Letzter Kampf gegen die Kohle

Warum Aktivisten Lützerath so vehement verteidigen

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Aktivisten verteidigen verbissen den Ort Lützerath. Für sie ist das verlassene Dorf ein Zuhause geworden. Und der Ort beim Tagebau Garzweiler hat noch eine weitere besondere Bedeutung.

Erkelenz – Ein schrottreifer VW Golf steht genau auf der Grenze. Das Auto ist mit Graffiti übersät und die Straße, auf der es steht, trennt zwei Welten: Rechts geht es steil bergab, hunderte Meter tief. Dort, im Tagebau Garzweiler graben gigantische Schaufelradbagger Braunkohle aus der Erde. Links stehen Barrikaden und Bauzäune mit gelben Holzkreuzen. Dahinter liegen die Überreste eines Dorfs: Lützerath. Und die Bagger graben sich immer näher an die Grenze heran.

Lützerath vor der Räumung: Das ist bis jetzt passiert

Protestschil im Dorf Pesch aus dem Jahr 2006
In den 2000ern wurden mehrere Nachbardörfer von Lützerath abgerissen, wie etwa Pesch: Das Bild aus dem Jahr 2006 zeigt ein Protestschild am Ortseingang. Der Tagebaubetreiber hieß damals Rheinbraun – inzwischen ist das Unternehmen vollständig im Energiekonzern RWE aufgegangen.  © Oliver Berg/dpa
Abrissarbeiten in Lützerath
2006 begann die Umsiedlung: Viele der Einwohnerinnen und Einwohner zogen nach Immerath (neu). Im Lauf der Zeit wurden immer mehr Wohnhäuser in Lützerath abgerissen, so wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2021 zu erkennen ist.  © David Young/dpa
Demonstration am Garzweiler Tagebau
Mehrfach gab es in den letzten Jahren Demos in Lützerath gegen den Kohleabbau und gegen den Abriss von Dörfern im Rheinischen Braunkohlerevier – so wie hier im Jahr 2020.  © David Young/dpa
Braunkohletagebau Garzweiler
An den Demos in Lützerath war immer wieder auch die Initiative „Alle Dörfer bleiben“ beteiligt.  © Federico Gambarini/dpa
David Dresen aus Kuckum bei Lützerath
David Dresen aus Kuckum, einem Nachbarort von Lützerath, kämpft seit Jahren zusammen mit seiner Familie und der Initiative „Alle Dörfer bleiben“ für den Erhalt der Dörfer am Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bei einer Kundgebung in Lützerath.
NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur. © David Young/dpa
Letzter Landwirt in Lützerath am Tagebau verkauft an RWE
Eckardt Heukamp war der letzte Landwirt von Lützerath. Er hatte sich lange juristisch dagegen gewehrt, seinen Hof verkaufen zu müssen. 2022 hat er Lützerath verlassen.  © Thomas Banneyer/dpa
Eckardt Heukamp auf seinem Hof.
Eckardt Heukamp auf seinem Hof. © IMAGO
Demonstration in Lützerath.
Demonstration in Lützerath. © Henning Kaiser/dpa
Tagebau Garzweiler vor Lützerath.
Tagebau Garzweiler vor Lützerath. © Action Pictures/IMAGO
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Protestcamp Lützerath, besetzte Gebäude.
Den Ort Lützerath haben inzwischen alle Bewohnerinnen und Bewohner verlassen müssen. Nun leben rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten dort, die die noch bestehenden Gebäude besetzt haben. © Jochen Tack/IMAGO
Lützerarh
Ein gelbes Kreuz ist das Symbol der Aktivisten in Lützerath  © Peter Sieben
Lützerather Wald.
Lützerather Wald. © Ralph Lueger/IMAGO
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Schrottreifes bunt angemaltes Auto in Lützerath
Die Aktivistinnen und Aktivisten bereiten sich seit Monaten auf die bevorstehende Räumung von Lützerath vor: Überall gibt es Barrikaden – und an der Grenze zwischen Tagebau und Dorf steht dieses schrottreife Auto.  © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Eine Monopod-Konstruktion am Tagebau Garzweiler bei Lützerath
Der sogenannte Monopod an der Kante zum Tagebau Garzweiler II bei Lützerath. © Peter Sieben
Luisa Neubauer bei einer Demo gegen den Abriss von Lützerath.
Auch die Klimaaktivistin von Fridays For Future Luisa Neubauer war schon mehrfach in Lützerath. © Annette Riedl/dpa
Klimaaktivistin Luisa Neubauer sitzt am Tagebau Garzweiler
Klimaaktivistin Luisa Neubauer in Lützerath am Tagebau Garzweiler. (Archivbild) © David Young/dpa
Ein brennender Heuballen auf der Straße bei Lützerath.
Brennender Heuballen in Lützerath. © Thomas Banneyer/dpa
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Die Besetzer zündeten Heuballen an und blockierten Zufahrtstraßen zu Lützerath.  © Henning Kaiser/dpa
Lützerath
Anfang Januar entfernte die Polizei Barrikaden der Besetzer in Lützerath.  © Rolf Vennenbernd/dpa
Aktivisten und Polizisten stehen sich in Lützerath gegenüber
Polizisten und Aktivisten stehen sich jetzt in Lützerath täglich gegenüber.  © Thomas Banneyer/dpa
Weltkugel mit gelbem Banner „Kohle stoppen“.
Für den 14. Januar haben Aktivistinnen und Aktivisten sowie Klimaverbände zu einer Demo in Lützerath aufgerufen – in der Hoffnung, die Räumung doch noch zu stoppen. © Roberto Pfeil/dpa

