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Polizei, Stadt und Staatsanwaltschaft in Hamm gehen mit einem Sicherheits- und Kontrollkonzept gemeinsam verstärkt gegen minderjährige Intensiv- und Mehrfachtäter vor.
Hamm – Seit zehn Jahren weist die Polizeistatistik für die Altersgruppe Minderjähriger in Hamm fast kontinuierlich steigende Zahlen von Straftaten aus. Besonders auffällig ist ein etwa 15-köpfiger Personenkreis, der sowohl in der Innenstadt als auch in einigen Stadtbezirken immer wieder aufgefallen ist.
Bei allen Hilfsangeboten zeigen die Behörden jetzt klare Kante: Ein 17-Jähriger wurde am Montag (8. Mai) in Untersuchungshaft genommen. „Wir wollen frühzeitig Strukturen durchbrechen und die Sicherheit erhalten“, sagte Oberbürgermeister Marc Herter beim Pressetermin.
Die Mittel der Wahl:
- Die Polizei hat eine Ermittlungskommission eingerichtet.
- Ab sofort wird das Mittel strategischer Fahndung angewandt, das heißt Kontrollen ohne konkreten Anlass sind möglich.
- Mehr Präsenz bei der Kirmes in Heessen, dem Stunikenmarkt oder dem Hallohpark-Fest.
- Bei der Staatsanwaltschaft werden Fälle von Kriminalität Minderjähriger jetzt zentral von einer Staatsanwältin behandelt.
- Die Stadt bietet ambulante und stationäre Hilfen, setzt aber in Einzelfällen auch Sorgerechtsentzug durch, um geboten handeln zu können. Einbezogen sind unter anderem Jugendamt, Schulsozialarbeiter, Streetwork, Stadtteil- und Jugendzentren.
Tatorte in Hamm: Bahnhofsvorplatz, Allee-Center, Südring
1069 Straftaten von Minderjährigen wurden 2022 in Hamm aktenkundig, das ist der Höchstwert der vergangenen zehn Jahre. Als „besorgniserregend“ wertete Polizeipräsident Thomas Kubera den ebenfalls fast kontinuierlich steigenden Anteil von Kindern (bis 14 Jahre) unter den Tätern (2022: 267).
Eine Auswertung für die gesamte Stadt von März 2022 bis März 2023 identifizierte rund 80 Delikte von Intensiv- und Mehrfachtätern. 58 davon entfielen auf den Bereich der Innenstadt. Dazu gehören gefährliche Körperverletzung, Raub oder die Bedrohung mit Messern. Die Täter waren zwischen 8 und 17 Jahren alt. Tatorte sind der unter anderem Bahnhofsvorplatz, rund ums Allee-Center und der Südring.
Gewalt in Hammer Innenstadt: Bis zu 30 junge Leute im Fokus
Besonders im Fokus stehen laut Kubera 15 Personen zwischen 13 und 19 Jahren, der erweiterte Kreis liege etwa bei 30 Personen. Vier Personen zwischen 13 und 17 Jahren gelten polizeilich als Intensivtäter. Das Handlungsfeld dieses Kreises sei teils auf Bockum-Hövel (Kirmes) und Herringen ausgedehnt worden. Die Gruppe sei multinational. Der in U-Haft genommene 17-Jährige habe bereits Hafterfahrung.
Mit ihrem Präsenz- und Kontrollkonzept wollen Polizei und Stadt „eine dramatische Entwicklung verhindern“, hieß es im Pressegespräch. „Wir sind meilenweit von einem rechtsfreien Raum entfernt“, sagte Mareike Mentrup, Leiterin der Direktion Kriminalität, zur möglicherweise gefühlten und objektiven Sicherheit in Hamm. „Doch wir wollen mit Präventionsarbeit und auch repressivem Vorgehen kriminelle Strukturen aufbrechen und vor die Lage gehen.“
Kommentar: „Zum Handeln gezwungen“
Bisher versuchten Stadt und Polizei auf- und straffällige Kinder und Jugendliche in der Regel durch erzieherische Konzepte „einzufangen“. Es sah lange so aus, als könne dies gelingen. Oder es wurde zumindest nach außen hin so dargestellt. Jetzt erfolgt ein „harter Cut“, wie es OB Marc Herter ausdrückte. Sowohl die Quantität als auch die Qualität von Delikten hat zugenommen.
Es ist nicht an der Tagesordnung, dass eine Ermittlungskommission eingerichtet und die strategische Fahndung als Mittel ausgegeben wird. Die Lage ist also ernst, Polizei und Stadt sind zum Handeln gezwungen.
Natürlich kann es nicht sein, dass wenige Personen andere terrorisieren, attackieren und ausrauben, ohne Konsequenzen zu spüren. Nur mit der großen Keule zu drohen, ist dabei aber keine Perspektive. Präventivarbeit bedeutet auch, Alternativen aufzuzeigen, Hilfen anzubieten und Potenziale anders zu kanalisieren als in kriminelle Handlungen. Selbst vermeintlich „Unbelehrbare“ müssen diese Chance erhalten.
Es geht um abgekoppelte Kinder und Eltern, die aufgegeben haben oder sich verweigern – eine hoch sensible Gemengelage. Dafür muss es in einem auf Kante genähten System tatsächlich auch ausreichend Hilfen und Fachleute geben, sonst bleibt es bei einer Absichtserklärung.
Frank Osiewacz
Mit einer Waffe in der Hand hat ein bislang unbekannter Mann den Burger King an der Münsterstraße überfallen. Die Polizei sucht nach ihm mit einer detaillierten Beschreibung. Auch ein Hubschrauber war im Einsatz.
