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Lachgas: Erstmals Klinik-Fall in Hamm - Experte alarmiert

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Prof. Dr. Marcus Müller ist Chefarzt der Neurologie im Marienhospital.
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Lachgas als Alltagsdroge - ein ebenso verbreitetes wie geheimnisvolles Thema. Aus einem Krankenhaus in Hamm wurde jetzt erstmals ein Behandlungs-Fall bekannt.

Hamm - Noch Anfang März hatte eine WA-Umfrage zum Thema „Lachgas als Partydroge“ ergeben, dass weder Krankenhaus-Mediziner noch Strafverfolger Kenntnis über akute Fälle hatten. Noch im selben Monat änderte sich das: Im St.-Marien-Hospital wurde ein junger Mann wegen schwerwiegender Folgen intensiven Konsums von Distickstoffmonoxid ambulant behandelt.

„Bei dem Patienten wurden schwere neurologische Schäden durch Lachgaskonsum beobachtet und diagnostiziert“, so Prof. Marcus Müller Chefarzt der Neurologie an der Hammer Klinik. Solche Schäden seien nicht immer heilbar, ergänzt er im Gespräch mit wa.de. Das will der 52-Jährige jedoch nicht konkret auf den aktuellen Fall bezogen sehen, zu dem aus Patientenschutzgründen keine detaillierten Angaben verbreitet werden.

Für Prof. Müller ist der jüngste Fall jedenfalls eine unrühmliche Premiere, seit er 2021 an der Knappenstraße die Neurologie übernahm: Bisher sei Lachgas in Hamm bezüglich neurologischer Komplikationen kein Thema gewesen. Überhaupt seien neurologische Schäden durch Lachgas in der Vergangenheit in den Kliniken eine Rarität gewesen. Durch den zunehmenden Konsum häuften sich jedoch die Fälle seit einigen Jahren.

Lachgas in Hamm: gravierende Schädigungen möglich

Müller informierte sich intensiv - und zeigt sich alarmiert, denn das in Deutschland völlig legale Rausch-Phänomen greife ja inzwischen sichtbar um sich, auch weil den Nutzern der Kauf „kinderleicht“ gemacht werde. „Wahnsinn, dass das überhaupt nicht reguliert ist“, wundert sich Müller. „Vereinzelt werden die Kartuschen in Kiosken frei zum Kauf angeboten...“ Und bleiben nicht selten samt zugehöriger Luftballons als Müll in der Landschaft liegen.

Regelmäßiger Konsum könne gravierende Schädigungen des Rückenmarks und der peripheren Nerven verursachen, warnt Müller. Durch die Aufnahme des Gases werde der Vitamin-B12-Stoffwechsel gestört und eine folgenreicher Vitamin-Mangel ausgelöst. Man gehe davon aus, dass Lachgas ähnlich wie andere Suchtmittel zu einer psychischen Abhängigkeit führt und Konsumenten mit der Zeit Lachgas immer häufiger verwenden. Der euphorisierende Rausch halte nur wenige Minuten an. Je mehr Lachgas konsumiert wird, desto größer ist indes das Risiko medizinischer Komplikationen.

Lachgas in Hamm: eindeutig eine unterschätzte Gefahr

Und was passiere mit Betroffenen, wenn sie tatsächlich erkranken und aufgrund neurologischer Ausfälle im Krankenhaus landen? „Drei Dinge“, sagt Müller: „Erstens müssen sie das Lachgas weglassen. Das ist die Grundvoraussetzung, dass sich Symptome zurückbilden können. Zweitens wird Vitamin B12 hoch dosiert zugeführt. Und drittens und schließlich dürfte eine Reha anstehen - dort gilt es dann zu hoffen, dass sich die neurologischen Defizite unter Training so gut wie möglich zurückbilden. Das ist leider nicht immer der Fall.“

Für Müller ist Lachgas also eindeutig eine unterschätzte Gefahr. „Und die Gesellschaft diskutiert gerade überwiegend über die Legalisierung von Cannabis, welches aus neurologischer Sicht deutlich unproblematischer ist“...

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