangschließen
Der ökologische Wandel und die Digitalisierung stellen die deutsche Wirtschaft vor große Herausforderungen. Das Ruhrgebiet könnte Nutznießer sein.
Köln – Wird das Ruhrgebiet vom Sorgenkind zum Shootingstar? Der Ballungsraum im Herzen von NRW könnte sich nach Einschätzung von Experten zum Durchstarter bei der wirtschaftlichen Transformation entwickeln. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz (KI) und der ökologische Wandel werden auch dort ganze Berufsgruppen verschwinden lassen, andere werden dafür eine völlig neue Bedeutung bekommen. Das Revier könnte davon profitieren.
Ruhrgebiet könnte laut Studie an Wirtschaftsstärke gewinnen
„Das Ruhrgebiet ist eine Region mit Zukunft – auch für neue Jobs“, sagt Jens Hapke, Sprecher des Regionalverbands Ruhr (RVR), zu wa.de. Um das sichtbar zu machen, hat der Verband eine Studie zur Arbeitswelt der Zukunft beim Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) aus Essen in Auftrag gegeben. Am Dienstag (7. Mai) wurden die Ergebnisse des „Zukunftsjob-Report“ offiziell vorgestellt.
Das Ergebnis: Zwar hat das Ruhrgebiet in vielen Bereichen Nachholbedarf, trotzdem zeige sich schon jetzt ein „deutlicher Aufholprozess“ gegenüber den wirtschaftsstarken Regionen in Deutschland, hält Studienleiter Prof. Dr. Ronald Bachmann fest. Das Ruhrgebiet wird demnach „immer wichtiger für die digitale und ökologische Transformation des Landes.“
Diese zehn Berufe sind wichtig für die Transformation des Arbeitsmarktes
Als Begründung führen die Autoren unter anderem auf, dass die Beschäftigung in Berufen mit hohem Zukunftspotenzial im Ruhrgebiet zuletzt stark angestiegen ist. Zehn dieser Jobs haben die Autoren herausgefiltert und im Anschluss in zwei Kategorien aufgeteilt, die zukünftig eine große Bedeutung haben werden: „grüne Berufe“ und „digitale Berufe“.
Zu den „grünen Berufen“ zählen Jobs, die „wertvolle Beiträge“ bei der Umstellung der Wirtschaftsweise von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energiequellen leisten. Jobs, die durch die Anwendung von Technologie und Digitalisierung die Arbeitsprozesse in Unternehmen effizienter gestalten, werden unter den „digitalen Berufen“ zusammengefasst.
| Grüne Berufe | Digitale Berufe |
|---|---|
| Mechatronik und Automatisierungstechnik | Informatik |
| Energietechnik | IT-Systemanalyse, IT-Anwendungsbereiche, IT-Vertrieb |
| Elektrotechnik | Softwareentwicklung und Programmierung |
| Bauplanung und -überwachung, Architektur | IT-Netzwerktechnik, IT-Koordination, IT-Administration und IT-Organisation |
| Hochbau | |
| Ver- und Entsorgung |
Deutlich mehr Menschen im Ruhrgebiet in der IT- und der Baubranche tätig
Für ihre Studie haben die Autoren die Entwicklung der Beschäftigung in vier dynamischen Wirtschaftsräumen – München, Berlin-Brandenburg, Rheinland und Hamburg – zwischen 2017 und 2022 ausgewertet und denen des Ruhrgebiets gegenübergestellt. Die Vergleichsregionen sollen eine Messlatte für die Zukunftsfähigkeit von Berufen im Revier darstellen.
Die Beschäftigungszahlen bei den Zukunftsjobs sind in allen fünf Vergleichsregionen gestiegen. In zwei davon hat das Ruhrgebiet die Nase vorne: Demnach arbeiteten 2022 deutlich mehr Menschen im Hochbau (+12 Prozent) als noch 2017. In der Bauplanung und -überwachung sind es sogar fast 20 Prozent mehr. „Beide Berufsfelder sind für den ökologischen Umbau von großer Bedeutung“, erklären die Autoren.
Digitale Berufe im Ruhrgebiet deutlich stärker gefragt – Nachfrage fast verdoppelt
Zudem werden auch digitale Zukunftsjobs von Arbeitgebern verstärkt ausgeschrieben. Auf dem Niveau der Vergleichsregionen befindet sich das Ruhrgebiet zwar noch nicht, allerdings verzeichnet die Region bei den vier Berufen die höchsten Wachstumsraten. Zusammengerechnet hat sich die Arbeitsnachfrage in dem Bereich nahezu verdoppelt.
Bei den grünen Zukunftsjobs benötigten Arbeitgeber insbesondere beim Hochbau sowie der Bauplanung, Bauüberwachung und Architektur mehr Personal. Als Gründe führen die Autoren auf, dass es in den Berufen viele Bezüge zu zukunftsträchtigen Technologien gibt, wie Windenergie oder Gebäudeautomation. Diese Bereiche haben im Revier mittlerweile eine große Bedeutung.
Ruhrgebiet ist Deutschlands Universitätshochburg
Auch Universitäten und Hochschulen spielen eine wichtige Rolle bei der Wirtschaftstransformation. Das spielt dem Ruhrgebiet in die Karten: Nirgends sonst in der Bundesrepublik gibt es so viele Hochschulen nah beieinander. Das macht die Region – neben Aspekten, wie dem günstigen Wohnraum – auch für ausländische Studierende attraktiv. Ein großer Vorteil, insbesondere mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel.
Essenziell für die weitere Entwicklung der Beschäftigung in Zukunftsberufen sind insbesondere die sogenannten MINT-Studiengänge, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Mit mehr als 100.000 Einschreibungen im Wintersemester 2021/2022 ist das Ruhrgebiet eine Hochburg auf dem Gebiet. Davon profitieren im nächsten Schritt auch die Unternehmen in der Region.
Über die Studie
► Der „Zukunftsjob-Report“ wurde vom RWI im Auftrag des RVR erstellt. Erstmalig untersucht die Studie, welche Berufe vor dem Hintergrund des digitalen und ökologischen Wandels gute Zukunftsaussichten haben.
► Dafür haben die Autoren analysiert, wie sich die Beschäftigung und das Stellenangebot im Ruhrgebiet zwischen 2017 und 2022 entwickelt haben – und die Werte im Anschluss mit denen aus dynamischen, deutschen Wirtschaftsräumen (Hamburg, Berlin-Brandenburg, Rheinland, München) ins Verhältnis gesetzt. Zudem haben die Autoren der Studie die MINT-Studiengänge und das Ausbildungsangebot betrachtet.
Zukunftsjobs als Schritt zur grünsten Industrieregion der Welt
„Gerade in der Metropole Ruhr können gut ausgebildete Fachkräfte in Zukunftsberufen Teil der Transformation einer Region werden“, sagt RVR-Sprecher Hapke. Regionaldirektor Garrelt Duin (SPD) ergänzt gegenüber wa.de: „Auch die Zukunftsjobs zahlen auf unser großes Ziel ein, die grünste Industrieregion der Welt zu werden“. Man wolle ökologische Nachhaltigkeit und ökonomische Wettbewerbsfähigkeit verbinden. „So schaffen wir beides – mehr Lebensqualität und neue Arbeitsplätze.“ (mg)
Rubriklistenbild: © Westend61/Imago


