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Der Kreisvorsitzende der Rechtsaußenpartei kandidiert erneut für das Amt des Oberbürgermeisters von Hamm. Die Partei ist inzwischen sein Leben.
Hamm – Mehr AfD geht wohl nicht. Pierre Jung trägt Sneaker in den Parteifarben, hellblau mit rotem Pfeil. An den Hacken prangt das Partei-Kürzel. „Nike Air Force 1“ heißt das Modell, man kann es farblich selbst gestalten. Und da das Firmenlogo dem AfD-Pfeil verdächtig ähnlich sieht, ist der Schuh in der Partei außerordentlich beliebt.
Auch bei Jung, der Hammer Oberbürgermeister werden will. Kaufen kann man die Schuhe nicht mehr, Nike hat die Farbkombination gesperrt. Auf Drängen der Bundesregierung, munkelt Jung. Dafür gibt es zwar keine Anhaltspunkte. Mit einem Schuh-Design dem Establishment zu trotzen, passt aber gut zum Kandidaten und seiner Partei.
Seit zehn Jahren AfD-Chef in Hamm
Der 49-Jährige steht seit zehn Jahren an der Spitze des Hammer Kreisverbandes, der in der NRW-AfD deutlich rechts angesiedelt ist. Und mit dem keine andere Parteien etwas zu tun haben will. In den NRW-Verfassungsschutzbericht hat Jung es schon mal geschafft, im jüngsten Bericht des Bundesverfassungschutzes steht er aber nicht. Jung und sein Partei-freund Georg Schroeter – die andere AfD-Größe in Hamm – haben immer wieder Gäste vom rechten Rand bewirtet. Björn Höcke war 2024 der prominenteste Redner im „Europasaal“, der Hammer AfD-Zentrale an der Römerstraße.
Dorthin hat Jung zum Gespräch eingeladen. Eine Homestory wollte er nicht. Es ist ein schlichter Bürotrakt in einem Gewerbekomplex, der Schroeter gehört. Der sitzt seit Februar für die AfD im Bundestag. Jung ist sein Wahlkreismitarbeiter in Hamm, kümmert sich hauptberuflich um Bürgeranfragen und Besuchsfahrten. Kreisverband und Wahlkampf leitet er nebenbei, Tik-Tok-Videos für Landespolitiker macht er auch noch – die AfD als Full-Time-Job.
Vom Rheinland nach Westfalen
Die Lebensgeschichte des Pierre Jung beginnt 1976 in Düsseldorf. Er wächst in Garath auf, einem Arbeiterstadtteil. Früher war das eine SPD-Hochburg, heute ist die AfD dort stärkste Kraft. Es gibt einen jüngeren Bruder und einen Vater, der preußische Tugenden predigt: Disziplin, Fleiß, keine Schulden. Das prägt mehr als die väterliche Begeisterung für Fortuna Düsseldorf. Der Sohn steht lieber auf dem Skateboard. Und er nimmt die vielen Marokkaner wahr, die im Haus und im Viertel leben.
Jung macht die Mittlere Reife. Er will gestaltungstechnischer Assistent werden, bricht die Ausbildung aber ab. Kreativ sei er als Jugendlicher gewesen, sagt er heute dazu. Aber nicht diszipliniert genug. Er wird Fotolaborant, bis die Digitalisierung den Beruf überflüssig macht. Und dann schließlich Berufskraftfahrer. Eine pragmatische Wahl, so wie er es darstellt: Der Umgang mit den Lastwagen sei ihm leicht gefallen, und es gab gutes Geld.
Seine Ehefrau kommt aus Ghana
Für eine Frau zieht Jung nach Soest, für eine andere später nach Hamm. Hier lernt er seine Ehefrau kennen. Sie stammt aus Ghana, wie er betont. Auch, um alle Rassismusvorwürfe schon mal zu entkräften. Vom privaten Pierre Jung erfährt man sonst wenig. Nur, dass er gerne Auto fährt. Auf der Autobahn auch mal schnell, Tempo 250, wenn die Verhältnisse es zulassen. Mit einem Tempolimit braucht man ihm nicht zu kommen. Das war schon so, als er noch bei den Piraten war.
Jungs politische Karriere beginnt bei einer Partei, die allgemein dem linken Spektrum zugeordnet wird. Falsch, sagt Jung. Die Piraten seien vor allem basisdemokratisch gewesen, und das habe ihm gefallen. Der Bruch kommt 2013. Anlass ist ein Kriminalfall im niedersächsischen Kirchweyhe. Dort will ein junger Mann einen Streit in einen Nachtbus schlichten und wird erschlagen. Das Opfer ist deutsch, der Täter „Südländer“. Rechtsradikale mobilisieren vor Ort und in sozialen Medien. Jung ist angefixt, sieht Rassismus gegen Deutsche. Wenn man den Fall heute nachliest, bleibt von solchen Vorwürfen nichts übrig.
