Braunkohleabbau im Rheinland

Lützerath vor dem Abriss: Dorf wird zum Symbol der Klimaaktivisten

  • schließen
  • Mirjam Ratmann
    Mirjam Ratmann
    schließen

Lützerath im Rheinland ist zum Symbol geworden: Seit Jahren wollen Bürgerinitiativen und Klimaaktiviten das Dorf vor dem Abriss retten. Alle Hintergründe im Überblick.

Unter dem Motto „Lützerath lebt“ und „Alle Dörfer bleiben“ versuchen Anwohnerinnen und Anwohner sowie Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten seit Jahren, den Energiekonzern RWE daran zu hindern, die Siedlung Lützerath im Rheinischen Braunkohlerevier abzureißen. Vorübergehend schien der kleine Weiler, der zur Stadt Erkelenz gehört, gerettet. Doch im Oktober 2022 kündigte die NRW-Landesregierung an: Lützerath wird zerstört, damit RWE die Braunkohle, die unter dem Ort liegt, abbaggern kann. 2022 verließ der letzte Lützerather sein Zuhause, aber schon 2020 hatten Protestierende ein Camp in Lützerath errichtet. Bis heute organisieren sie Mahnwachen und Demonstrationen. Im Januar 2023 soll Lützerath vollständig geräumt und abgerissen werden. Bis Februar 2023 soll die Räumung abgeschlossen sein.

OrtsnameLützerath
Gehört zuStadt Erkelenz
Einwohnerzahl heute0 (aktuell besetzen 150 Aktivistinnen und Aktivisten den Ort)
Einwohnerzahl früherEtwa 105
Geplanter Abriss Ab Januar 2023

Wo genau liegt Lützerath?

Lützerath ist kleiner als ein Dorf: Die Siedlung liegt zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen, nahe Mönchengladbach und Grevenbroich. Der Ort gehört zur Stadt Erkelenz im Kreis Heinsberg und befindet sich im Südwesten des Tagebaus Garzweiler II, direkt an der Abbruchkante. Die nächsten Autobahnen sind die A46 und die A44. Die L277 führt direkt an Lützerath vorbei. Andere Straßen, die die angrenzenden Ortschaften verbanden, sind inzwischen bereits entfernt worden. Direkt neben Lützerath liegt Immerath, das zu großen Teilen bereits abgerissen ist. Für Aufsehen sorgte dort der Abriss der „Immerather Dom“ genannten Kirche St. Lambertus.

Woher kommt der Name Lützerath?

Wie viele andere Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier ist auch Lützerath schon sehr alt. Erstmals wurde es 1168 urkundlich erwähnt, die Ursprünge gehen aber wahrscheinlich noch deutlich weiter zurück. Darauf deutet schon das Suffix „rath“ hin:

  • Man findet den Wortbestandteil „rath“ häufig in Ortsnamen, die während der sogenannten Fränkischen Landnahme gegründet wurden.
  • Zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert kolonisierten beziehungsweise besiedelten die Franken Gebiete im heutigen Deutschland.
  • Dazu wurden Wälder gerodet. Das suffix „rath“ benennt häufig Orte, die auf eine solche Rodung zurückgehen.

Ironie der Geschichte: Damit Lützerath entstehen konnte, musste viel Wald abgeholzt werden – heute will RWE roden, um Lützerath abzureißen.

Wie viele Einwohner hatte Lützerath früher?

Wie Lützerath nach der Besiedlung aussah, ist heute kaum noch zu sagen. Klar aber ist. Über Jahrhunderte blieb Lützerath klein und hatte meist unter 100 Einwohnerinnen und Einwohner. Im Jahr 1970 lag die Einwohnerzahl bei 105. 2005 wurde im Braunkohleplan festgelegt, dass Lützerath RWE und der Kohlegewinnung weichen soll. Ein Jahr später wurden die ersten Einwohnerinnen und Einwohner entschädigt und zogen weg. Ab diesem Zeitpunkt sank die Zahl derer, die Lützerath ihr Zuhause nannten, stetig.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Laut Angaben des virtuellen Museums Erkelenz waren 2008 noch 79 Einwohnerinnen und Einwohner dort ansässig, 2019 nur noch 20. Bis 2021 hielten sich drei. Es ist nicht das erste Mal, dass Menschen in dieser Ecke von NRW umgesiedelt wurden: Seit mehr als 100 Jahren werden in der Kohleregion Rheinland Gebäude abgerissen und Wälder gerodet, um dem Kohleabbau Platz zu machen.

Wer war der letzte Einwohner von Lützerath?