Lützerath ist auch ein Symbol: David gegen Goliath

Jemand hat eine Tasse Kaffee und ein angebissenes Brot auf dem Dach des bunten Schrottautos vergessen, wahrscheinlich war es jemand aus dem Dorf. Rund 150 Aktivinnen und Aktivisten leben in Lützerath, nachdem die eigentlichen Bewohner alle weggezogen sind. Der Energieriese RWE will den Weiler abreißen lassen, um an die Kohlevorkommen darunter zu gelangen. Die Lützerath-Räumung steht bevor. 150 Aktivisten im Besetzer-Camp wollen das mit allen Mitteln verhindern. David gegen Goliath.

Ein Stück die Straße hoch haben sie eine Mahnwache eingerichtet, unter Zeltplanen gibt‘s Kaffee. Auf Plastikstühlen sitzen die Dauercamper am Abgrund und blicken in die monströse Tagebau-Grube. Und immer wieder kommen auch Leute aus den umliegenden Dörfern und Städten mit dem Auto vorbei, steigen kurz aus, schauen sich verwundert um in dieser Szenerie, die einem Endzeitfilm entnommen sein könnte.

So lebten die Bewohner von Lützerath: Zwischen Hippie-Kommune und Straßenkampf

Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben
Menschen mit Rucksack am Tagebau bei Lützerath
Viele reisen mit Rucksäcken an und wollen bleiben, um Lützerath zu verteidigen. Manche sind noch sehr jung, kaum volljährig. Aber es gibt hier auch Aktivisten jenseits der 60. © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Baumhäuser in Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten im Camp von Lützerath auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Eine Frau hebt einen Graben in Lützerath aus
Zur Besetzer-Strategie gehört das Ausheben von Gräben. Täglich arbeiten die Aktivisten an Barrikaden.  © Peter Sieben
Ein gelbes X vor Lützerath
Das gelbe X ist das Symbol der Klimaaktivisten. Man findet es überall im besetzten Dorf.  © Peter Sieben
Ein großes gelbes X vor Lützerath
Das riesige Holzkreuz oder X-Symbol ist das Symbol der Kohlegegner und Klimaaktivisten. Ursprünglich nutzten es Demonstranten, die gegen die sogenannten Castortransporte protestierten, bei denen Atommüll in Endlager gebracht wurde.  © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Prominenter Besuch: Die Kölner Band AnnenMayKantereit spielte ein Konzert bei Lützerath.  © Peter Sieben
Annenmaykantereit in Lützerath
Die Band spielte unplugged, nur mit Gitarre und Melodica. Auf dem Gelände begegnet man auch abseits solcher Konzerte Musikern mit Akustikgitarren.  © Peter Sieben
Zwei Menschen mit einem Schild am Tagebaugelände bei Lützerath
Menschen aus umliegenden Städten und Dörfern reisten im Januar nach Lützerath.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Schild in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Lützerath liegt direkt an der Grenze zum Tagebau Garzweiler II. Rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten wollen den Ort gegen den Abriss verteidigen.  © Peter Sieben
