Rechtsextremismus

Lange vor Sylt-Video: Neo-Nazis kapern Pop-Hit von Gigi D’Agostino

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Der Song „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino sorgt erneut für Schlagzeilen. Doch es geht nicht um den Pop-Hit an sich. Sondern um das, wozu Rechtsextremisten ihn machen.

Hamm – Hunderttausende gehen seit dem öffentlich gewordenen Verschwörungstreffen von Rechtsextremisten – darunter Mitglieder der AfD, der sogenannten Werteunion oder auch der Identitären Bewegung – auf die Straßen und setzen Zeichen für Demokratie und gegen Fremdenhass. Nicht nur in Nordrhein-Westfalen, sondern auch in Berlin, München, Hamburg und anderen Ballungszentren demonstrieren die Menschen gegen die abscheulichen „Remigration“-Pläne. Die Sinne der demokratischen Masse sind folglich geschärft – und ausgerechnet ein Pop-Hit von Gigi D’Agostino sorgt für Aufruhr auf Volksfesten und Partys.

Wie ein Pop-Hit von Gigi D’Agostino zur Hymne von Rechtsextremen wurde

Rechtsextremisten haben seinen Song „L’amour toujours“, mit dem er Anfang der 2000er einen echten Hit gelandet hatte, gekapert. Zuletzt sollen Feierende bei einer Party am Studienzentrum der Finanzverwaltung und Justiz in Rotenburg an der Fulda (Hessen) oder auch bei einer Karnevalsveranstaltung in Drolshagen (Kreis Olpe, Hochsauerlandkreis) zu dessen Melodie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gegrölt haben. Der Staatsschutz ermittelt. Neu ist dieser „Trend“ offenbar nicht.

„Eine Gruppe Menschen sang am 14. Oktober öffentlich auf einer Party ‚Deutschland den Deutschen, Ausländer raus‘“, hatte Katapult MV bereits im November 2023 berichtet und entsprechendes Videomaterial dazu veröffentlicht. Auf die Melodie, die im Original ohne Songtext auskommt, singen diese Menschen die besagte fremdenfeindliche Parole. Es war offenbar nicht das erste Mal, dass diese Version des eigentlich harmlosen Songs durchs Netz geisterte.

Schlachtruf der Neo-Nazis seit den 1980er- und 1990er-Jahren

„Der Schlachtruf ist nicht neu, Neo-Nazis nutzen ihn seit den 1980er- bzw. 1990er-Jahren. Wann immer die Tonalität passt, werden Lieder zweckentfremdet, um ihn zu skandieren“, erklärt ein Sprecher von Exit-Deutschland, einer „Initiative, die Menschen hilft, die mit dem Rechtsextremismus brechen und sich ein neues Leben aufbauen wollen“, im Gespräch mit wa.de.

Aussteigerprogramm Exit-Deutschland

Exit-Deutschland ist eine nach eigenen Angaben „von Diplom-Kriminalist und Ex-Kriminaloberrat Bernd Wagner und Ex-Naziführer Ingo Hasselbach gegründete Initiative der ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH, die seit dem Jahr 2000 für Aussteiger aus der rechtsextremen Szene Hilfe zur Selbsthilfe bietet“.

Nun soll das auch auf der besagten Party am 23. Januar der Beamten-Hochschule in Hessen geschehen sein. Die Hochschule sei am 29. Januar über den Vorfall informiert worden und habe umgehend die Polizei informiert. „Nach ersten Erkenntnissen kann aber ausgeschlossen werden, dass es sich um ein kollektives Geschehen gehandelt hat“, erklärte Karl Jennemann, Direktor des Studienzentrums. Im Mai erklärte Jennemann dann gegenüber wa.de, dass sich der Verdacht nicht bestätigt habe. Dennoch kommt es offenbar immer wieder in Rahmen anderer Veranstaltungen zu derartigen Gesängen.

Auch „Kreuzberger Nächte sind lang“ von Neo-Nazis schon umgedichtet

Es ist ein Phänomen, das die Rechtsextremismus-Experten schon länger beobachten. Bekannt sei unter anderem auch eine Umdichtung des Gassenhauers „Kreuzberger Nächte sind lang“, erklärt der Exit-Sprecher weiter. „Immer wieder tritt sowas etwas bei Feiern oder Veranstaltungen auf“, sagt er. Dagegen lasse sich aber etwas unternehmen.

„Wenn man die Kraft dazu hat, sollte man intervenieren und eingreifen, die Leute darauf ansprechen“, sagt er. Oft aber sei die Stimmung aufgeheizt, die grölende Menge vielleicht durch Alkohol aufgeputscht. „Es ist schwierig einzuschätzen, wie man sich in diesem Fall dann verhalten sollte. Es kommt immer auf die Situation an“, erklärt der Exit-Sprecher.

Im besten Fall wendet man sich an den Veranstalter oder ruft die Polizei. Denn, darin sollten sich alle einig sein, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben weder auf einer friedlichen Party noch in einer demokratischen Gesellschaft etwas zu suchen.

Rubriklistenbild: © dpa/imago/Montage: wa.de

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