Bundestagswahl

„Kampfsport und Science-Fiction“: Nezahat Baradari ist SPD-Bundestagskandidatin

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Die Marionetten-Figur „Der kleine Prinz“ schwebt über Nehazat Baradaris Kopf im gleichnamigen Bistro. Einer ihrer Lieblingsorte in Lüdenscheid.
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Kampfsport wie Kung-Fu und Karate, Gespräche über das Weltall, über Zeit und Raum: SPD-Bundestagskandidatin Nezahat Baradari plaudert aus dem Nähkästchen.

Lüenscheid - Zeit bekommt eine besondere Bedeutung im Bistro „Der kleine Prinz“. Insbesondere bei einem Treffen mit Nezahat Baradari, denn sie hat in den Tagen vor der vorgezogenen Bundestagswahl davon nur sehr wenig. Jedenfalls für ihr Privatleben, für Gespräche bei Kaffee und Kuchen. Ein Zitat aus dem nach dem Buch benannten Bistro: „Die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, sie macht deine Rose so wichtig.“

Kampfsport und Science-Fiction: Nezahat Baradari ist SPD-Bundestagskandidatin

Viel Zeit investiert die Bundestagsabgeordnete in ihre Tätigkeit als Politikerin, umso schwieriger ist es, sie für einen kleinen Presse-Kaffeeklatsch an einem ihrer Lüdenscheider Lieblingsorte zu gewinnen. Doch es hat geklappt: inklusive Schokokuchen mit Bananenstücken, Kräutertee und Themen wie Kung-Fu und Science-Fiction-Filmen sowie Literatur wie Goethes Faust und „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, das Zitat kennt auch die Frau im dunklen Sakko und rotem Rollkragenpulli, die gegenüber am Tisch im Bistro in der Altstadt sitzt. Wer jetzt denkt, es handelt sich hier um einen Artikel über die Vielfalt der Kultur, der täuscht sich nicht so ganz – denn ein Treffen mit Nezahat Baradari ergibt überraschende Einblicke in das Privatleben und Vorlieben der Bundestagsabgeordneten, die auch diesmal wieder für die SPD im heimischen Wahlkreis bei der Bundestagswahl kandidiert.

Baradari besuchte 2015 Madame Tussauds in Berlin. Noch ohne Gedanken an den Bundestag, wie sie sagt.

„Karate habe ich schon während meines Medizinstudiums in Kiel gemacht. Zusammen mit meinem jetzigen Ehemann Ramin“, blickt die 59-Jährige zurück, während sich der Schokokuchen mit Banane langsam verflüchtigt. Karate und Kiel? „Ja, ich mag Kampfsportarten. Und die Kampfkunst-Serie Kung-Fu mit David Carradine habe ich geliebt“, erzählt Baradari, die das iPad immer dabei hat. Auch im Prinzen steht das Gerät aufgeklappt auf dem Tisch, immer wieder schaut sie nach Lieblingsfilmen und Liedern. Sie möge auch Popmusik wie den Song „Sweet but Psycho“ von Ava Max. Oder Songs von Bruno Mars. Die Leidenschaft für Kampfkunst erklärt sie mit Begeisterung für die Beherrschung des Körpers, weniger mit Emanzipation.

Nur leider fehle ihr die Zeit für Karate, insbesondere seitdem sie sich als Politikerin engagiert. Auch das Ausschlafen komme zu kurz, „gerne auch mal bis 10 oder 11 Uhr“. Stattdessen klingelt schon vor 7 Uhr der Wecker. Politik gleich Leidenschaft? „Nein, die Politik empfinde ich als meine Pflicht und Verantwortung“, antwortet sie. Leidenschaft sei vielmehr ihr Job als Kinderärztin in ihrer Praxis in Attendorn. „Gutes tun, für die Jüngsten in unserer Gesellschaft. Das war der Grund, warum ich mich für das Medizinstudium entschieden habe.“ Jobs wie Flugbegleiterin, Bankangestellte oder Journalistin hätten ihr auch vorgeschwebt, aber die Medizin habe sie letztlich überzeugt, erzählt die Mutter von zwei Töchtern. Ehemann Ramin habe sie beim Medizinstudium kennengelernt, er arbeitet heute auch im Sauerland als Orthopäde und Unfallchirurg.