Der letzte Einwohner war der Landwirt Eckardt Heukamp. Er lebte auf dem denkmalgeschützten Duisserner Hof, der seit dem 13. Jahrhundert an dieser Stelle existierte. Ursprünglich war der Hof im Besitz des Zistersienserinnen-Klosters in Duisburg-Duissern, das Wohnhaus, in dem Heukamp lebte, stammt aus dem Jahr 1763. Die Geschichte des Hofs geht wohl noch weiter zurück, denn eine Erdmulde auf dem Hofgemälde lässt Historikerinnen und Historiker vermuten, dass sich hier bereits zu römischer Zeit ein antiker Tagebau befunden haben könnte.

So lebten die Bewohner von Lützerath: Zwischen Hippie-Kommune und Straßenkampf

Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben
Menschen mit Rucksack am Tagebau bei Lützerath
Viele reisen mit Rucksäcken an und wollen bleiben, um Lützerath zu verteidigen. Manche sind noch sehr jung, kaum volljährig. Aber es gibt hier auch Aktivisten jenseits der 60. © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Eine Frau hebt einen Graben in Lützerath aus
Zur Besetzer-Strategie gehört das Ausheben von Gräben. Täglich arbeiten die Aktivisten an Barrikaden.  © Peter Sieben
Ein gelbes X vor Lützerath
Das gelbe X ist das Symbol der Klimaaktivisten. Man findet es überall im besetzten Dorf.  © Peter Sieben
Ein großes gelbes X vor Lützerath
Das riesige Holzkreuz oder X-Symbol ist das Symbol der Kohlegegner und Klimaaktivisten. Ursprünglich nutzten es Demonstranten, die gegen die sogenannten Castortransporte protestierten, bei denen Atommüll in Endlager gebracht wurde.  © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Prominenter Besuch: Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte ein Konzert bei Lützerath.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Die Band spielte unplugged, nur mit Gitarre und Melodica. Auf dem Gelände begegnet man auch abseits solcher Konzerte Musikern mit Akustikgitarren.  © Peter Sieben
Zwei Menschen mit einem Schild am Tagebaugelände bei Lützerath
Menschen aus umliegenden Städten und Dörfern reisten im Januar nach Lützerath.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Schild in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Lützerath liegt direkt an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Ort gegen den Abriss verteidigen.  © Peter Sieben
Menschen auf Campingstühlen am Garzweiler-Gelände
Drüben auf dem Hügel: Im Januar kommen immer mehr Menschen in das besetzte Dorf am RWE-Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
Zwei Menschen am Tagebau Garzweiler
Die Abbruchkante des Tagebaus ist inzwischen extrem instabil. © Peter Sieben
Eine Person sitzt auf einer Wiese vor dem Tagebau Garzweiler
Die Tagebaufläche an der Grenze zu Lützerath ist riesig. Das Gelände wurde einst landwirtschaftlich genutzt. © Peter Sieben
Menschen mit Fahnen am Tagebau Garzweiler
Beim AKtionstag im Januar kamen auch viele Menschen von außerhalb, die sich solidarisch mit den Besetzern zeigten.  © Peter Sieben
Karnevalsfigur von Armin Laschet in Lützerath
Eine alte Karnevalsfigur, die den Ex-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) darstellt. Inzwischen sind auch die Grünen nicht mehr wohlgelitten in Lützerath.  © Peter Sieben
Auto mit Graffiti in Lützerath
Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath. © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Aktivisten errichten Barrikaden in Lützerath
Bauarbeiten in Lützerath. Das Errichten von Baumhäusern und Barrikaden haben sich die Aktivisten in Do-it-yourself-Manier beigebracht. Manche der Besetzer haben schon bei ähnlichen Aktionen wie im Hambacher Forst Erfahrungen gesammelt. © Peter Sieben
Schrottauto, das als Barrikade vor Lützerath dient
Der schrottreife Wagen stand lange Zeit auf der Straße zwischen Tagebau und Lützerath. Jetzt dient er als Barrikade.  © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Zwei Menschen vor dem Tagebau Garzweiler
Die Aktivisten hatten zu einem Dorfspaziergang am 8. Januar eingeladen. Viele Menschen kamen aus umliegenden Städten – und ganz Deutschland und aus Nachbarländern nach Lützerath. © Peter Sieben
Aktivisten heben Gräben in Lützerath aus
Die Besetzer und Helfer heben Gräben aus und errichten Barrikaden in Lützerath.  © Peter Sieben
Barrikaden vor Lützerath
Noch vor zwei Monaten war dieser Weg frei. Jetzt haben die Aktivisten Barrikaden errichtet, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern oder zumindest zu erschweren.  © Peter Sieben
Menschen sitzen auf einem Wall am Tagebau Garzweiler
Ausharren am Tagebau Garzweiler: Dir Lützerath-Räumung steht unmittelbar bevor.  © Peter Sieben
Fläche am Tagebau Garzweiler
Das einstige Feld ist eine Schlammlandschaft.  © Peter Sieben
Protestierende in Lützerath
Protest gegen die Braunkohle: Zwischen Aktivisten und Polizei kommt es immer wieder auch zu Rangeleien.  © Peter Sieben
Polizeibusse in Lützerath an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler
In Lützerath ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. © Peter Sieben
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Seit Anfang Januar gibt es immer wieder Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten. Mehrere Menschen wurde festgenommen und es gab Verletzte.  © Henning Kaiser/dpa

