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Die Ausrichtung der Hammer AfD hat sich seit der Gründung des Kreisverbands spürbar gewandelt. Wir haben die Entwicklung der Partei analysiert.
Hamm – Vor zehn Jahren war bei der AfD alles noch eine Nummer kleiner. Als Parteivize Frauke Petry sich 2015 zu einem Wahlkampfauftritt auf dem Marktplatz traute, tauchten dort gerade einmal 15 Leute auf – und fast genauso viele, die Petry ihre Abneigung kundtun wollten. Damals ging es noch um den Euro und um Griechenland. Heute dreht sich bei der Rechtspartei alles um Einwanderung und deutsche Identität. So sehr, dass der Verfassungsschutz die gesamte Partei als gesichert rechtsextrem einstufte. Das schließt den Hammer Kreisverband automatisch mit ein. Tatsächlich gibt es viele Hinweise, dass die AfD in Hamm genauso tickt wie im Rest des Landes. Ein Überblick.
Parteispitze der AfD in Hamm: Von libertär zu national
Los geht es mit einem Mann, der sein politisches Lebensthema früh, die passende Partei dafür aber erst spät gefunden hat: Georg Schroeter (74). Der Diplom-Ingenieur und Kaufmann war in Hamm FDP-Vorsitzender, ging dann zu Jürgen Möllemanns „Liberalem Aufbruch“ und 2013 zur AfD. Bei der Hammer Gründungsversammlung mit drei Teilnehmern wurde er zum Vorsitzenden gewählt.
Die libertären Ansichten der damaligen Anti-Euro-Partei waren genau das richtige für Schroeter. In der FDP hatte er jahrelang die Schließung öffentlicher Einrichtungen gefordert, die er für zu teuer hielt. Das Gustav-Lübcke-Museum stand für ihn an erster Stelle. Weshalb die AfD die Forderung auch sofort übernahm. Die Parteispitze gab Schroeter nach einem Jahr an den Journalisten Rüdiger Schnaugst ab, der nach Vorstandsintrigen 2015 entnervt aufgab. Der Weg war frei für Pierre Jung (48), der den Kreisverband seitdem leitet.
Die politische Karriere des Berufskraftfahrers begann auf der anderen Seite des politischen Spektrums – bei der Piratenpartei. 2014 konvertierte Jung zur AfD. Sein Thema damals und bis heute: die Warnung vor einem „immer stärker werdenden Islam“. Politik sei Notwehr gegen Missstände in der Gesellschaft, sagte er 2017 im WA. Angela Merkel war damals für ihn „totalitär“ und eine „selbsternannte Kaiserin Deutschlands“. 2019 sprach er auf einer Querdenker-Demo. Nebenamtlich arbeitete Jung für den umstrittenen Landtagsabgeordneten Christian Blex. Dessen Russland-Reise 2022 – nach dem Überfall auf die Ukraine – fand Jung unproblematisch: man müsse sich doch selbst ein Bild von der Lage machen dürfen.
Hammer AfD ist längst Thema beim Verfassungsschutz
Der Hammer AfD-Chef und sein Kreisverband waren da längst auf den Radar des Verfassungsschutzes geraten. Als der die Bundespartei 2021 als „rechtsextremistischen Verdachtsfall“ einstufte, tauchte Jungs Name gleich mehrfach im Gutachten auf. So habe er Björn Höckes „Flügel“ in einem Facebook-Post 2020 als „antifaschistisch“ bezeichnet. Einen Beitrag des rechtsextremen Verlegers Jürgen Elsässer für einen stärkeren Personenkult um den thüringischen Landeschef, habe Jung 2019 mit „etwas mehr Höcke wagen“ kommentiert.
Auch auf der Facebook-Seite der Hammer AfD häuften sich zu dieser Zeit demnach einschlägige Beiträge. „Jeden Tag verschwindet eine Frau von uns durch diese bestialisch sozialisierten Deutschen. Heute war es der Deutsche Mourad D., der seine Frau mit sechs Messerstichen getötet hat, ohne Mörder zu sein! Ein Karl Heinz hat so etwas dagegen nur selten zustande gebracht“, hieß es laut Gutachten beispielsweise nach einem Tötungsdelikt in Koblenz 2019. „Das Messer hat seit 2015 besonders für Frauen einen Wandel in der Bedeutung erlebt. Vor 2015 war das Messer für Frauen eher ein Küchenwerkzeug, heute ist es Tag für Tag eine Todesursache“, in einem anderen. Nach einem Tötungsdelikt in Flensburg habe der Kreisverband ein Jahr später von „tägliche[n] Messermord[en] von Leuten mit ‚dunklem Teint‘“ schwadroniert. Die einzelnen Beiträge sind mittlerweile offenbar gelöscht worden.
