- VonJörn Funkeschließen
Marc Herter hat Karriere in Düsseldorf gemacht. Seit fünf Jahren ist der Sozialdemokrat nun Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Hamm. Er will es bleiben.
Hamm – Es ist ruhig da draußen am Stadtrand. Wenn man genau hinhört, brummt in der Ferne die Autobahn. Das hänge ganz vom Wind ab, sagt Marc Herter, der Hausherr. Und von der Tageszeit. Nachts sei es lauter. In der Mittagshitze eines Sommertages findet sich in Herters Garten ein schattiges Plätzchen. Der Mann, der seit fünf Jahren Oberbürgermeister ist, will erklären, warum er es bleiben will.
Herter hat mit seinem Partner ein altes Haus gekauft und umgebaut. Er selbst sei ja ein Vorortkind und habe auch lange in der Innenstadt gewohnt, sagt er. Doch sein Mann komme vom Land. Die Dorfgemeinschaft habe die beiden im Übrigen sehr herzlich aufgenommen. Und es gehe dort auch eigentlich nie um ihn als Oberbürgermeister.
Bürger klopften früher an die Tür
Aber natürlich kann ein Oberbürgermeister sein Amt auch nie so ganz ausblenden. Früher, als er noch Landtagsabgeordneter war und in der Stadt gewohnt hat, haben Bürger auch mal an seiner Tür geklingelt, um dieses oder jenes zu fragen. Das sei in Ordnung gewesen, ein Abgeordneter und auch ein OB müssten für die Menschen da sein. Als Aufforderung, ihn im Dorf einfach mal zu besuchen, möchte er das aber auch nicht verstanden wissen.
Ansprechbar ist Herter aber durchaus, geht auch kontroversen Diskussionen nicht aus dem Weg. Wie vor drei Jahren, als er mit Mann und Einkaufskorb über den Markt schlenderte und von aufgeregten Anwohnern aus Hamm-Süden umringt wurde, die keinen Recyclinghof vor der Tür haben wollten. Er hat sich das alles geduldig angehört und wohl auch seine Schlüsse daraus gezogen. Das Thema Wertstoffhof wurde dann noch entschärft. Da ist Herter Polit-Profi.
Aus einem evangelisch-liberalem Haushalt
Der 51-Jährige kommt aus Westtünnen, aus einer, wie er sagt, gesellschaftlich interessierten, aber nicht klassisch sozialdemokratischen Familie. Es gab enge Bindungen zur evangelischen Kirche, die Herter heute noch pflegt. Er spricht von einem liberalen und offenen Haushalt. Und von Eltern, die ihm und seiner Schwester beibrachten, „dass alle Menschen erstmal gleich sind“.
Die Herters sind so etwas wie das wahr gewordene bundesdeutsche Aufstiegsversprechen. Die Eltern kamen nicht aus dem Bürgertum, haben sich, wie der Sohn es sagt, im kaufmännischen Bereich hochgearbeitet und den Kindern etwas ermöglicht. Das färbe auf ihn ab, sagt Herter: „Vielleicht kommt daher die Einstellung, du musst dich schon anstrengen, da kommt keiner und gibt dir was.“
Beisenkamp und Zivildienst
Der Sohn macht sein Abitur am Beisenkamp-Gymnasium und dann Zivildienst beim Umweltamt. Er stellt dort Krötenfangzäune auf. Und weiß damals noch nicht so ganz genau, was er danach machen will. Landschaftsarchitekt sei mal eine Idee gewesen, erzählt Herter. Sein Opa hatte ein Gärtnerei. Aber das sei ihm dann zu einseitig gewesen. Immerhin, grinst der Oberbürgermeister, der Bauerngarten, den er neben dem Haus angelegt hat, zeige vielleicht ein wenig Hertersche Handschrift in der Gartengestaltung.
Es wurde dann ein Jura-Studium in Münster. Weil die Rechtswissenschaft vieles ermöglicht, aber erst auch mal vieles offenlässt. Er habe keine genaue Vorstellung von seinem Werdegang gehabt, sagt Herter. Aber es sei sich immer sicher gewesen, dass sich da Fenster öffnen würden. Ganz gerade Lebensläufe seien ihm bis heute ein wenig suspekt.
Die SPD und ihre Geschichte
Damals ist Herter dann schon bei den Sozialdemokraten. Keine zwangsläufige Wahl, wie er sagt. Auch bei den anderen Parteien habe er Punkte gesehen, die er wichtig finde. Die SPD sei es dann geworden, weil sie am glaubwürdigsten und mit der größten Geschichte das Anpacken und Zusammenhalten vertreten habe. Das evangelische Arbeitsethos fand Herter eben auch in der Partei.
Die Eltern machten sich da schon ein wenig Sorgen, was aus dem Jungen werden sollte, mit der brotlosen Kunst der Politik. Dem wurde im Studium klar, dass ihn das klassische Ziel des Jurastudiums nicht reizte: Richter oder Rechtsanwalt waren nicht seine Sache. Es zog ihn in die Wirtschaft. Dafür unterbricht er das Studium mehrfach und beendet es noch vor dem Ersten Staatsexamen.
