Braunkohleabbau im Rheinland

Tagebau Garzweiler: Das Erbe der rheinischen Braunkohleförderung

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Protestler blicken auf den Tagebau Garzweiler.
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Seit mehr als 100 Jahren wird im riesigen Tagebau Garzweiler Kohle gefördert. Und fast genauso lange gibt es Proteste dagegen: Garzweiler ist bis heute umstritten.

Köln – 25 Millionen Tonnen Braunkohle jährlich – der Tagebau Garzweiler zwischen Köln, Aachen und Mönchengladbach, gehört zu einem der größten und wichtigsten Tagebaue Deutschlands. Größer ist nur der Tagebau Hambach, nahe dem Hambacher Forst. Doch Garzweiler ist nicht minder umstritten.

Darum sprechen wir von Garzweiler II

Wenn vom Tagebau Garzweiler die Rede ist, wird oft ausschließlich Garzweiler II gemeint, wenngleich diese nur eine Erweiterung des ursprünglichen Tagebaus Garzweiler I ist. Der Großtagebau Garzweiler entstand im Jahre 1983 durch den Zusammenschluss der Abbaufelder Frimmersdorf-Süd sowie Frimmersdorf-West. 1995 folgte die Genehmigung für Garzweiler II.

Diese Genehmigung ging nicht ohne Proteste von Umweltaktivistinnen und Aktivisten einher, die mit Kundgebungen und Mahnwachen schon in den 80er und 90er Jahren gegen Braunkohleabbau demonstrierten. Ebenso wie die Proteste in Lützerath und Hambach richten die Demonstrationen in Garzweiler sich immer auch gegen den Energielieferanten RWE, der alle drei Tagebaue im Rheinland betreibt.

Wie groß und tief ist Garzweiler?

Garzweiler I betrifft ein 66 Quadratkilometer großes Gebiet östlich der ursprünglichen Trasse der Autobahn A 44. Garzweiler II wiederum wird das Gebiet genannt, das sich am östlichen Rand der Stadt Erkelenz befindet. Es schließt unmittelbar an Garzweiler I an und erstreckt sich südwestlich der Ortschaft Jüchen über die Autobahn A 61 hinweg bis an den östlichen Rand des Stadtgebietes von Erkelenz.

Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler müssen immer tiefer graben.

In Garzweiler arbeiten heute noch auf einer Gesamtfläche von rund 35 Quadratkilometern täglich sechs Schaufelradbagger, um Braukohle zu gewinnen. Dabei sind die Gruben über die Jahrzehnte immer tiefer geworden: Inzwischen müssen die Maschinen rund 200 Meter in die Tiefe baggern, um an Kohle zu kommen. Anschließend wird der Rohstoff per Förderband und Werksbahn zu den Kraftwerken Neurath und Niederaußem transportiert und dort zur Stromerzeugung eingesetzt.

Welche Dörfer mussten dem Tagebau weichen?

Um an Braunkohle zu gelangen, muss oberirdisch gebaggert werden und nicht unter Tage wie beispielsweise bei Steinkohle. Daher müssen schon seit Jahrzehnten Siedlungen und Dörfer weichen, wenn auf diesem Gebiet Braunkohle liegt. Für den Tagebau Garzweiler waren davon folgende Ortschaften betroffen:

  • Belmen (Jüchen), Umsiedlung ab etwa 1980 nach Neu-Elfgen
  • Borschemich (Erkelenz), Umsiedlung zwischen 2006 und 2016 nach Borschemich (neu)
  • Elfgen (Grevenbroich), Umsiedlung ab 1980 Neu-Elfgen
  • Garzweiler (Jüchen, Umsiedlung zwischen 1984 und 1992 nach Neu-Garzweiler
  • Holz (Jüchen), Umsiedlung bis 2006 nach Neu-Holz
  • Immerath (Erkelenz), Umsiedlung seit 2006 nach Immerath (neu)
  • Königshoven (Bedburg), Umseidlung nach (Neu-)Königshoven in den 1970er und 1980er Jahren
  • Lützerath (Erkelenz), Umsiedlung nach Immerath (neu), der Ort wird aktuell besetzt, Abriss für 2023 geplant
  • Morken-Harff, 1970 bis 1975 umgesiedelt nach Neu Morken-Harff umgesiedelt
  • Otzenrath (Jüchen), Umsiedlung 2000 bis 2006 nach Neu-Otzenrath
  • Pesch (Erkelenz), Umsiedlung 2005 bis 2006 nach Pescher Kamp
  • Priesterath (Jüchen) Umsiedlung 1987 nach Neupriesterath
  • Reisdorf (Grevenbroich), ab 1990 abgebaggert
  • Spenrath (Jüchen), Umsiedlung ab 2006 nach Neu-Spenrath
  • Schloss Harff, abgebaggert in den 1970er Jahren, umgesiedelt nach Neu Morken-Harff
  • Keyenberg (Erkelenz), Umsiedlung seir 2016 nach Keyenberg (neu): Wegen des NRW-Kohleausstiegs bleibt der Ort erhalten
  • Kuckum (Erkelenz) wird ebenfalls seit 2016 umgesiedelt nach Kuckum (neu), das alte Kuckum bleibt nun aber doch erhalten
  • Unterwestrich (Erkelenz), Umsiedlung nach Unterwestrich (neu), bleibt ebenfalls erhalten
  • Oberwestrich (Erkelenz), seit 2016 umgesiedelt nach Oberwestrich (neu), Ort bleibt ebenfalls erhalten
  • Berverath (Erkelenz), Umsiedlung seit 2016 nach Berverath (neu), der alte Ort bleibt erhalten