Als Begründung der Einstufung als „rechtsextremistischen Verdachtsfall“ 2021 gab der Verfassungsschutz unter anderem eine Nähe zur völkisch-nationalen Identitären Bewegung (IB) an. Auch hier lassen sich Verbindungen zum Hammer Kreisverband deuten. So teilten die lokalen AfDler laut dem Papier 2019 das Video „Heikle Straßenumfrage“ des rechtsextremen Kanals „Ruhrpott Roulette“, der von zwei IB-Aktivisten betrieben wurde.
Für Aufsehen sorgte auch ein Hammer Polizist, der dem örtlichen AfD-Vorstand angehörte und gleichzeitig der Reichsbürger-Szene zugeordnet wurde. Der Verdacht kam 2016 auf, es folgten Disziplinarverfahren sowie der Entzug von Jagdschein und entsprechenden Waffen. Im Polizeidienst ist der Mann nicht mehr.
Auf Nachfrage des WA zu möglichen rechtsextremen Tendenzen Jungs und des Hammer Kreisverbandes teilte der Verfassungsschutz mit, man äußere sich „grundsätzlich nicht [...] zu Einzelpersonen und Gruppierungen, die nicht im Verfassungsschutzbericht [nicht das Gutachten] genannt werden.“
Klare Marschrichtung im Rat der Stadt
Bei der Kommunalwahl 2020 holte die AfD 4,7 Prozent der Stimmen und zog mit drei Leuten in den Rat ein – man hatte damals Schwierigkeiten, genügend Kandidaten für die Mandate zu finden. Angesagt sind seitdem ein rauer Umgangston und Fundamental-Opposition. Bei Anfragen und Anträgen dreht sich für die AfD fast alles um Migration und die verhasste Klimapolitik. Mehrmals wollte die Partei wissen, wie viele geduldete Ausländer sich in Hamm aufhalten und wie hoch die Kosten dafür sind. Die Anzahl der Straftaten von Migranten wurde allein in der aktuellen Legislaturperiode in Anfragen vom Juni 2021, Dezember 2022, März 2023, Juni 2024 und Februar 2025 thematisiert.
Gerne in der Opferrolle
Kommt Kritik von außen, schlüpft die Partei schnell in die Opferrolle: Als Liebfrauen-Pfarrer Ralf Dunker den AfD-Mitarbeiter Julian-Bert Schäfer als Messdiener ausschloss, weil die Werte der Partei mit denen der katholischen Kirche unvereinbar seien, rollte die Empörungs-Maschine der AfD an. Sonst für Kirchen-Bashing bekannt, reklamierte die AfD nun das Christentum für sich. Eine angekündigte Eingabe beim Papst blieb bisher erfolglos.
Bedenkliche Gäste: Helferich bis Höcke
Gleichzeitig lud sich die Kreispartei immer wieder Gäste vom ganz rechten Rand ein. Martin Renner zum Beispiel (2023), der gegen „Schuldkult“ und „Multikulti“ wettert und den Sturm auf das US-Kapitol zum „Tag der Rache“ erklärt. Und Matthias Helferich, der sich selbst als „freundliches Gesicht des NS“ bekannt machte und ein Parteiausschlussverfahren bis jetzt überstanden hat. In Hamm sprach er über den „Angriff aufs Volk“ (2023). Als Höhepunkt darf in dieser Hinsicht der Auftritt Björn Höckes gelten (2024). Der Thüringer Parteivorsitzende stand damals vor Gericht, weil er den SA-Slogan „Alles für Deutschland“ verwendet hatte. Den nahm er in Hamm zwar nicht selbst in den Mund, das Publikum half ihm da allerdings aus.
Aktuelle Mitgliederzahlen hat die Partei zuletzt nicht mehr veröffentlicht. Das Verhältnis zur Presse ist distanziert. Stark ist die Partei in Sozialen Medien. Pierre Jung bringt es auf Facebook zwar nur auf 4 700 Follower (zum Vergleich: OB Marc Herter folgen mehr als 8 000 Nutzer, CDU-Neuling Jochen Dornseifer bereits 3 200). Auf Tik Tok sieht es ganz anders aus: Da folgen Jung mehr als 13 000 Nutzer.
Rubriklistenbild: © © Andreas Rother/© Andreas Rother

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