Gutes tun, für die Jüngsten in unserer Gesellschaft. Das war der Grund, warum ich mich für das Medizinstudium entschieden habe.

Nezahat Baradari (SPD)

Kämpfen gehört seit ihrer Kindheit zu ihrem Leben. Ihre Eltern hätten schon früher gegen Armut gekämpft. Schon damals in der Türkei bei Ankara, als es den Militärputsch gab, habe sie das hautnah miterlebt. „Mein Vater und meine Mutter waren politisch aktiv. Links gerichtet gegen die Militärdiktatur.“ Das Aufbegehren und Kämpferische sei ihr so vorgelebt worden, „das kriegt man dann mit. Das hat man im Blut“. Durch ihre Prägung wisse sie damit umzugehen, wenn es heute politische Gegner gebe. Deshalb lasse sie sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wie kürzlich, als die Autoreifen ihres E-Autos zerstochen worden seien. Engagiert sei sie schon in ihrer Schulzeit gewesen, bei ihrer Mitarbeit an der Schülerzeitung, „da habe ich mich schon für die Anliegen der Schüler, für Eltern und für Flüchtlinge engagiert“, erinnert sich Baradari, die heute drei Staatsbürgerschaften hat – zusätzlich zur deutschen und türkischen erhielt sie durch die Heirat die iranische Staatsbürgerschaft.

Zusammen mit ihren Eltern, die politisch verfolgt wurden, und ihren Geschwistern ist sie dann auch nach Deutschland geflüchtet, als diese Asyl beantragt hätten. Das zweite Mal: Jahre zuvor seien die Eltern schon als Gastarbeiter in Deutschland gewesen. In Kiel habe ihr Vater auf einer Werft gearbeitet. Ihre Mutter lebe heute noch gemeinsam mit der Familie im Haus in Attendorn, sagt die Bundestagskandidatin, die momentan von Termin zu Termin eilt.

Gespräche über Raum und Zeit.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für ihren Beruf als Kinderärztin? Sie sei glücklicherweise in der Situation, dass sie Mitarbeiter in der Praxis habe, die sie vertreten und sie sich die Termine so legen könne, wie es vereinbar sei mit ihren politischen Aktivitäten. Letzteres sei intensiv, mehrmals pro Woche fahre sie nach Berlin. Ein Arbeitstag habe oft mehr als zwölf Stunden.

Für das Kochen und Backen, das sie so liebt, bleibe einfach keine Zeit. Gerne persische und türkische Gerichte. Auch nicht am Wochenende, auch da nehme die Politik viel Platz ein. „Kochen übernimmt dann mein Mann. Ich mache das Dessert, das geht schneller“, sagt sie und lächelt. Zeit bleibe noch für philosophische Gespräche über Zeit, Raum und Science-Fiction, „wir sind so eine kleine Treki-Familie“, sagt sie und lacht. Filme wie Interstellar möge sie sehr, weil darin grundsätzliche Themen wie der Ursprung von allem behandelt würden, sagt sie. Faszinierend seien Gravitation, Wurmlöcher und Relativitätstheorie. Die Überwindung von Raum und Zeit.

Dass Zeit relativ ist, zeigt sich beim einstündigen Gespräch mit Nezahat Baradari. 60 Minuten vergehen wie fünf Minuten und die Attendornerin eilt zum nächsten Termin.

Bundestagskandidaten im Wahlkreis 148

Am 23. Februar wird ein neuer Bundestag gewählt. Im Wahlkreis 148 (Lüdenscheid, Herscheid, Schalksmühle, Halver, Kierspe, Meinerzhagen und der Kreis Olpe) bewerben sich acht Kandidatinnen und Kandidaten ums Direktmandat. Die Lokalzeitung stellt sie in einer Serie vor: Florian Müller (CDU), Nezahat Baradari (SPD), Johannes Vogel (FDP), Matthias Koch (Bündnis 90/Die Grünen), Otto Ersching (Die Linke), Horst Karpinsky (AfD), Marion Linde (Freie Wähler) und Axel Turck (Stimme für Volksentscheide). Die Lokalzeitung stellt die Kandidaten in einer Serie vor. Heute: Nezahat Baradari.

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