- VonAlexander Langeschließen
Am Ende ging es mit der Schließung schneller als gedacht, seit dem 3. November ist Harry‘s Grill am Warsteiner Ulmenweg Geschichte. Jetzt spricht Inhaber Harry Meuth über den letzten Kunden, große Portionen und „Los Hervideros“.
Warstein - Am Anfang war die Currywurst. Zweimal, dazu eine Portion „Pommes Mayo“. Acht Mark machte das damals. Der 12. Februar 1998, Tag eins von Harry’s Grill am Warsteiner Ulmenweg. Stefan Schulte aus Hirschberg hieß der erste Kunde. Und was mit zwei Currywürsten begann, endete am vergangenen Sonntagabend in einer Bratwurst mit Schaschlik-Sauce, Zigeunersauce und wieder einer Portion „Pommes Mayo“. Wie der Anfang, so das Ende. Diesmal war es „Minirocker“, der um 21.16 Uhr das Portemonnaie am Ulmenweg zückte. 7,50 Euro. Die letzte Portion, die über die schwarz-graue Theke des Kult-Imbisses wanderte. Übergroß, die Schale unter den Pommes nur zu erahnen. Wie immer. „Diese großen Portionen, das war ja mein Markenzeichen“, sagt Harry Meuth mit seinem herzlichen Grinsen: „Das gehörte dazu.“ Um 22 Uhr am Sonntagabend drehte er den Schlüssel seines Grillimbisses um und ließ die Jalousien herunter. Dort sind sie immer noch. Nach 26 Jahren ist die Geschichte des Kultimbisses geschrieben. Einige Wochen früher als anfangs geplant. „Es ist dann doch etwas schneller gegangen, es ist dann so gekommen“, sagt Meuth. Wobei er für alle immer nur Harry war, immer per Du. Von Anfang an. Seit der ersten Currywurst.
„Es war der Bär los am Sonntag“, erinnert er sich: „Völlig krass.“ Den letzten Tag hatte er gar nicht großartig angekündigt, den Ball flach gehalten, um keinen Ansturm auszulösen. Und doch kamen so viele: „Um 17 Uhr habe ich aufgemacht, da standen hier schon die ersten Autos. Das hatte sich irgendwie herumgesprochen.“ Diesmal, am letzten Tag, standen sie extra zu dritt zwischen Kasse, Theke und Fritteuse. Harry Meuth und die beiden Cousinen Christina und Isabel Baumgärtner. Und diese Besetzung sei auch nötig gewesen, sagt Meuth im Nachhinein.
Reisen, Mineralien und Fotografieren
„Klar, die Leute waren traurig, dass es nun zu Ende ist. Das haben sie mir auch gesagt. Mein Programm hier in Warstein war ein anderes, gerade mit den großen Burgern. Das bekommt man woanders ja nicht. Aber sie haben auch gesagt, dass sie Verständnis haben, dass sie mir die Freizeit jetzt gönnen.“ Wehmut sei bei ihm selbst eigentlich nicht dabei gewesen. Er sei sowieso kein emotionaler Typ, sagt Meuth über sich: „Was ich vermisse, sind meine Mitarbeiterinnen und die Dialoge mit den Kunden, ja. Aber ich habe mit einem guten Gefühl abgeschlossen, weil ich jetzt endlich Freizeit habe.“ Klar, er habe auch „immer viel Spaß hier“ gehabt, viele Geschichten in 26 Jahren erlebt. Da war zum Beispiel der Schornsteinfeger aus Berlar, Albert Blaufuß, angestellt seinerzeit bei Franz Pennekamp. „Ich war quasi seine Kantine, der kam jeden Tag, sieben oder acht Jahre lang“, erinnert sich Meuth: „Und dann kam der Briefträger dazu, auch jeden Tag. Der meinte, das sei hier der internationale Frühschoppen mit Werner Höfer. Und zu essen gab es immer eine Schaschlik-Wurst.“ Natürlich mit „Pommes Mayo“.
Aber all das wiege die fehlende Freizeit nicht auf. Es sei ein Abschied vom Imbiss, „aber es geht ja weiter. Und jetzt zu meinen Gunsten“. Langeweile kennt Harry Meuth sowieso nicht. Hat und hatte er auch nie. Reisen, Mineralien, Fotografie – darum wird es in Zukunft gehen. Spanien ist das nächste Ziel, im kommenden Jahr vielleicht auch die Smaragde in Österreich: „Ich muss mich jetzt nur erst einmal daran gewöhnen, dass ich keinen Zeitdruck mehr habe.“ Der Rhythmus seit 26 Jahren, der müsse „aus dem Kopp“: „Anfang der Woche war ich einkaufen, ein Stück Käse nach dem anderen. Seit 26 Jahren habe ich ja immer für die ganze Woche eingekauft. Da ist mir erstmal eingefallen: Das brauche ich ja gar nicht mehr. Wenn ich will, kann ich jetzt jeden Tag einkaufen.“ Nur ausschlafen, das will er nicht. „Ich bin schon immer Frühaufsteher, auch im Urlaub. Wenn man zu lange schläft, ist der Tag kaputt.“
Diese großen Portionen, das war ja mein Markenzeichen. Das gehörte dazu.
Trotz der Zeitlosigkeit wurde aber bereits am Sonntagabend der Kühlschrank ausgeräumt, restliche Saucen und Pommes nahmen die Mitarbeiterinnen mit, 450 tiefgefrorene Würstchen holt sich der Metzger. Auch das Hinweisschild am Ulmenweg, die leuchtenden Menütafeln, der Schaukasten mit Speisekarte und Allergiehinweisen, all das ist längst abmontiert. Manches verschenkt Meuth, die Theke ist wahrscheinlich etwas für den Schrott: „Die habe ich vor 27 Jahren schon gebraucht gekauft, davor stand sie 30 Jahre an der Autobahn. Die ist fast so alt wie ich.“
Die Bilder an der Wand bleiben aber. Zumindest erstmal. Sie müssen ja nicht weg. Dort hängen die Sauerländer Wörter, selbstgebastelte Heißluftballone, zig Visitenkarten und ein großformatiger Blick auf „Los Hervideros“, die bizarre Lavaküste auf Lanzarote. Spanien. Beim Anblick kommt Harry Meuth richtig ins Schwärmen. „Unglaublich dort. Beeindruckend.“ Zwischen ihm und dem Bild stand für viele Jahre die grauschwarze Theke. Wahrhaftig, aber auch sinnbildlich. Jetzt nicht mehr: „Ich werde viel unterwegs sein. Ich freue mich darauf.“