Akten und Kriminalromane
Er stürzt sich in einen Bereich, den die meisten ziemlich trocken finden: die Schnittmenge aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Die Voraussetzungen bringt er mit: Herter gilt bis heute als akribischer Aktenleser, kennt die Vorgänge, die über seinen Schreibtisch gehen, meist bis ins Detail. Dass er in seiner Freizeit am liebsten humorvoll angehauchte Krimis liest, mag ein Ausgleich sein.
In der Rechtswissenschaft gehe es üblicherweise darum, nachzuweisen, warum etwas nicht funktioniert, sagt Herter. Er habe Dinge machen wollen, die funktionieren. Er arbeitet bei einer Wirtschaftsberatung und der Emschergenossenschaft. Und er macht Karriere in der Politik. 1993 wird er Juso-Vorsitzender in Hamm, 1994 Ratsherr, 2000 Chef des Juso-Landesverbands, 2001 Fraktionsvorsitzender im Rat.
Unerwartet in den Landtag
Das ist schon zielstrebig. Als eine geplante Karriere will er das, was dann kommt, aber nicht verstanden wissen. Als die SPD die Bundestagswahl 2009 vergeigt, steht die Landtagswahl vor der Tür. Die Chancen für die SPD sind selbst in einer Arbeiterstadt wie Hamm eher mau. Herter wird nominiert und gewinnt den Wahlkreis überraschend gegen den bisherigen Abgeordneten Oskar Burkert von der CDU.
In Düsseldorf geht es für Herter weiter bergauf. Er verteidigt sein Mandat zweimal erfolgreich und regelt als Parlamentarischer Geschäftsführer die praktische Arbeit der SPD-Fraktion. Eine Vertrauensposition, die ihn eigentlich zum neuen Fraktionsvorsitzenden in Düsseldorf machen soll. Doch es kommt anders. Gilt die Wahl in der Fraktion 2018 zunächst als Formsache, tritt mit Thomas Kutschaty auf einmal ein Kandidat „gegen das Partei-Establishment“ an und wird gewählt.
Unerwartete Niederlage
„Das ist eine Niederlage, mit der man umgehen muss“, sagt Herter heute dazu. Er habe erstmal geschaut, weiter gut mit Kutschaty zusammenzuarbeiten. Und er glaube auch, dass der es im umgekehrten Fall genauso gehalten hätte. Herter kümmert sich nun für die Fraktion um Energiepolitik. Was dann mit Blick auf spätere Entwicklungen am Kraftwerksstandort Hamm vermutlich nicht verkehrt war.
Den Weg ins Hammer Rathaus sieht Herter dann so, wie den nach Düsseldorf: eine Kandidatur aus ungünstiger Position heraus. Viermal hatte der übermächtige CDU-Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann SPD-Kandidaten geschlagen. Warum nicht auch ein fünftes Mal? Bei den Genossen kursieren verschiedene Namen, die sich die nächste Niederlage abholen sollten. Anfang 2020 ist klar: Herter, damals Chef des Hammer SPD-Unterbezirks, würde selbst antreten müssen.
Führung im ersten Wahlgang
Der Wahlkampf läuft trotz Corona gut für die SPD. Es herrscht Wechselstimmung, und Hunsteger-Petermann steht sich mit einer „Bullerbü“-Kampagne selbst im Weg. Herter ist überrascht, als er bereits im ersten Wahlgang vorn liegt. Die Stichwahl entscheidet der Herausforderer dann deutlich für sich. Für den Vorgänger hat er respektvolle Worte parat: „Er hat eine gute Politik für diese Stadt gemacht, und wir haben sie zehn Jahre lang auch zusammen gemacht.“
Erfolgsfaktor war aus eigener Sicht für Herter das Überthema „Familienfreundlichste Stadt“. Politik müsse sich um die alltäglichen Sorgen der Bürgerinnen und Bürger kümmern. Eine Bilanz der fünf zurückliegenden Jahre will er nicht ziehen – das stehe eben den Menschen in Hamm zu.
Nicht wieder in die Landeshauptstadt
Und ob es für Herter nochmal einen Weg zurück in die Landespolitik geben wird? Im vergangenen Jahr, als er in einer Führungskrise der Landes-SPD für einige Monate den Interims-Vorsitz übernahm, hatte er sich auf die OB-Kandidatur in Hamm festgelegt, weiteres aber nicht ausgeschlossen. Stellvertretender Landesvorsitzender der NRW-SPD ist er weiterhin.
Unsere Serie
Am 14. September entscheiden die Bürger in Hamm über ihre politischen Vertreter auf kommunaler Ebene. Im Vorfeld stellen wir die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters vor. Bevor es an die Wahlurne geht, erscheint jeweils mittwochs und samstags ein neuer Teil unserer Serie. Dabei stellen wir die Person hinter dem Politiker in den Vordergrund. Passend dazu gewähren die Kandidaten uns und den Lesern des WA seltene Einblicke in ihr privates Umfeld.
Die Präsenz auf Landesebene ist ihm zwar nach wie vor wichtig. Ambitionen auf Landtag oder Landesregierung erteilt er jetzt aber eine Absage. „Ich trete an, um Oberbürgermeister zu bleiben, um dieser Stadt zu dienen“, sagt er vor der Kommunalwahl am 14. September. „Mich zieht nichts wieder nach Düsseldorf.“
Rubriklistenbild: © Andreas Rother
