Auf der Suche nach Frieden

Geflüchtet, aber nicht aufgegeben: Ukrainer kämpfen in Deutschland um eine neue Zukunft

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Drei Jahre Krieg und Millionen Geflüchtete: Ukrainer erzählen in Münster ihre bewegenden Geschichten – von Verlust, Hoffnung und ihrem Kampf um eine neue Zukunft.

Münster - Zwischen der Ukraine und dem Pfarrheim St. Marien in Münster-Hiltrup liegen Hunderte Kilometer. Doch bis in dieses beschauliche Gebäude reichen regelmäßig die Erinnerungen an den Krieg, den Russland vor nun drei Jahren nach Osteuropa getragen hat. Das Pfarrheim ist Treffpunkt des Vereins „Ukraine in Not“, eine Organisation, die den geflüchteten Menschen aus der Ukraine hilft, sich hier zurechtzufinden und sie bei der Integration unterstützt.

Geflüchtet, aber nicht aufgegeben: Ukrainer kämpfen in Deutschland um eine neue Zukunft

Über eine Million Menschen sind mittlerweile in die Bundesrepublik vor der Invasion geflohen. Meistens Frauen mit ihren Kindern, oftmals nur mit dem nötigsten im Gepäck auf dem Weg in ein Land, von dem sie sich erhoffen, dass sie hier in Ruhe leben können. In diesem Pfarrheim sprechen mehrere Geflüchtete mit uns und erzählen von ihren Erfahrungen.

In den vergangenen Jahren flohen viele Ukrainer nach Deutschland. So auch Karina Suganiak (links), Anastasiia Prokopenko, Kateryna Rybka und Yuliia Prokopenko. Sie alle kennen sich durch die Organisation „Ukraine in Not“, zu der Valentyn Vilskyi (Zweiter von links) gehört.

Eine von ihnen ist Kateryna Rybka, sie stammt aus Nizhyn nahe Kiew – unweit der russischen Grenze. Die heute 19-Jährige kam im April 2022 zusammen mit ihrer Mutter nach Deutschland. Mit ruhiger Stimme erzählt sie von ihrer Fluchterfahrung, obgleich man ihr die Unruhe anmerkt. „Wir haben zwei Tage von Kiew hierher gebraucht“, sagt sie.

Beide kamen während der Hochphase der Fluchtbewegung aus der Ukraine nach Deutschland. Allein im April 2022 erreichten nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 198.022 Menschen die Bundesrepublik. Im März 2022 waren es gar 430.881 Personen.

Von Panzern umstellt

Zu Beginn des Krieges rückten russische Panzer auch auf Kiew zu, bereits früh näherten sich die Invasionstruppen auch Nizhyn. „Die Stadt wurde langsam von russischen Panzern eingekreist, ständig flogen Raketen über unser Haus, wir hörten die Schüsse der Panzer. Es war schrecklich“, erinnert sich Rybka. „Eine Rakete schlug in einem Garten bei uns gegenüber ein. Das Geräusch der Rakete werde ich nie vergessen.“

Kateryna Rybka hat mittlerweile in Bielefeld ein Studium begonnen.

Ihr Vater legte beiden nah, dass sie das Land Richtung Deutschland verlassen sollten. Dorthin floh bereits einen Monat vorher eine Freundin von Rybka. Sie kamen nach Münster, wo sie bei einer Familie unterkamen, die ihnen einen Teil ihres Hauses vermietete. Der Rest der Familie und viele ihrer Freunde blieben hingegen in der Ukraine. „Wir haben viel Kontakt, ich telefoniere jeden Tag mit meiner Familie zu Hause“, sagt sie. Dann seufzt sie, ihr Blick wird traurig. „Ich habe aber einen Freund von mir verloren, er ist mit 20 Jahren an der Front gestorben. Ich kann das bis heute nicht begreifen, es ist schlimm.“

Offizielle Angaben über gefallene Soldaten in der Ukraine gibt es wenige. Zuletzt sprach der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj davon, dass 46.000 Soldaten auf der Seite der Ukraine gefallen seien. Wahrscheinlich sind die Zahlen aber höher.

In Deutschland absolvierte Rybka mehrere Sprachkurse. Im vergangenen Herbst begann sie zudem ein Linguistik-Studium an der Universität Bielefeld. „Die ersten Klausuren liefen gut, eine habe ich bereits bestanden“, sagt sie freudig. Wenn sie ihr Studium abgeschlossen hat, wolle sie Dolmetscherin werden.

Eine Flucht – Hals über Kopf

Bereits im März 2022 flüchtete Karina Suganiak nach Münster. Sie kam ursprünglich aus der Gegend rund um die Stadt Pokrowsk, unweit der noch heute verlaufenden Front. „Die Entscheidung fiel spontan“, sagt sie. Sie habe ihren Job als Büroleiterin gekündigt, alles, auch ihr Haus, zurückgelassen und fuhr lediglich mit ihrer Mutter und einem Koffer mit dem Auto über fünf Tage bis nach Deutschland. „Meine Schwester wohnt hier bereits seit zwölf Jahren, wir sind daraufhin bei ihr untergekommen“, so Suganiak weiter.