Menschen auf Campingstühlen am Garzweiler-Gelände
Drüben auf dem Hügel: Im Januar kommen immer mehr Menschen in das besetzte Dorf am RWE-Tagebau Garzweiler. © Peter Sieben
Zwei Menschen am Tagebau Garzweiler
Die Abbruchkante des Tagebaus ist inzwischen extrem instabil. © Peter Sieben
Eine Person sitzt auf einer Wiese vor dem Tagebau Garzweiler
Die Tagebaufläche an der Grenze zu Lützerath ist riesig. Das Gelände wurde einst landwirtschaftlich genutzt. © Peter Sieben
Menschen mit Fahnen am Tagebau Garzweiler
Beim AKtionstag im Januar kamen auch viele Menschen von außerhalb, die sich solidarisch mit den Besetzern zeigten.  © Peter Sieben
Karnevalsfigur von Armin Laschet in Lützerath
Eine alte Karnevalsfigur, die den Ex-Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) darstellt. Inzwischen sind auch die Grünen nicht mehr wohlgelitten in Lützerath.  © Peter Sieben
Auto mit Graffiti in Lützerath
Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath. © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Aktivisten errichten Barrikaden in Lützerath
Bauarbeiten in Lützerath. Das Errichten von Baumhäusern und Barrikaden haben sich die Aktivisten in Do-it-yourself-Manier beigebracht. Manche der Besetzer haben schon bei ähnlichen Aktionen wie im Hambacher Forst Erfahrungen gesammelt. © Peter Sieben
Schrottauto, das als Barrikade vor Lützerath dient
Der schrottreife Wagen stand lange Zeit auf der Straße zwischen Tagebau und Lützerath. Jetzt dient er als Barrikade.  © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Zwei Menschen vor dem Tagebau Garzweiler
Die Aktivisten hatten zu einem Dorfspaziergang am 8. Januar eingeladen. Viele Menschen kamen aus umliegenden Städten – und ganz Deutschland und aus Nachbarländern nach Lützerath. © Peter Sieben
Aktivisten heben Gräben in Lützerath aus
Die Besetzer und Helfer heben Gräben aus und errichten Barrikaden in Lützerath.  © Peter Sieben
Barrikaden vor Lützerath
Noch vor zwei Monaten war dieser Weg frei. Jetzt haben die Aktivisten Barrikaden errichtet, um die Räumung durch die Polizei zu verhindern oder zumindest zu erschweren.  © Peter Sieben
Menschen sitzen auf einem Wall am Tagebau Garzweiler
Ausharren am Tagebau Garzweiler: Dir Lützerath-Räumung steht unmittelbar bevor.  © Peter Sieben
Fläche am Tagebau Garzweiler
Das einstige Feld ist eine Schlammlandschaft.  © Peter Sieben
Protestierende in Lützerath
Protest gegen die Braunkohle: Zwischen Aktivisten und Polizei kommt es immer wieder auch zu Rangeleien.  © Peter Sieben
Polizeibusse in Lützerath an der Abbruchkante vom Tagebau Garzweiler
In Lützerath ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort. © Peter Sieben
Polizei-Vorbereitungen zur geplanten Räumung des Dorfes Lützerath
Seit Anfang Januar gibt es immer wieder Rangeleien zwischen Aktivisten und Polizisten. Mehrere Menschen wurde festgenommen und es gab Verletzte.  © Henning Kaiser/dpa

