Rekordzahl und Höchststand

NRW im Insolvenz-Hoch: Stärkster Anstieg seit Jahren – eine Branche besonders gefährdet

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In Nordrhein-Westfalen grassiert ein echter Insolvenz-Boom. Ein Sektor wird dabei besonders getroffen – das sind die Gründe.

Hamm – Die Zahl der Unternehmen, die in Nordrhein-Westfalen einen Insolvenzantrag stellen müssen, steigt rapide. So steckt etwa die Restaurant-Kette Sausalitos in der Insolvenz. Einige Filialen in NRW haben bereits ihre Schließung verkündet – erst kürzlich musste sich dem eine weitere Filiale anschließen.

Rekordzahlen: Zunehmend mehr Insolvenzen in NRW

Die Entwicklung wird durch die aktuellste Statistik des Landesbetriebs IT.NRW bestätigt – demnach ist im ersten Quartal 2025 sogar der höchste Stand der Unternehmensinsolvenzen seit dem ersten Quartal 2016 erreicht worden. Insgesamt macht das satte 1.572 angemeldete Insolvenzen. Im Vergleich zum ersten Quartal des Vorjahres 2024 ist damit ein Anstieg von 19,7 Prozent zu verzeichnen, so IT.NRW.

Galeria Karstadt Kaufhof – so hieß das Unternehmen vor einem lange andauernden Kampf gegen die endgültige Schließung. Jetzt, nach abgeschlossenem Insolvenzverfahren und Verkauf heißt es nur noch Galeria.

Damit waren im ersten Quartal 2025 allein 10.296 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betroffen – im ersten Quartal 2024 waren es noch 15.472. Die Zahl der voraussichtlichen Forderungen liegt aktuell bei 2 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2024 waren es 3,7 Milliarden Euro. Trotz der gestiegenen Unternehmensinsolvenzen sind die Zahlen der betroffenen Beschäftigen und der Forderungen also niedriger als zuvor – Der Grund dafür sei eine „geringere Zahl von Insolvenzanträgen wirtschaftlich bedeutender Unternehmen und Unternehmensketten“, so IT.NRW.

Einzelhandel leidet – dafür gibt es verschiedene Gründe

Unter die Lupe genommen wurden verschiedene Wirtschaftsbereiche – die meisten Insolvenzanträge wurden im Bereich „Handel; Instandhaltung und Reparatur von KFZ“ gestellt, heißt es. Da waren es im ersten Quartal 2025 insgesamt 294. Darunter fällt auch der Einzelhandel, der laut IT.NRW die eindeutige Mehrheit bildet. Ein Beispiel dafür ist etwa der Schuh- und Modehändler Onygo mit 19 deutschen Filialen, der kürzlich in finanzielle Schieflage geraten war.

Dafür gibt es gute Gründe: „Der Wandel hin zum Onlinehandel wurde durch die Pandemie beschleunigt. Viele Einzelhändler konnten ihre Geschäftsmodelle nicht ausreichend digitalisieren“, erklärt Sven Schulte von der Industrie- und Handelskammer NRW (IHK) auf Nachfrage von wa.de. Diese Entwicklung halte auch jetzt noch an, sei aber auch schon vor der Pandemie spürbar gewesen.

Zudem herrsche bei vielen Menschen durch „Inflation, Energiepreise und wirtschaftliche Unsicherheit“ eine Konsumzurückhaltung – besonders bei Produkten, die nicht lebensnotwendig sind, so Schulte. Zu guter Letzt spielen aber auch gestiegene Lebenskosten eine zentrale Rolle: „Höhere Mieten, Energiekosten und Löhne führen bei gleichbleibenden oder sinkenden Umsätzen zu wirtschaftlichen Schieflagen“, so Schulte.

Viele Unternehmen geben auf, bevor es überhaupt zum Insolvenzantrag kommt

Das wird auch im aktuellen Konjunkturbericht der IHK NRW (Frühsommer 2025) deutlich. „In der letzten Konjunkturumfrage melden 43 Prozent der befragten Unternehmen Finanzierungsprobleme. Die Unternehmen beklagen den Rückgang ihres Eigenkapitals (20 Prozent) und Engpässe bei den Liquiditätsreserven (19 Prozent)“, heißt es da.

Auch hier wird der Einzelhandel genannt, aber auch die Gastronomie habe demnach zu kämpfen. Es sei aber auch zu beachten, dass viele Unternehmen schon aufgeben, bevor es überhaupt zum Insolvenzantrag kommt. Laut dem Konjunkturbericht leiden auch Firmen in weiteren Branchen unter Zukunftsängsten. „So geben in der Unterhaltungsbranche und auch in einigen Industriebranchen jedes zehnte befragte Unternehmen an, sich Sorgen um ihren Fortbestand zu machen“, heißt es.

Auch im Baugewerbe sind laut IT.NRW viele Insolvenzen verzeichnet worden: Im ersten Quartal 2025 waren es 274, das sind 38 mehr, als noch im ersten Quartal 2024. Bei den „sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen“ ist die Zahl der Verfahren mit 173 zwar geringer – der Anstieg im Vergleich zum Vorjahr ist in diesem Bereich mit 26,3 Prozent aber der Höchste. Zu dieser Kategorie gehören etwa der Garten- und Landschaftsbau, Reisebüros und Wach- und Sicherheitsdienste.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Arnulf Hettrich

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