Heukamp hatte sich juristisch lange gegen RWE gewehrt. 2022 ging der Duisserner Hof dann aber in den den Besitzvon RWE Power über. Im März 2022 gab das Oberverwaltungsgericht in Münster die Überreste von Lützerath zum Abbaggern frei. Kurz nach dem Urteil, im April 2022, nahmen mehrere Tausend Demonstrierende an einer Demo in Lützerath teil. Im Oktober verließ Eckardt Heukamp den Hof als letzter Einwohner von Lützerath. Seinen Hof hatte er zwischenzeitlich an Aktivistinnen und Aktivisten untervermietet, die jetzt in Lützerath als Besetzer leben, um den Ort vor dem Abriss zu retten.

Wer wohnt jetzt in Lützerath?

Die offizielle Einwohnerzahl von Lützerath ist Null. Doch es leben etwa 100 bis 150 Aktivistinnen und Aktivisten dort als Besetzer. Sie wohnen in den alten Häusern und Höfen, die noch stehen, oder haben Baumhäuser errichtet.

Wo sind die Bewohnerinnen und Bewohner jetzt?

Die ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner von Lützerath wurden nach Neu-Immerath umgesiedelt. Auch Alt-Immerath war seit 2006 umgesiedelt und ab 2013 für den Kohleabbau rückgebaut worden. Doch nicht alle ziehen an den vorgesehenen neuen Ort um: Laut Braunkohleplan wird eine Umsiedlungsquote zwischen 50 und 80 Prozent angestrebt.

Was passiert in Lützerath?

Um Kohle zu gewinnen, begann der Energiekonzern RWE 2020 in Lützerath Pflanzen zu entfernen und Bäume zu roden. Damit sollte der Tagebau Garzweiler II schrittweise erweitert werden. Schon im Sommer 2020 errichteten Klimaaktivistinnen und Aktivisten in Lützerath ein Protestcamp direkt am Tagebau Garzweiler II: Bis heute leben sie in Baumhäusern und haben Lagerhallen und leerstehende Häuser und Höfe besetzt. Deswegen gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Polizeieinsätze mit dem Ziel, die Besetzerinnen und Besetzer aus dem Ort zu vertreiben, damit Lützerath abgerissen werden kann.

Trotz geplantem Kohleausstieg bis 2030 und anhaltender Proteste, vereinbarte die Bundesregierung gemeinsam mit der Landesregierung NRW und RWE im Herbst 2022 die finale Ausdehnung von Garzweiler II. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) kündigte daraufhin an, dass für die Räumung des Protestcamps in Lützerath ab Januar 2023 neben der Polizei aus Aachen auch die Bezirksregierung aus Köln unterstützen soll.

Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.

Reuls Plan sah vor, Lützerath möglichst schnell in einem „Gesamteinsatz“ zu räumen:

  • Die Polizei soll die Besetzer vertreiben und aus dem Ort holen
  • Dabei sollen Barrikaden, die die Aktivistinnen und Aktivisten errichtet haben, beseitigt werden
  • Gleichzeitig soll schon mit dem Abriss von Häusern und Baumhäusern sowie Rodungen begonnen werden

Dazu sollte die Stadt Erkelenz bei der Polizei Aachen um Vollzugshilfe bitten: Ein Verwaltungsakt, der nötig ist, damit die Polizei den Räumungseinsatz beginnen kann. Aber die Stadt Erkelenz unter Bürgermeister Stephan Muckel (CDU) weigert sich, das zu tun. „Grundsätzlich ist die Stadt Erkelenz gegen den Tagebau“, hieß es vonseiten der Stadt.

NRW-Innenminister Herbert Reul will Lützerath schnell räumen lassen.