RWE hat Lützerath vom Stromnetz getrennt

Jetzt ist der Strom im Camp weg. RWE hat den Ort vom Netz getrennt und die Heizöfen der rund 150 Aktivistinnen und Aktivisten, die Lützerath besetzen, funktionieren nicht mehr. Die Temperaturen rutschen vor allem nachts in den Keller. In den Baumhäusern, in denen viele hier wohnen, ist es bitterkalt. Aufgeben will Aktivistin Ronni Zepplin trotzdem nicht. Und das gelte auch für die anderen.

Lützerath-Räumung: Holz sägen fürs Lagerfeuer im Camp

Sie zersägt jetzt herumliegendes Holz, zum Feuermachen, erzählt die Sprecherin der Initiative „Lützerath lebt“. Immerhin: Inzwischen haben sie zwei Photovoltaikanlagen im Camp – ein Teil des Geldes dafür kam von der Umweltschutzorganisation Greenpeace und vom „Wetten dass?“-Sieger Marten Reiß. Der war vor einigen Wochen Wettkönig in der ZDF-Show geworden und hatte angekündigt, sein Preisgeld von 50.000 Euro auch in die Erhaltung von Lützerath zu investieren.

Ein buntes Schrottauto steht genau auf der Grenze zwischen dem Tagebau Garzweiler und Lützerath.

Ihre Handys können die Besetzer jetzt wieder laden, Licht gibt‘s auch, für die Heizöfen reicht’s aber noch nicht. Baumhäuser bauen, Solarpanele ausrichten, Stromleitungen verlegen – das passiert alles im Do-it-yourself-Verfahren. „Es gibt ein paar Leute, die sich das im Lauf der Zeit selbst angeeignet haben“, erzählt Zepplin.

Zumindest vorübergehend haben die Männer und Frauen ihr Leben diesem einen Ort verschrieben, manche wohnen schon zwei Jahre hier. Viel investierte Lebenszeit – und dabei kommen viele gar nicht direkt aus der Gegend. Warum also? „Lützerath ist ein Symbol und ein Modell“, sagt Ronni Zepplin. „Die Lebensweise unserer Gesellschaft und unsere Energienutzung hat zu einer Krise geführt, die fundamental alle Menschen, ja eigentlich alle Lebewesen gefährdet. Da die Politik nicht handelt, müssen wir das selbst in die Hand nehmen.“

Kohleausstieg kommt, aber Lützerath soll dennoch zerstört werden

Damit meint sie wohl auch die schwarz-grüne NRW-Landesregierung und vor allem das grün geführte Wirtschaftsministerium. Zwar kommt der Kohleausstieg bis 2030, und das Land NRW, der Bund und RWE haben sich darauf verständigt, dass fünf Dörfer nahe dem Tagebau Garzweiler II entgegen dem ursprünglichen Braunkohle-Plan nun doch nicht abgerissen werden. Lützerath aber soll zerstört werden.

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

„Das zeigt, dass sie und andere Politikerinnen und Politiker der Situation nicht angemessen handeln, sondern von wirtschaftlichen Erwägungen abhängig sind“, findet Ronni Zepplin. Tatsächlich hat eine Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mehrerer Forschungsinstitute ergeben, dass die Kohle unter Lützerath nicht notwendig ist, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dennoch insistiert NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur: Wegen der Energiekrise sei der Abriss alternativlos und ein Erhalt von Lützerath aus energiewirtschaftlicher und Tagebau-planerischer Sicht nicht möglich.

