VonThomas Machatzkeschließen
Die Gerhardi Kunststoff GmbH hat Insolvenz angemeldet und kämpft ums Überleben. Die Suche nach einem Investor läuft, um das Unternehmen zu retten. Doch die Zukunft ist ungewiss.
Lüdenscheid - Die Nachricht vom Insolvenzantrag der Gerhardi Kunststoff GmbH ist eine gute Woche alt. Seitdem wird an der Schlittenbacher Straße jeder Stein umgedreht, um dem Automobil-Zulieferer und den 1500 Beschäftigen einen Weg in die Zukunft zu weisen.
Nach Gerhardi-Insolvenz: Gesucht wird der „richtige Investor“
Dr. Jan-Philipp Hoos heißt der Steuermann, der den ins Schlingern geratenen Tanker wieder auf Kurs bringen soll. Der White & Case-Partner Hoos ist dieser Tage der vorläufige Insolvenzverwalter und der starke Mann bei Gerhardi. Täglich bricht er um 7 Uhr mit zehn weiteren Anwälten in Düsseldorf auf gen Lüdenscheid. Gerhardi ist kein kleiner Player. Es gibt viel zu tun.
„Ziel ist es, einen Investor zu finden. Das Unternehmen soll dabei erhalten bleiben. Wir sind aber noch ganz am Anfang des Prozesses“, sagt Hoos im Gespräch mit unserer Redaktion. „Das Unternehmen hat einen erheblichen Finanzbedarf für die Vorfinanzierung von Projekten. Die Banken stehen dafür leider nicht zur Verfügung.“
Der Insolvenzverwalter zeigt die Genese auf bis zum Insolvenzantrag. Im September, so Hoos, habe noch alles nach einer außergerichtlichen Sanierung ausgesehen. Die Gerhardi-Geschäftsführung habe mit den Kunden und den Banken in einem guten Austausch gestanden. Dann jedoch sei es für Gerhardi zur Verschiebung von Aufträgen gekommen – vom März 2025 auf einen Zeitpunkt zwölf Monate später. Der Todesstoß, wenn man so will. Die Gerhardi-Geschäftsführung sei mit den neuen Fakten zu den Kunden und den Banken gegangen, doch diesmal habe kein Konsens erzielt werden können. So scheiterte der „Weg der Restrukturierung“ (Hoos). Den Verantwortlichen sei nur der Gang zum Insolvenzgericht geblieben.
Damit hat für Hoos und sein Team die Arbeit begonnen. Wohin der Weg führen wird, ist im Moment noch unklar. Ob zum Beispiel bei einem Verkauf des Unternehmens die Gesellschafter danach noch dabei bleiben werden, möglicherweise weiter als Geschäftsführer, es ist völlig offen. „Im Moment sind alle an Bord, auch bei der Investorensuche“, sagt Hoos. „Ein Verkauf ist natürlich ein Einschnitt, aber das Unternehmen soll als Ganzes erhalten bleiben, auch mit der Produktion hier in Rosmart.“
Lieferengpässe zu Beginn
Als Hoos mit seinem Team nach Lüdenscheid kam, hat man ihm zunächst auch eine Besichtigung des Rosmart-Standorts ans Herz gelegt. Hoos war beeindruckt. „Ein tolles modernes Werk. Es mag sein, dass es Veränderungen geben wird, aber das Werk in Rosmart ist grundsätzlich sehr gut aufgestellt.“ Hier und auch in Ibbenbüren wird trotz des Insolvenzantrags unvermindert weiterproduziert. „Es hat zu Beginn Lieferengpässe gegeben, weil die Lieferanten auf Vorkasse umgestellt haben“, erklärt der Insolvenzverwalter. „Aber natürlich wird nun produziert. Einen Investor findet man nur, wenn weiter produziert wird, wenn die Kunden zufrieden sind. Wenn die Kunden verlagern würden, dann würde es schwer. Aber die Kunden haben ihre Unterstützung zugesagt. Nur so sind wir auch in der Lage, nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens im Februar auch die Löhne weiterzuzahlen. Ich bin da optimistisch.“
Ziel ist es, einen Investor zu finden. Das Unternehmen soll dabei erhalten bleiben. Wir sind aber noch ganz am Anfang des Prozesses.
Hoos ist auch optimistisch, weil es „für ein Unternehmen dieser Größe fast immer eine Lösung“ gebe. Gerhardi ist ein bewährter Partner für seine Kunden, die die von Gerhardi gefertigten Produkte nicht so schnell anderswo produzieren lassen könnten. Das macht auch die Investorensuche leichter. Hoos hat schon Anfragen von potenziellen Käufern bekommen, die aber weitergegeben an die Unternehmensberatung Roland Berger, einen ganz großen weltweiten Player, der spezialisiert ist auf Fälle wie jenen in Lüdenscheid. Roland Berger hat den Auftrag, die beste Lösung zu finden. Die Suche läuft weltweit.
Während sie läuft, spricht das Team aus Düsseldorf mit Kunden, Gläubigern, dem Betriebsrat und der IG Metall. Am Mittwoch war die Gewerkschaftsrunde dran. „Eine sehr konstruktive Zusammenarbeit“, lobt Hoos, „der Betriebsrat ist auch im Gläubiger-Ausschuss eng eingebunden. Ich habe schon Insolvenzen erlebt, in denen der Betriebsrat als erstes gefragt hat, wann wir die Geschäftsführung vom Hof jagen. Das ist hier anders: Es gibt für die Geschäftsführung einen starken Rückhalt – im Betriebsrat und bei der Belegschaft.“
Erhalt der Arbeitsplätze noch fraglich
Bleibt die Frage nach dem Erhalt der Arbeitsplätze bei 1500 Beschäftigten. „In Ibbenbüren stand ein Personalabbau im Raum. Man hatte auch schon Gespräche über den Interessenausgleich und Sozialplan geführt. Das aber liegt nun alles auf Eis, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen andere sind durch den Insolvenzantrag“, sagt Hoos. Klar ist trotzdem: Vom Tisch sein dürfte dieser Personalabbau zumindest nicht komplett, wenn das Unternehmen fit gemacht werden wird für die Zukunft. Grundsätzlich aber ist alles denkbar, auch ein Erhalt der Arbeitsplätze.
Für Hoos ist eines indes im Moment von herausragender Wichtigkeit. „Wir müssen den richtigen Investor finden“, sagt er. Nicht irgendwen, sondern einen, der den Kunden das Vertrauen gibt, dass Gerhardi weiter liefert. Einen, der der Belegschaft signalisiert, dass es weitergeht. Und einen, der ein gutes Ergebnis für die Gläubiger verspricht. „So einen zu finden, ist nicht immer leicht, aber in den meisten Fällen ist es gelungen“, sagt der Insolvenz-Experte aus der Landeshauptstadt. „Im Moment ist Winterpause, viele Kunden produzieren ab dem 20. Dezember erst einmal nicht mehr, auch für die Investorenfrage ist es schwierig über Weihnachten, aber ich denke, dass wir im Februar deutlich weiter sein werden.“
Seriös, finanzstark und als Lösung nachhaltig, damit es nicht in zwei Jahren den nächsten Insolvenzantrag gebe – das ist das Anforderungsprofil, das Dr. Jan-Philipp Hoos zusammenfassend definiert. Diese Suche ist angelaufen. Bis sie abgeschlossen ist, wird der Anwaltstross sich noch viele, viele Mal aus Düsseldorf gen Sauerland aufmachen. Mit der Zuversicht, dass am Ende eine gute Lösung stehen wird für die Gerhardi Kunststoff GmbH – und für die gesamte Region.