Karina Suganiak war in der Ukraine als Büroleiterin tätig, wo sie auch an Konferenzen teilnahm.

Bei Recherchen im Internet stieß sie auf den Verein „Ukraine in Not“, nahm den Kontakt zum Verein auf – und engagiert sich dort bis heute ehrenamtlich. Sie gebe Kurse oder leite Exkursionen, um anderen Geflüchteten eine Abwechslung vom Alltag zu bieten.

Diese ist laut Valentyn Vilskyi, einer der Vorsitzenden von „Ukraine in Not“, dringend notwendig. So würden bis heute viele Geflüchtete in Münster immer noch in Unterkünften leben. Zudem mangele es an Sprachkursen. Dadurch komme die Integration ins Stocken. „Bis meine Mutter einen Sprachkurs besuchen konnte, hat es lange gedauert“, sagt Suganiak. Ständig seien alle Angebote ausgebucht gewesen.

Hinzu käme eine Zurückhaltung seitens der Arbeitgeber, Menschen aus der Ukraine einen Job zu geben. Die Ukrainer hier würden sich um Jobs bemühen, so Vilskyi, träfen aber immer wieder auf Ablehnung. „Ein Praktikum in einem Unternehmen würde anfangs reichen“, sagt Vilskyi. Durch die Arbeit würde die Integration besser und schneller gelingen.

Eine neue Chance in Deutschland

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren im November 2024 296.000 Geflüchtete aus der Ukraine erwerbstätig, rund 245.000 von ihnen sozialversicherungspflichtig. Mit einer Quote von 27 Prozent von ukrainischen Geflüchteten in Beschäftigung liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld. Nicht mit inbegriffen sind die rund 65.000 Ukrainer, die zur Schule gehen oder eine Universität besuchen und erst später dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Auch Suganiak sucht derzeit nach einer Stelle, ist aber noch nicht fündig geworden. Sie will aber nicht aufgeben – und auch nach Kriegsende in Deutschland bleiben. „Nur einen Wunsch habe ich“, sagt sie. „Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich noch einmal mein Haus in der Ukraine besuchen. Das wäre wirklich schön.“

Ich möchte einfach, dass der Krieg schnell endet.

Karina Suganiak Geflüchtete aus der Ukraine

Anastasiia Prokopenko kam mit ihrer Mutter Yuliia ebenfalls im März 2022 von Kiew nach Deutschland. Es war nicht das erste Mal, dass sie hier war. „Ich bin 2015 an Leukämie erkrankt“, sagt sie. Erschwerend kommt hinzu, dass sie erblindet ist. Sie kam für die weitere Krebsbehandlung an die Uniklinik nach Münster, wodurch sie den Krebs besiegen konnte.

„Wir mussten ständig in einen Bunker rennen, manchmal bis zu 20 Mal am Tag“

Die ersten Tage des Krieges erlebte sie noch in der ukrainischen Hauptstadt. „Wir mussten ständig in einen Bunker rennen, manchmal bis zu 20 Mal am Tag“, sagt sie. Schulunterricht sei nicht mehr möglich gewesen, ein normales und sorgenfreies Leben ebenso wenig. Nach ihrer Ankunft in Deutschland kamen sie bei einer Lehrerin in Münster unter, wo sie bis heute wohnen. „Wir sind unendlich dankbar, was sie für uns getan hat“, sagt Yuliia Prokopenko. Sie half beiden, etwa bei Behördengängen oder bei der Suche nach Sprachkursen.

Anastasiia Prokopenko war bereits 2015 einmal in Deutschland. Damals wurde sie wegen Leukämie behandelt.

Yuliia arbeitet heute in der Altenpflege. „Das Feld ist neu für mich, in Kiew habe ich in einer Bank gearbeitet“, sagt sie. Aber die Kollegen hätten ihr den Einstieg leicht gemacht und sie unterstützt, wo immer es ging. „Wir sind hier in Deutschland gut aufgenommen worden“, sagt sie und freue sich, so etwas zurückgeben zu können.

In die Gespräche hinein dringt die Meldung, dass US-Präsident Donald Trump und der russische Präsident Wladimir Putin miteinander über den Ukraine-Konflikt telefoniert haben und der Krieg schnell beendet werden soll. Nach dieser Nachricht ist es zunäch㈠st still, schließlich sagt Suganiak: „Ich möchte einfach, dass der Krieg schnell endet.“ Dabei seufzt und lächelt sie.

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Rubriklistenbild: © IMAGO / photothek

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