Es geht den Aktivisten ums System

„Wir wollen im Modell zeigen, dass ein Leben auch ohne Energie aus Kohle oder Atomstrom möglich ist“, sagt Ronni Zepplin. Tatsächlich geht es um noch mehr, es geht ums System: „Wir haben genug, es müsste keinen Mangel geben. Das kapitalistische System verhindert aber, dass wir die Ressourcen so einsetzen, dass es nachhaltig ist“, sagt Zepplin. Die Gesellschaft müsse sich grundlegend ändern: „Ich denke, dass sich das umsetzen lässt, wenn nur genug Leute mitmachen.“ Deshalb sei es wichtig, dass Lützerath stehen bleibt.

Lützerath ist außerdem auch der letzte Kristallisationspunkt im Kampf der Aktivisten gegen Kohle: Der Hambacher Forst ist gerettet, fünf Dörfer um Garzweiler II bleiben erhalten – Lützerath wird zum Ort des Showdowns.

Polizei sondiert Lage in Lützerath

Zum Jahresanfang 2023 startet die Räumung von Lützerath, erste Barrikaden hatte die Polizei bereits im Vorfeld geräumt, am 11. Januar rückten Einsatzkräfte ins Dorf vor. Es gab schon davor immer wieder Handgreiflichkeiten, es flogen Steine, Menschen wurden verletzt. Die Polizei war schon im Dezember vor Ort, um die Lage zu sondieren. Man rechne mit keinen Eskalationen wie seinerzeit bei der Besetzung des Hambacher Forsts, hieß es damals noch bei der Aachener Polizei – dennoch kamen die Beamten in voller Montur mit Helm und Schild. Die Lützerath-Besetzer sprachen von einer „Machtdemonstration“ und werfen den Beamten vor, zu eskalieren. Die Polizei wiederum macht klar: Man sichere nur die Arbeiten von RWE im Vorfeld des Braunkohletagebaus ab. Die Fronten verhärten sich.

Tagebau Garzweiler: Warum ganze Dörfer abgerissen werden

1983 entstand der Braunkohlentagebau Garzweiler als Zusammenschluss der schon existierenden Abbaufelder Frimmersdorf-Süd und Frimmersdorf-West. Der Energiekonzern RWE baut hier pro Jahr 35–40 Millionen Tonne Braunkohle ab.

Die Braunkohle, die für die Energiegewinnung in Kohlekraftwerken verwendet wird, liegt manchmal auch unter Ortschaften. Wenn es zur Sicherung der Energieversorgung notwendig ist, müssen die Ortschaften weichen. Die Einwohner werden dann umgesiedelt, die Dörfer abgerissen.

Die fünf Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unterwestrich, Oberwestrich und Berverath am Tagebau Garzweiler sollten auch zerstört werden. Doch im Zuge des Kohleausstiegs 2030 haben sich NRW, Bund und RWE darauf verständigt, dass die Orte stehen bleiben.

Lützerath hingegen soll 2023 abgerissen werden, so sieht es die Einigung vor.

Provokation von RWE? Abends brennt es im Tagebau

Im Camp verstand man das als Provokation. So wie auch das Abtrennen vom Strom. Noch am selben Abend brannte ein Trafo auf dem Tagebau-Gelände, Unbekannte hatten Feuer gelegt. Wenige Tage später dann erneut ein Brand, diesmal an einem Stromkasten. Eine Retourkutsche? Davon wisse man nichts, heißt es aus dem Camp. Die letzten Demos und Proteste am Tagebau, zu denen auch die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Tagebau aufgerufen hatten, verliefen überaus friedlich. Doch: „Wir werden Lützerath mit unseren Körpern verteidigen“, sagt Ronni Zepplin.

