VonKathrin Bastertschließen
Fast 3500 Menschen haben am Montagabend in Soest gegen Intoleranz, Hass und Faschismus demonstriert. Die Kundgebung vor dem Rathaus sprengte alle Rekorde.
Soest - Der Einladung der Soester SPD sind am Montagabend am Ende alle gefolgt. Bürger aus Soest vor allem, und in riesiger, nie erwarteter Zahl. Bürger aus den umliegenden Gemeinden, für die es eine Selbstverständlichkeit war, in der Kreisstadt ein Zeichen zu setzen. Vertreter von diversen Gruppierungen und Parteien - auch die CDU war vertreten, nachdem es zunächst eine Kontroverse um eine Erklärung gegeben hatte, hier nicht teilnehmen zu wollen.
Das alles aber sollte keine Rolle spielen, betonte Marcus Schiffer, der als Vorsitzender der SPD in Soest die Demonstration als Reaktion auf ein Geheimtreffen von rechten Extremisten und AfD-Mitgliedern in Potsdam und „Masterplänen“ zur „Remigration“ angemeldet hatte. „Heute verzichten wir auf Insignien, Parteizugehörigkeit, Status, Institutionen“, sagte er, und stellte sich der Masse vor: „Mein Name ist Marcus Schiffer. Und ich bin Soester.“
Auf der kleinen Bühne, mitten im Gedränge der Vielen, die hier an einem Montagabend im Januar ihr „buntes Gesicht“ gegen Intoleranz, Hass und Faschismus zeigen wollten, gaben sich insgesamt acht Redner das Mikro weiter. Die wahre Zivilgesellschaft zeige ihr Gesicht, sagte der SPD-Vorsitzende. „Wir müssen offenen Auges und offenen Ohres sein gegen jegliche Form von Fremdenfeindlichkeit in diesem Land. Diese Fremdenfeindlichkeit, die äußert sich nicht in offen vorgetragener Feindseligkeit, sondern in latent vorgetragenen Thesen. Am Gartenzaun, am Biertisch, auf der Arbeit oder sonst wo im alltäglichen Leben. Und wir haben Farbe zu bekennen und zu sagen: Stopp, wir sagen Nein zu jeglicher Form von Fremdenfeindlichkeit und Demokratieschädigung und widerwärtigen Hetzkampagnen.“
Bürgermeister Eckhard Ruthemeyer bezeichnete die „gewaltige Anzahl von Menschen“ auf dem Petrikirchhof und vor dem Rathaus als „einzigartig“. Das zeige, „dass wir jetzt wirklich alle aufgewacht sind. Wir in Soest sind eine bunte Stadtgesellschaft - und darauf sind wir stolz. Wir stehen heute alle hier gegen Rassismus und Intoleranz und für unser Grundgesetz“. „Unser Einsatz darf hier heute Abend nicht enden“, appellierte Helena Brüggemann (CDU). „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir nicht einfach nach Hause gehen und die Hände in den Schoß legen. Unsere Demokratie benötigt unser tägliches Engagement.“
Soester demonstrieren gegen Rechts: Gedränge auf dem Petrikirchhof
Superintendent Manuel Schilling zitierte aus dem Buch Mose: „Du sollst deinen Nächsten lieben“. Die neuen Rechten kämen daher und sagten: „Ja, der Nächste, das sind doch meine Frau und meine Kinder, und deswegen muss ich die vor Fremden schützen.“ Wer so etwas sage, habe falsch gelesen, so Schilling weiter. Denn danach heiße es: „Wenn ein Fremdling in deinem Lande lebt, dann sollst du ihn nicht unterdrücken, er soll bei dir wohnen wie ein Einheimischer und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn du warst selbst einmal ein Fremdling.“ Damit, so der Kirchenmann, sei doch alles gesagt.
Bis in die umliegenden Gassen hinein drängten sich die Teilnehmer der Demonstration. Dass es mehr werden würden als die 100, die Schiffer bei den Ordnungsbehörden angemeldet hatte, das hatte sich schon im Vorfeld abgezeichnet. Und spätestens, als sich rund 460 Menschen am Bürgerzentrum Alter Schlachthof trafen, um gemeinsam in die Innenstadt zu laufen, war klar: Hier werden heute Abend Rekorde aufgestellt. Der Fluss der Menschen riss noch lang nicht ab, als der Veranstalter über das Mikrofon bat, auf dem Platz zusammenzukommen. Das sei eine Bitte der Polizei, und es gehe um die Rettungswege. Eine halbe Stunde später war das Makulatur. Der Petrikirchof war rappelvoll, ebenso der Platz vor dem Rathaus. Die Menschen standen unter den Rathausbögen, in Ladeneingängen. Mancher ließ den Blick ungläubig schweifen - und beeindruckt: Er habe Tränen in den Augen, sagte Reza Hussein, Vorsitzender des Soester Integrationsrates. Seit 40 Jahren lebe er in Deutschland. Und jetzt müsse er Angst haben, vertrieben und deportiert zu werden. „Aber wohin, bitte? Deutschland ist längst meine Heimat, mein Land geworden.“ Er habe Angst, sagte Hussein. „Wenn wir die Lage jetzt nicht ernst nehmen, wann sonst?“ Er danke „jedem hier auf dem Platz. Sie haben nicht weggeschaut, haben nicht ignoriert. Ihr habt heute gezeigt: Nie wieder ist jetzt. Danke.“
Soest ist bunt: Demo gegen Rechts




Emotional waren auch die Worte von Jürgen Klug (Grüne) und Lavinia Haupt (SPD). Er sei von Geburt an körperbehindert, berichtete Klug dem Soester Publikum, und er sei in einer Zeit aufgewachsen, in der Menschen mit Behinderung selbstverständlich ausgesondert wurden. Heute sei er ein Teil dieser Gesellschaft und stolz darauf, sich in diese Gesellschaft einbringen zu können . „Das lassen wir uns nicht kaputt machen von irgendwelchen rechten Idioten.“
Als SPD-Ratsfrau Lavinia Haupt von dem Treffen in Potsdam gelesen habe, und von den Plänen, Menschen zu deportieren, habe sie zu ihrem arabischstämmigen Mann gesagt: „Die meinen dich. Und die meinen mich. Und sie meinen unseren Sohn.“ Doch Deutschland sei ihr Land. Und sie lasse sich nicht vertreiben.
Alle Redebeiträge - es reihten sich unter anderem noch Denis Sollentsch (Linke), Christian Eckhoff (Grüne), Daniel Schmiedel (Lippstadt) und die Soester Bürgerin Mechthild Knaden-Stephan ein - hatten einen eigenen Schwerpunkt, alle überzeugten durch Sachlichkeit. Als in einer kurzen Redepause der Ruf „Ganz Soest hasst die AfD“ aufkam, wurde der nicht weit getragen.
Umso bewegender, als zum Abschluss der Soester Sänger Christian Walter (“Des Pudels Kern“) den Song „Mit dir stirbt mein Paradies“ anstimmte - und Tausende Handylichter den Soester Himmel erleuchteten. Ein würdiger Abschluss für diese Veranstaltung.


