Wende im Ukrainekrieg möglich

Osteuropa-Experte Klaus Gestwa: „Die Russen haben keine Wunderwaffen“

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Die Ukraine muss zügig neben Munition Flugabwehrsysteme, Kampfjets und weitreichende Waffen wie den Taurus-Marschflugkörper erhalten“, sagt Klaus Gestwa.
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Im Krieg zwischen Russland und der Ukraine könnte sich das Blatt wenden. Professor Dr. Klaus Gestwa, in Hamm aufgewachsen, beschreibt die potenzielle Wende. Doch die Zeit drängt.

Hamm/Tübingen – Der Westen zaudert, die Ukraine steht mit dem Rücken zur Wand. Trotzdem kann es im Frühsommer zur Wende im Ukrainekrieg kommen. Das sagt Professor Dr. Klaus Gestwa (60), der an der Universität Tübingen das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde leitet. Im Interview mit wa.de analysiert der Osteuropa-Experte einmal mehr das aktuelle Kriegsgeschehen und gibt Einblicke in die Lage in Russland und der Ukraine.

Kann Putins Armee überhaupt noch gestoppt werden, und was müsste dafür – vor allen Dingen wie schnell – passieren?

Klaus Gestwa: Die ersten beiden Kriegsjahre haben die russische Militärmaschinerie entzaubert. Sie verfügt nicht über Wunderwaffen und leidet unter schweren logistischen, organisatorischen und operationellen Problemen. Russische Soldaten werden bedenkenlos in den Fleischwolf an der Front geworfen. Trotzdem hat sich durch den Munitionsmangel auf ukrainischer Seite die Kriegsdynamik zuletzt verändert. Die ukrainische Armee musste inzwischen die lange hart umkämpfte, unweit von Donezk gelegene Kleinstadt Awdijiwka räumen. Der weitere Vormarsch der russischen Armee lässt sich aber stoppen, wenn die ukrainische Seite Munitionsnachschub erhält. Das muss umgehend geschehen. Dafür muss der Kongress in Washington endlich die beantragten Militärhilfen von 60 Milliarden Dollar für die Ukraine freigeben. Aktuell können die EU-Länder einen Wegfall der US-Hilfen nicht kompensieren. Sie haben von den zugesagten eine Million Granaten bislang nur ein Drittel an die Ukraine geliefert und tragen damit gleichsam Verantwortung für die komplizierte Frontlage.

Aber selbst wenn heute neue Waffen- oder Munitionslieferungen zugesagt würden, dann dauert es Monate, bis sie an der Front ankommen. Der Ukraine fehlen aber jetzt schon die Granaten. Kann das überhaupt noch gut gehen?

Gestwa: Die ukrainische Strategie zielt momentan darauf, die aktuellen Verteidigungslinien zu halten. Wenn jetzt die Zeitenwende nicht nur proklamiert, sondern auch konsequent umgesetzt wird, dann könnte sich die militärische Situation schon im Frühsommer wieder verändern. Dänemark gibt das Vorbild und liefert jetzt alle Munition an die Ukraine, die es entbehren kann. Das von wahltaktischem Kalkül geleitete Agieren von Trump und der Republikanischen Partei verdeutlicht, dass Europa in seine eigene verteidigungspolitische Souveränität dringend mehr investieren muss, um mit eigenen militärischen Mitteln an der Nato-Ostflanke den Kreml durch eine wirksame Abschreckung von Provokationen und Abenteuern abzuhalten. Die politischen Weichen dazu müssen heute gestellt werden.

Und wenn das nicht geschieht? Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung?