Erkelenz verliere wertvolle Flächen des Stadtgebiets und versuche, jeden Quadratmeter zu erhalten, so die Argumentation: Die Stadt will in Lützerath nicht roden und räumen, nach ihrer Auffassung sollte die bergbauliche Inanspruchnahme von denjenigen in Gang gesetzt werden, die die Entscheidung dazu getroffen haben, also vom Land NRW und RWE.

Kreis Heinsberg bringt Räumung von Lützerath auf den Weg

Schließlich sprang der Kreis Heinsberg ein. Landrat Stephan Pusch (CDU) setzte die Weisung der Bezirksregierung um und bat um Vollzugshilfe bei der Polizei Aachen. Die Räumung ist für Mitte Januar 2023 geplant. Wahrscheinlich werden auch Polizeikräfte aus umliegenden Städten vor Ort sein. Die Aktivistinnen und Aktivisten planen für den 14. Januar eine große Demo am Tagebau Garzweiler II.

Der Konflikt spitzte sich im Herbst und Winter 2022 derweil weiter zu. RWE trennte Immerath vom Strom, und damit auch Lützerath. Das sahen die Aktivistinnen und Aktivisten als Provokation. Später brannte es mehrfach am Tagebau Garzweiler, Unbekannte hatten einen Trafo und einen Stromkasten angezündet, der Sachschaden war hoch. Wer hinter der Tat steckte, ist unklar. Im Januar 2023 soll ein zweites Protestcamp im benachbarten Ort Keyenberg entstehen.

Warum wird Lützerath abgerissen?

Laut geologischen Schätzungen liegen 1,3 Milliarden Tonnen Kohlereserven rund um das Gebiet Garzweiler II, das seit 2006 in Betrieb ist und für dessen Ausdehnung RWE Lützerath räumen will. Garzweiler II ist bereits eine Erweiterung des Tagebaus Garzweiler I, das seit 1987 besteht. Der Energiekonzern plant jedes Jahr etwa 35 Millionen Tonnen Braunkohle und insgesamt mehr als 600 Millionen Tonnen zu fördern. Die Kohle soll hauptsächlich zur Stromerzeugung eingesetzt werden und damit zur Versorgungssicherung beitragen.

Wenn die Versorgungssicherung anders nicht zu erreichen ist, dann dürfen Ortschaften, unter denen Braunkohle liegt, abgerissen werden. Die Bewohner ziehen dann meist in extra geschaffene Neusiedlungen. Zuvor können sie zu meist guten Konditionen ihre Häuser an RWE verkaufen.

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Kundgebung in Lützerath 2022.

2022 einigten sich die Wirtschaftsministerien von NRW und Bund mit RWE auf den Kohleausstieg 2030. So könnten 280 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, das sei „ein Meilenstein für den Klimaschutz in Deutschland und Nordrhein-Westfalen“, heißt es beim grün geführten Wirtschaftsministerium. Dafür wurden – quasi in letzter Minute – die fünf Dörfer Kuckum, Keyenberg, Oberwestrich, Unterwestrich und Beverath vor dem Abriss bewahrt. Wegen der Energiekrise sei der Abriss alternativlos und ein Erhalt von Lützerath aus energiewirtschaftlicher und Tagebau-planerischer Sicht nicht möglich, sagte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur.

RWE braucht nicht nur die Kohle, sondern auch den Abraum

In einer Studie kamen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrerer deutscher Forschungsinstitute zu dem Schluss, zusammengeschlossen unter dem Namen „CoalExit Reasearch Group“, kam 2022 allerdings heraus, dass die Kohle, die in Lützerath abgebaut werden soll, nicht notwendig ist, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Demnach verfüge der RWE-Tagebau im Rheinischen Revier (Hambach und Garzweiler II) bereits über 300 Millionen förderfähige Tonnen Braunkohle. Bis 2030 – dem beschlossenen Ausstiegsjahr aus der Braunkohle – würden jedoch maximal 271 Millionen Tonnen gebraucht.

RWE-Tagebau Garzweiler II: Der Energiekonzern braucht auch riesige Mengen an Abraum.

Aber RWE will nicht nur an die Braunkohle unter Lützerath: Der Energiekonzern benötigt auch gewaltige Mengen Abraum, um die Böschungen der Tagebaue zu stabilisieren. RWE ist verpflichtet, die Landschaft nach dem Ende des Tagebaus zu rekultivieren. Weil die Abbruchkanten extrem steil sind, würden die Gruben in sich zusammenfallen. Deshalb müssen die Böschungen abgeflacht werden – dafür sind Unmengen an Erde und Gestein nötig.

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

Kommentare