- VonFrank Lahmeschließen
Dirk Bruse aus Hamm will die Luftfahrt mit einem neuen Elektroflugzeug revolutionieren – und so das klimaschädliche Kerosin aus den Fliegern langfristig verbannen.
Hamm/Rietberg – Raus, alles muss raus. Motoren, Tanks und Hydraulikleitungen. Seit sechs Monaten läuft die Skelettierung eines 20-sitzigen Verkehrsflugzeugs im ostwestfälischen Rietberg. Das Ausweiden der einstigen Turboprop-Maschine ist die letzte Vorstufe, um Kurs auf wirklich große Ziele zu nehmen. Die Luftfahrt soll per Elektroantrieb nicht weniger als revolutioniert werden – eben mit diesem Flugzeug.
Es läuft ein Wettlauf mit der Zeit und um Millionen-Investitionen. Mitten drin ist ein Mann aus Hamm – als Ideengeber, Konstrukteur und Investor. Dirk Bruse heißt er, ist promovierter Flugzeugingenieur, Testpilot mit NASA-Erfahrung und im Lauf seines Lebens Gründer und Gesellschafter gleich mehrerer privater Flugfirmen gewesen.
Mehr als 600 Stunden für Testflüge in der Luft
Im Juli 2022 hat Bruse gemeinsam mit einem Geschäftspartner die „Rainbow Aerospace GmbH“ in Rietberg gegründet und ins Handelsregister eintragen lassen. Klimaneutrales Fliegen mit innovativen Antrieben hat sich die Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben. Im Januar 2023 stellte Bruse das Projekt erstmals unserer Zeitung vor.
Mehr als 600 Stunden war der „Electric Warrior“ – ursprünglich ein in Serie gefertigtes herkömmliches Verkehrsflugzeug, dessen Ursprungsname aus Konkurrenzgründen derzeit noch unter Verschluss ist – da bereits (noch mit Kerosin betrieben) zu Testflügen in der Luft gewesen.
Heute, sieben Monate später, sind laut Bruse mehr als vier Millionen Euro, die von privater Hand stammen, in das Projekt geflossen. Der Ausbau von allem was mit Sprit und Hydraulik zu tun hat und Gewicht kostet, ist am Prototypen so gut wie abgeschlossen. Die Elektromotoren, die die beiden Turboprop-Triebwerke (Turboprop steht für Propeller-Turbine) ersetzen sollen, sind bestellt, als Nächstes werden die Akkus und der Neuanstrich folgen.
Spätestens 2025 der echte Erstflug
Ende 2024, spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2025 soll der Erstflug der dann neuen „Electric Warrior“ erfolgen. „Damit werden wir schneller als alle anderen Elektroflug-Projekte sein“, prophezeit der 56-jährige Hammer, der seit wenigen Jahren in Salzkotten wohnt.
Mit zahlreichen Luftfahrt-Experten ist sich der Mann, der vom Starfighter bis zum Airbus alles fliegen kann, einig, dass die Zukunft der Verkehrsfliegerei (vorerst auf den Kurzstrecken) elektrisch sein wird. Der Ozonkiller Kerosin gilt als Auslaufmodell und soll in 20 bis 30 Jahren keine Rolle mehr spielen.
Weitere Firmen wollen Fliegen elektrisch machen
Bruse ist allerdings nicht der einzige, der aufs Elektrofliegen setzt. Im September 2022 startete beispielsweise in den USA die „Eviation Alice“, eine vollelektrisch betriebene Neukonstruktion für neun Passagiere, zu einem zehnminütigen Erstflug. Die Luftfahrtzulassung für diesen Typ soll wohl 2025 erfolgen, die ersten Maschinen sind bereits geordert – angeblich auch von der deutschen Post-Tochter DHL.
Bruse sieht sich dennoch im Vorteil. Die Zulassungsfrage sei bei seiner „Electric Warrior“ deutlich einfacher zu beantworten als bei einer kompletten Neukonstruktion. Als reines Flugzeug habe sein „Warrior“ schließlich alle Hürden längst gemeistert, es gehe jetzt allein um die Fragen rund um den Antrieb und die Akkus.
„Während woanders nur Computeranimationen gebastelt werden, installieren wir bereits Hardware“, sagt der Hammer Unternehmer über sein Projekt.
Kurzstrecke quer durch Europa schon heute möglich
„75 Minuten Flugzeit sind heute schon drin“, sagt Bruse über die Flugzeiten seines Elektro-Fliegers – bei einer Geschwindigkeit von 600 Kilometern pro Stunde. Frankfurt – London, Paris – Nizza oder Hamburg – München: Alles, was heute an Kurzstrecken geflogen werde, sei damit auch elektrisch zu erreichen. Für den Endkunden soll das klimaneutrale Fliegen zudem günstiger werden als das herkömmliche. „Wir rechnen mit 300 Euro Betriebskosten pro Stunde für 20 Passagiere“, sagt Bruse
Weitere 15 Millionen Euro müssen her, um den „Electric Warrior“ zum Abflug zu bringen. Die Investorensuche hierzulande sei durchaus zäh, aber er wolle das Projekt nun mal idealerweise als rein deutsche Angelegenheit durchziehen, schrieb Bruse vor wenigen Tagen (auch) an NRW-Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur.
Alternativ könne auch über eine Ausdehnung nach Österreich und in die Schweiz nachgedacht werden. „Ausländische Investoren aus USA und China stehen schon Schlange“, schreibt Bruse der Ministerin. Der deutsche Flugzeugbau sei definitiv tot und brauche neue Impulse beziehungsweise eine Reanimation.
Der „Electric Warrior“ könne diese Rolle ausfüllen und ein Vorzeigeprojekt für die Bundes- und Landesregierung werden. Eine Antwort aus Düsseldorf hinsichtlich einer Förderung oder Beteiligung ist bis heute nicht erfolgt.
Produktionsstätte soll nahe Paderborn entstehen
100 Arbeitsplätze werden nach Bruses Planung kurzfristig entstehen, die Produktionsstätte soll am Flughafen Paderborn/Lippstadt entstehen. Alle zu verbauenden Komponenten stammten von (namhaften) deutschen Firmen. Mehr als 400 Mitarbeiter würden es mittelfristig werden. In der ersten Serie sollten 100 Maschinen gekauft und umgerüstet werden.
Der „Electric Warrior“ soll dabei erst der Anfang einer langen Reise sein. In einem nächsten Schritt will Bruse wieder den Stift in die Hand nehmen und ein 60- bis 70-sitziges Flugzeug konstruieren – natürlich ebenfalls mit Elektro-Antrieb. Es wäre das größte der Welt.