Gestwa: Mir machen drei Dinge Hoffnung: Erstens ist trotz aller inneren Querelen in den Kiewer Regierungskreisen zu beobachten, dass die Ukraine weiterhin geschlossen agiert. Die Menschen dort wissen, dass sie angesichts der fortgesetzten russischen Eroberungs- und Zerstörungswut keine Alternative zu ihrem aufopferungsvollen Abwehrkampf haben. Zweitens scheint die westliche Politik den Ernst der Lage allmählich zu begreifen. Ich würde mir allerdings noch mehr Entschlossenheit und Mut bei der Unterstützung der Ukraine wünschen. Drittens zeigen die Telegram-Nachrichten russischer Soldaten, dass ihre Einheiten weiterhin schlecht ausgestattet sind. Klasse wird durch Masse ersetzt. Ob das für größere Frontdurchbrüche reicht, erscheint fraglich, vor allem wenn die waffentechnologische Überlegenheit des Westens besser als bislang genutzt wird. Die Ukraine muss zügig neben Munition Flugabwehrsysteme, Kampfjets und weitreichende Waffen wie den Taurus-Marschflugkörper erhalten. Dann lässt sich der von Putin befohlene Vormarsch der russischen Armee unterbinden und die Kriegsdynamik erneut drehen.

Ist es nicht eher so, dass die Menschen in der Ukraine des Krieges müde sind? Dass die Hoffnung – auch angesichts der hohen eigenen Verluste – auf ein für sie gutes Ende schwindet?

Gestwa: Die gesellschaftliche Stimmung in der Ukraine ist gegenwärtig in der Tat gedrückt. Der von vielen erhoffte Durchbruch an der Südfront Richtung Krim ist 2023 nicht gelungen. Das hätte den Kreml vielleicht an den Verhandlungstisch zwingen können. Putin spielt stattdessen weiter ganz auf Zeit und Sieg. Er hat die russischen Militärausgaben für die nächsten beiden Jahre noch einmal massiv erhöht und zeigt sich siegesgewiss, dass der Westen auf dieser kriegerischen Langstrecke über kurz oder lang nicht mithalten kann. Für die Ukraine gibt es deshalb momentan keine Aussicht auf einen akzeptablen Waffenstillstand. Die Kapitulation oder ein russischer Diktatfrieden hätte einen Untergang der selbstständigen Ukraine auf Raten zur Folge. Putin weicht nämlich keinen Deut von seinem Ziel der Entukrainisierung des östlichen Europas ab. Das wissen die im buchstäblichen Sinne kriegsmüden und abgekämpften Menschen in der Ukraine. Sie sind zugleich über die zahlreichen entsetzlichen Verbrechen der russischen Besatzungsmacht gut informiert und wollen deshalb unter keinen Umständen Teil von Putins russischer Welt werden.

Stehen die Ukrainer noch zu ihrem Präsidenten?

Gestwa: Politische Streitigkeiten gibt es in der Ukraine seit dem Regierungsantritt von Selenskyj im Jahr 2019. Als großartiger Kommunikator und nationale Symbolfigur beeindruckt er weiterhin mit seiner internationalen Strahlkraft. Angesichts ausbleibender militärischer Triumphe werden die verdrängten Probleme aber sichtbarer. Das zeigt die Absetzung des populären Armeechefs Saluschnyj. Jetzt ist mit Syrskyj ein neuer Oberkommandierender ernannt worden. Er hat zweifellos seine Verdienste; aber er steht auch in der Kritik, weil er im Todeskessel von Bachmut schwere Verluste in Kauf nahm. Zudem gibt es einen Konflikt zwischen dem Präsidenten und Vitali Klitschko, dem Bürgermeister von Kiew. Selenskyj nutzt das Kriegsrecht, um durchzuregieren. Das sorgt für Unmut, weil so die Umsetzung der Dezentralisierungsreform gefährdet erscheint, mit der die Machtbalance zwischen dem Präsidenten und den Regionen sowie Städten neu austariert werden soll.

Was bedeutet der Tod von Nawalny für die Opposition in Russland?