Jugend in einem multikulturellen Viertel
Doch für Jung ist das Thema gesetzt. Mit Deutschfeindlichkeit sei er groß geworden, erzählt er. Damals, in Garath, wo es immer viele Einwanderer gab. Freundlich und herzlich seien die Leute zuhause gewesen. Aber auf der Straße habe ein anderer Ton geherrscht. Deutsche seien als schwach angesehen worden, er habe die Verachtung gespürt.
Bei den Piraten kommt er damit nicht an. Die hätten nur Angst gehabt, „den Rechten nicht in die Hände zu spielen“, sagt er. „Das war gegen mein Gerechtigkeitsempfinden.“ Als er nach Kirchweyhe immer mehr ins Thema eintaucht, kommt nicht nur die AfD ins Spiel. Sondern auch der Islam.
Der Islam als Hauptthema
Jung kann sich da schnell mal in Rage reden. Im konservativ ausgelegten Islam sieht er „Feindlichkeit gegen unsere Lebensart“. Rote Linien seien bereits überschritten, wenn es um islamisches Recht in Deutschland gehe. Über Internationales Privatrecht könnten hier Kinderehen geschlossen werden, behauptet er. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages sieht das anders.
Dass die AfD sich auf ihrem Stuttgarter Parteitag 2016 nicht wie nur gegen den politischen Islam, sondern gegen den Islam überhaupt positionierte, schreibt er sich selbst zugute. Sind damit nun alle Muslime gefährlich? Das würde er nie behaupten, sagt Jung. Es gehe um den Islam als Konzept und nicht um einzelne Muslime und ihren Glauben.
Klima, Schulden und die anderen Parteien
Es gibt noch andere Themen, die Jung auf die Palme bringen können: Klima, Verschuldung und die anderen Parteien. Über die CDU kann er sich besonders aufregen – das sei der „Hauptfeind“. Bei SPD und Grünen sei klar, wo sie stünden: ein wenig totalitär und auf dem Weg in den Sozialismus. Die CDU dagegen könne so viel mit der AfD zusammen machen, zum Beispiel Steuern senken, und wolle doch nur den Grünen gefallen. Der Graben zwischen AfD und den anderen bleibt tief. Dass alle Parteien aus ihrer Sicht Gutes für Deutschland bewirken wollen, mag Jung nicht einsehen. Fragt man ihn danach, überlegt er kurz: Nein, die anderen „wollen Deutschland vor die Wand fahren“.
Jung ist wie weite Teile der Partei der Meinung, dass es keine wirkliche Meinungsfreiheit gebe. Viele trauten sich nicht mehr, offen zu sagen, was sie denken, aus Angst entlassen oder aus Vereinen verstoßen zu werden. Diese Angst habe er selbst nicht: Er sei meinungsstark, schwimme gerne gegen den Strom.
Sozialprogramme streichen und Museum schließen
Und was würde er tun, wenn er tatsächlich Oberbürgermeister würde? „Streichen wie Milei“, sagt er mit Blick auf Argentiniens Kettensägen-Präsidenten. Den Rotstift würde er bei Sozialprogrammen ansetzen. Was da gefördert werde, könne man „normalen Menschen“ oft nicht erklären. Er würde auch das Gustav-Lübcke-Museum schließen, aus Kostengründen, so wie Georg Schroeter es schon vor Jahren forderte. Da ist die AfD sich treu: Sie war im Rat die einzige Partei, die den Neubau einer dringend benötigten Sporthalle ablehnte – sie war ihr zu teuer.
Unsere Serie
Am 14. September entscheiden die Bürger in Hamm über ihre politischen Vertreter auf kommunaler Ebene. Im Vorfeld stellen wir die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters vor. Bevor es an die Wahlurne geht, erscheint jeweils mittwochs und samstags ein neuer Teil unserer Serie. Dabei stellen wir die Person hinter dem Politiker in den Vordergrund. Passend dazu gewähren die Kandidaten uns und den Lesern des WA seltene Einblicke in ihr privates Umfeld.
Rubriklistenbild: © Andreas Rother/Andreas Rother
![[Foto: © Andreas Rother] --> Hamm: Wahlkampf: Portrait Pierre Jung (AfD) AfD-Europasaal, Römerstraße 18 , 59075 Hamm [Foto: © Andreas Rother] --> Hamm: Wahlkampf: Portrait Pierre Jung (AfD) AfD-Europasaal, Römerstraße 18 , 59075 Hamm](http://www.ippen.media/bilder/2025/09/02/93913960/39544078-foto-andreas-rother-gt-hamm-wahlkampf-portrait-pierre-jung-afd-afd-europasaal-roemerstrasse-18-59075-hamm-3Ea7.jpg)