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NRW verschärft den Kampf gegen Schottergärten – und Herford macht vor, wie grau zu grün wird. 200 Gartenbesitzer wurden zum Rückbau aufgefordert. Das ist erst der Anfang.
Herford - Wo Schottergärten sind, wächst kein Gras mehr. Nordrhein-Westfalen hat den Kampf gegen die grauen Wüsten aufgenommen und will ihn mit einer Änderung der Landesbauordnung noch verschärfen. Herford zeigt jedoch, dass Städte schon jetzt konsequent gegen die umweltfeindlichen Anlagen vorgehen können, wenn sie nur wollen. Fast 200 Gartenbesitzer wurden dort schon zum Rückbau ihres Schottergartens aufgefordert. Und das ist erst der Anfang.
„Schottergärten sind eine Seuche“ - wie Herford gegen graue Wüsten kämpft
Der Mann, der dem Schotter-Unwesen ein Ende setzen soll, ist Olaf Laß. Der 57-Jährige kann nicht nur ansatzlos Paragrafen und Verordnungen zitieren, er ist als staatlich geprüfter Techniker im Garten- und Landschaftsbau überdies ein Fachmann für alles, was wächst – oder eben auch nicht wächst. Er sagt: „Schottergärten sind eine Seuche, die erst in den letzten zehn Jahren richtig schlimm geworden ist. Ich habe dafür kein Verständnis.“
Das hat auch die Politik nicht. Seit 2015 hat Herford ein Klimaschutzkonzept, im Mai 2019 rief der Rat der ostwestfälischen Stadt den Klimanotstand aus. Sie verpflichtete sich per Resolution, bei Entscheidungen die Auswirkungen auf Klima und ökologische Nachhaltigkeit zu berücksichtigen. Und sie schuf eine neue Stelle, die mit Olaf Laß besetzt wurde. Im Januar 2021 begann er den Kampf gegen Schotter- und Kiesgärten; er nimmt den Löwenanteil seiner Zeit in Anspruch.
Am Anfang stand Detektiv-Arbeit. Laß kombinierte Luftbilder des GEO-Portals des Landes NRW mit Infrarot-Aufnahmen und weiteren Daten und erhielt so eine Karte mit verdächtigen Flecken. „Alles, was grün durch Pflanzen ist, wird rot angezeigt. Und wenn man einen Garten ohne Rot sieht oder nur kleine rote Tupfer in einem Meer von Grau, wird man neugierig“, sagt Laß im Gespräch mit wa.de. Auch andere Städte gehen bereits gegen die Schottergärten vor.
Kampf gegen Schottergärten in Herford: Luftbilder, Fotos, Fristen
Im zweiten Schritt besucht er die Verdachtsstellen, macht Fotos und versucht, die Gartenbesitzer darauf vorzubereiten, dass ihnen – Schritt drei – bald eine behördliche Aufforderung zum Rückbau ins Haus flattert und warum. Verständnis schlägt ihm selten entgegen, oft sogar Wut. „20 bis 25 Prozent der Leute sind völlig empört und richtig auf Krawall gebürstet. In einer Mail an mich stand mal: ,Ich hau dir eine rein!‘, aber damit kann ich leben, das geht an mir vorbei“, sagt Laß.
Viele seien sich keiner Schuld bewusst. „Sie stehen auf dem Standpunkt: Es ist mein Grundstück, da kann ich tun und lassen, was ich will“, sagt Laß. Stimmt so aber nicht. Nicht überbaute Flächen müssen wasserdurchlässig, bepflanzt und begrünt sein. Die Landesbauordnung von NRW enthält bereits seit 1984 das Gebot zur Begrünung von Gärten. Aus dem damaligen Paragrafen 9 wurde im Laufe der Zeit die 8, doch Wesentliches hat sich nicht geändert. Die geplante Regel-Verschärfung voraussichtlich ab 2024 wird am Vorgehen in Herford daher auch nichts ändern.
Schottergärten in Herford: Fast 200 Gartenbesitzer zum Rückbau aufgefordert
197 Gartenbesitzer sind nach Angaben der Stadt Herford seit Juni 2021 angeschrieben worden (Stand: 12. September 2023) und haben eine Frist von mindestens sechs Monaten erhalten, um aus dem Schottergarten einen Garten im Sinne der Vorschriften zu machen. Die Frist kann sich durch eine Pflanzsaison auf bis zu neun Monate verlängern. „Wenn jemand sagt: Ich habe gerade echt kein Geld und keine Zeit, lässt sich auch über eine individuelle Fristverlängerung reden“, sagt Laß. „Ob der Schottergarten in diesem oder im nächsten Jahr wegkommt, ist egal. Hauptsache, er kommt weg.“
In einer Mail an mich stand mal: ,Ich hau dir eine rein!‘, aber damit kann ich leben.
Bei kleineren Schottergärten bis 15 Quadratmeter drückt Herford ein Auge zu, dort reicht eine dichte Nachbegrünung. „Die Hauptsorge ist bei vielen die Arbeit, die ein Rückbau macht“, sagt Laß. Wer Tipps benötige, könne sich an ihn wenden: „Ich habe immer ein offenes Türchen“.
Schottergärten in Herford: Wer nicht rückbaut, muss mit Zwangsgeld rechnen
Bockige Schottergärtner, die den Rückbau verweigern, erwartet ein Bauordnungsverfahren und im letzten Schritt die Androhung eines Zwangsgeldes. Dessen Höhe richtet sich danach, was Rückbau und Begrünung durch professionelle Hand kosten würden. Für 50 Quadratmeter Schottergarten könne man mit mehreren Tausend Euro rechnen, sagt Laß. Zwangsgeld kann mit zeitlichem Abstand immer wieder erhoben werden – bis der Schottergarten weg ist.
Mehr als 50 Schottergärten sind in Herford bereits verschwunden. Bei den 197 Anschreiben wird es nicht bleiben, denn Laß geht systematisch vor – von Süden nach Norden. Er ist noch nicht in der Mitte von Herford angekommen.
Schottergärten
Der Hintergrund für das immer strengere Vorgehen gegen Schottergärten ist der Naturschutz. Schotterungen von nicht bebauten Flächen und die Verwendung von Kunstrasen sorgen für versiegelte Flächen. Sie verhindern beispielsweise, dass Starkregen abfließen kann, bieten Insekten keine Nahrung und sorgen für höhere Umgebungstemperaturen von 15 bis 20 Grad im Sommer im Vergleich zu einer Grünbepflanzung.
Schottergärten gelten als pflegeleicht. „Aber das stimmt so nicht. Nach ein paar Jahren setzen sich Unkrautpflanzen auf die Steine – und dann wird die Pflege aufwendig“, sagt Olaf Laß. Wer dann die chemische Keule rausholt, muss gemäß §12 Abs. 2, des Pflanzenschutzgesetzes mit einer Geldbuße von bis zu 50.000 Euro rechnen.
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