VonSabine Pingerschließen
Ein Vorfall in der Nacht zum 22. Juni wirft einen Schatten auf das Fest des Bürgerschützenvereins Bönen, Wester- und Osterbönen. Mehrere Personen haben lauthals Naziparolen gebrüllt.
Bönen – Sabrina Wipperfürth ist heute noch fassungslos und entsetzt, wenn sie an diese Nacht denkt, wie sie sagt. Sie war unfreiwillig Zeugin dieser Entgleisungen. Die junge Frau war zu Besuch bei ihrer Stiefmutter an der Witheborgstraße, als die Schützen und ihre zahlreichen Gäste nebenan auf der Wiese feierten. Und natürlich wurde es beim Königsball in der Nacht von Samstag auf Sonntag dort etwas lauter.
Zeugin hört Partyhit von Gigi D‘Agostino
„Ich konnte deshalb nicht schlafen und bin vor die Tür gegangen, um zu rauchen“, erzählt Sabrina Wipperfürth. Als sie dort den Partyhit „L‘amours toujours“ von Gigi D‘Agostino hörte, habe sie sich schon etwas gewundert. Immerhin wurde das Lied aus dem Jahr 2001 vor rund zwei Jahren von Rechtsradikalen gekapert. Sie grölten zur Melodie ausländerfeindliche Parolen. Bekannt wurde das etwa von Veranstaltungen der AfD und ihrer inzwischen aufgelösten Jugendorganisation „Junge Alternative“.
Traurige Berühmtheit hat zudem im vergangenen Jahr ein Video von einer Party in einem Sylter Nobel-Klub erlangt, bei dem Gäste gleichfalls zur Melodie des italienischen Musikproduzenten „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ johlten und dazu den Hitlergruß zeigten. Auch beim Karneval in Hamm gab es einen ähnlichen Vorfall.
DJ Drob aus Westtönnen traute sich dennoch, den Fetenklassiker zu spielen. Und das spornte dann wohl einige rechtsgesinnte Festbesucher an. Klar und deutlich hörte Sabrina Wipperfürth, wie sie die gleichen Parolen skandierten wie die betrunkenen Partygäste auf der Nordseeinsel und die rechtsextremen AfD-Anhänger. „Ich habe das sehr deutlich gehört und auch sehr genau verstanden, was die da gegrölt haben – obwohl ich nicht im Zelt und nicht auf der Wiese war“, betont die junge Frau. „Das müssen auf jeden Fall mehr als zwei, drei Personen gewesen sein.“ Zu Ende gespielt worden sei das Stück jedoch nicht, mittendrin brach es ab und ein anderes Lied begann.
Keine Bagatelle – Verein informiert
Sabrina Wipperfürth sei in diesem Moment total schockiert gewesen. Deshalb habe sie weder daran gedacht, den „Gesang“ mit dem Smartphone aufzunehmen, noch die Polizei anzurufen. „Im Nachhinein ärgere ich mich darüber. Nächstes Mal rufe ich die Polizei“, hat sie sich vorgenommen. Schließlich handelt sich nicht um eine Bagatelle, sondern erfüllt unter Umständen den Tatbestand der Volksverhetzung, ist also sogar strafrechtlich relevant. In diesem Augenblick sei sie aber bestürzt und wütend zurück ins Haus gegangen. „Diese menschenverachtende Hetze hat mich tief getroffen und verstört.“
Weil ihr die Sache keine Ruhe gelassen habe, habe sie umgehend den Schützenverein angeschrieben und auf den Vorfall hingewiesen. „Ich konnte das einfach nicht so stehen lassen. Sonst wird so etwas zur Normalität – und das darf nicht zur Normalität werden“, sagt sie. Eine Antwort auf ihre E-Mail hat sie zwei Wochen später nun bekommen.
Vorstand des Schützenvereins erstattet Anzeige
„Der gesamte Vorstand des Bürgerschützenvereins Bönen, Wester- und Osterbönen distanziert sich ganz klar von Hetze und Ausgrenzung jeder Art und verurteilt den Vorfall aufs Schärfste“, heißt es in dieser Stellungnahme. „Durch und mit unseren Veranstaltungen und Beteiligungen am öffentlichen Leben in Bönen werben wir stets für Offenheit und ein respektvolles Miteinander in unserer Gesellschaft.“ Der engagierte Diskjockey habe das Lied nach eigenem Ermessen aufgelegt, der Verein habe ihm allerdings auch nicht verboten, es zu spielen. Es propagiere ja im Original keine bedenkenswerten Inhalte, sondern eher das Gegenteil: Es besinge die Liebe.
„Nachdem hetzerische Rufe aus der Menge zu hören waren, haben wir das Lied unverzüglich abbrechen lassen. Eine Identifizierung von Gruppen oder Einzelpersonen war uns zu diesem Zeitpunkt nicht möglich“, geben die Vorstandsmitglieder an. Sie würden Sabrina Wipperfürths Bestürzung und Besorgnis über diesen Vorfall teilen. „Neben einem Spielverbot dieses Liedes prüfen wir derzeit weitere Maßnahmen, wie zum Beispiel die Teilnahme am Aktionsbündnis ,Bönen ist bunt‘ für eine auch nach außen sichtbare Positionierung.“
Außerdem werden die Vorstandsmitglieder in dieser Woche eine Anzeige bei der Polizei erstatten, kündigt Martin Brünnich an. „Die ganzen Tage war alles friedlich, alle waren fröhlich, und es hat super viel Spaß gemacht. Und dann kommen da solche Idioten“, ärgert sich der Vereinsvorsitzende über die nicht willkommenen Gäste im Festzelt. Nazis hätten keinen Platz bei den Schützen.
Rubriklistenbild: © Carola Schiller