„Bulle? Verpiss dich“, steht am Ortsausgangsschild von Lützerath

Deutlich drastischer klingen die Formulierungen des Aktionsbündnisses „Ende Gelände“, die mit markigen Worten massiven Widerstand ankündigen: „Wir werden um Lützerath kämpfen, wie wir den Hambacher Wald verteidigt haben. Wer Lützerath angreift, wird einen hohen Preis zahlen“, heißt es von dort. Und im Camp prangt das obligatorische „ACAB“ an vielen Wänden, „Kill Cops“ steht an einer Mauer des ehemaligen Duisserner Hofes, wo bis 2022 der letzte Landwirt von Lützerath gelebt hat. Und auf das Ortsausgangsschild hat jemand die Worte „Bulle? Verpiss dich!“ mit Filzstift geschrieben.

Polizei Aachen: „Das nehmen wir ernst“

„Das nehmen wir ernst. Da haben wir in den vergangenen Jahren auch entsprechende Erfahrungen gemacht, wenn die Aktivisten in Maleranzügen in den Tagebau eingedrungen sind“, sagt Andreas Müller von der Aachener Polizei. Es sei grundsätzlich die Aufgabe der Polizei, den friedlichen Protest zu schützen. Aber: „Der Begriff des zivilen Ungehorsams bringt das Motiv der politischen Unzufriedenheit zum Ausdruck. In der Vergangenheit hat man damit jedoch auch versucht, Straftaten zu legitimieren. Auch Gewaltstraftaten.“ 

Lützerath-Verteidigung: Es geht auch um Heimat

Derweil kommt Widerstand auch noch von einer weiteren Gruppe. Die Initiative „Alle Dörfer bleiben“ hat jahrelang für den Erhalt der fünf Dörfer gekämpft, die anders als Lützerath nun doch nicht abgerissen werden. Viele von ihnen wohnen hier, ihre Familien sind tief mit der Region verwurzelt. So wie die Familie von David Dresen, die seit Generationen im kleinen Ort Kuckum wohnt. Auch er will protestieren, wenn Lützerath im Januar 2023 geräumt werden soll, sagt der 31-Jährige. Und zahlreiche andere Menschen aus den umliegenden Dörfern ebenfalls. Für viele von ihnen geht es um den Erhalt ihrer Heimat.

Und das gilt auch für die Aktivisten im Camp von Lützerath. Die Aktivisten leben seit Jahren in dem Ort, manche zuerst noch zur Untermiete bei den letzten verbliebenen alteingesessenen Lützerathern. Sie haben Baumhäuser gebaut und mehrere Winter in dem Dorf überstanden: Für sie ist Lützerath auch ein Zuhause geworden.

RWE darf die Fläche in Anspruch nehmen

Das Ende von Lützerath rückt unterdessen immer näher: Die zuständige Bezirksregierung Arnsberg hat den Hauptbetriebsplan für den Braunkohletagebau Garzweiler II bis Ende 2025 zugelassen. Damit ist offiziell, was ohnehin beschlossene Sache war: RWE darf die Fläche von Lützerath in Anspruch nehmen, und die Kohle darunter fördern.

Zuletzt hatten Klimaaktivisten in mehreren deutschen Städten für den Erhalt von Lützerath demonstriert. In Köln etwa klebten sich Aktivisten von „Ende Gelände“ jüngst auf eine Straße am Heumarkt und in Düsseldorf protestieren mehrere Dutzend „Fridays for Future“-Anhänger vor dem Wirtschaftsministerium. Am Sonntag will Klimaaktivistin Luisa Neubauer zu einem „Dorfspaziergang“ nach Lützerath kommen. Luisa Neubauer hatte im Vorfeld zum Protest gegen die Räumung von Lützerath aufgerufen, berichtet Buzzfeed.News. (pen) Fair und unabhängig informiert, was in Deutschland und NRW passiert – hier unseren kostenlosen 24RHEIN-Newsletter abonnieren. 

Rubriklistenbild: © Peter Sieben

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