Gestwa: Die Hinweise mehren sich, dass Putin Nawalny zu Tode quälen ließ. Die unaufgeklärten Tatumstände kennen wir von anderen politisch brisanten Mordfällen. Nawalny hatte gehofft, zu einem russischen Nelson Mandela zu werden. Darum ist er nach dem überstandenen Giftanschlag im Frühjahr 2021 nach Russland zurückgekehrt. Mit Nawalny hat jetzt die wichtigste Leit- und Symbolfigur der russischen Opposition ihr Leben verloren. Er stand für ein friedliches und freies Russland jenseits von Putin. Mit Nawalnys Tod stirbt bei vielen Russen und Russinnen der letzte Hoffnungsschimmer auf eine bessere Zukunft. Putin hat mit der Ermordung seines ärgsten Herausforderers, der ihn als „Opa im Bunker“ bezeichnete und die Prunksucht des Kreml-Syndikats aufdeckte, ein Exempel statuiert und damit drei Wochen vor der russischen Präsidentschaftswahl einen Vorschein darauf gegeben, dass während seiner kommenden Amtszeit der Würgegriff um die russische Gesellschaft noch enger gezogen wird.

Wann wird dieser Krieg zu Ende gehen?

Gestwa: Die blutigen Schlachten werden 2024 vermutlich weitergehen. Eine neue Dynamik hin zu einem für die Ukraine und die Weltgemeinschaft akzeptablen Verständigungsfrieden kann nur entstehen, wenn die Ukraine in eine Position der politischen und militärischen Stärke kommt. Erst dann wird Russland von seinem Ziel der Zerstörung der ukrainischen Nation endlich ablassen müssen. Machen wir uns nichts vor: Wenn das fortgesetzte Kriegsgebaren des Kremls durch Niederlagen an der ukrainischen Front nicht gestoppt wird, droht der Beginn einer Ära russischer Revisionskriege, deren eskalierende Dynamik dann bald auch die Nato-Staaten treffen könnte. Weil weder der Westen noch die russische Gesellschaft Putin von seinem Kriegspfad abzubringen vermögen, muss die Ukraine mit einem hohen Blutzoll die Kohlen aus dem Feuer holen. Das ist beschämend und erklärt die Verbitterung, die aus den Worten vieler Ukrainer aktuell deutlich herauszuhören ist.

Unter Druck: Ein ukrainischer Soldat steht vor einem Unterstand an der Frontlinie. Der ukrainischen Armee fehlen Munition und Personal.

Historiker mit Hammer Wurzeln

Prof. Dr. Klaus Gestwa ist Historiker und seit 2009 Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen.

Der 60-Jährige wuchs in Hamm auf und machte sein Abitur am Gymnasium Hammonense. Er hat unter anderem in Moskau und Leningrad studiert und war Gastwissenschaftler an der University of Chicago. Gestwa hat mehrere Bücher über Russland, die Sowjetunion und Russische Revolutionen veröffentlicht.

Vor wenigen Tagen wurde er von der Universität Tübingen mit dem Preis für Wissenschaftskommunikation 2024 ausgezeichnet. Die Jury würdigte Gestwas „unermüdlichen Einsatz bei der politischen und historischen Einordnung des Ukrainekonflikts“, wie es in der Begründung heißt.

Der Historiker habe sein umfangreiches Wissen über Geschichte, Gesellschaft und Politik Osteuropas in den vergangenen Jahren genutzt, um die deutsche Öffentlichkeit über die Ursachen des russischen Angriffskriegs gegen das Nachbarland aufzuklären und um weit verbreiteten Annahmen und Irrtümern entgegenzutreten. Dabei habe er Mut bewiesen und sei auch öffentlichem Streit und Anfeindungen nicht aus dem Weg gegangen.

Mit seinen Interviews, Videos, Zeitschriftenbeiträgen und Vorträgen habe Gestwa ein Millionenpublikum erreicht und so zur Meinungsbildung in Deutschland über den Krieg gegen die Ukraine maßgeblich beigetragen.

Der Osteuropa-Experte lebt seit 1994 in Tübingen, ist seit 32 Jahren mit einer Russin verheiratet und Vater von fünf Kindern. Bis heute besucht er regelmäßig mit der Familie seine Eltern in Werries.

Vor zwei Jahren wurde die Ukraine von Russland angegriffen. Seitdem herrscht in dem Land Ausnahmezustand, viele Menschen flohen — auch nach Hamm.

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