Die verlassenen Dörfer bei Lützerath – so sehen sie heute aus

Leerstehende Häuser in Dörfern bei Lützerath
Eine Gaststätte in Keyenberg. Weinranken haben die Fassade überwuchert, der Innenraum ist leer.  © Peter Sieben
Straße in Keyenberg
Leere Straßen und leere Häuser in Keyenberg. © Peter Sieben
Leerstand in Keyenberg
Auch dieser Metzgerladen steht leer. © Peter Sieben
Keyenberg bei Lützerath
In dem Tagebau-Dorf wohnen kaum noch Menschen.  © Peter Sieben
Fenster eines Hauses in Keyenberg
Einige Bewohner sind geblieben – in der Hoffnung, dass es eines Tages wieder lebendig wird in Keyenberg.  © Peter Sieben
Hausfassade in Keyenberg
Um viele Häuser kümmert sich niemand mehr. © Peter Sieben
Verlassene Häuser in Keyenberg
In einigen Dörfern wohnt nur noch ein Bruchteil der ursprünglichen Einwohnerzahl © Peter Sieben
Leerstand in Kuckum
Ein leerstehendes Geschäft in Kuckum. Von den einst 500 Einwohnern sind noch etwa 40 übrig.  © Peter Sieben
Überwuchertes Ladenschild
Ein Laden in Unterwestrich bei Lützerath, den es schon lange nicht mehr gibt.  © Peter Sieben
Verlassener Hof in Unterwestrich
Auch dieser alte Hof in Unterwestrich bei Lützerath ist längst verlassen. © Peter Sieben
Leere Straßein Keyenberg
Die Rolläden sind an den meisten Häusern in Keyenberg heruntergelassen.  © Peter Sieben
Weihnachtsschmuck in Keyenberg
Obwohl nicht mehr viele Menschen hier leben, steht ein Weihnachtsbaum vor der Kirche in Keyenberg. © Peter Sieben
Schild gegen Diebe in einem Vorgarten
In den leerstehenden Häusern in Unterwestrich, Keyenberg oder Kuckum kommt es oft zu Einbrüchen. Die, die noch hier wohnen, wollen Diebe und Vandalen mit solchen Schildern fernhalten.  © Peter Sieben
Gelbes Kreuz auf einer Mauer
Das gelbe Kreuz ist zum Symbol der Protestierenden geworden, die Dörfer wie Lützerath vor dem Abriss bewahren wollen. Man findet es überall in den halbverlassenen Orten nahe dem Tagebau Garzweiler.  © Peter Sieben
Der Friedhof von Kuckum bei Lützerath
Der Friedhof von Kuckum: Regelmäßig werden Gräber werden immer noch umgebettet – obwohl der Ort erhalten bleibt.  © Peter Sieben
Camp in Lützerath
Von den ursprünglichen Hof-Bewohnern ist in Lützerath niemand mehr da. Heute besetzen Klimaaktivisten den Weiler.  © Peter Sieben
Camp Lützerath
Das Camp der Klimaaktivisten in Lützerath am 7. Dezember: RWE hat das Dorf an diesem Tag vom Strom getrennt. © Peter Sieben
Baumhaus im Camp von Lützerath
Ähnlich wie im Hambacher Forst, leben die Aktivisten auch in Baumhäusern.  © Peter Sieben
Baumhaus in Lützerath
Manche der Baumhäuser in Lützerath sind in großer Höhe erbaut. © Peter Sieben
Hof in Lützerath
Die alten Gehöfte bieten ohnehin nur bedingt Schutz – ohne Strom wird es in Lützerath noch härter © Peter Sieben
Barrikaden in Lützerath
Im Januar soll Lützerath geräumt werden. Die Klimaaktivisten rund um die Initiative „Lützerath lebt“ haben Widerstand angekündigt.  © Peter Sieben
Ein zerstörtes Auto im Camp von Lützerath
Direkt an der Grenze zum Camp in Lützerath liegt der Tagebau Garzweiler von RWE.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II
Die gigantischen Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler II sind dauerpräsent: Langsam graben sie sich in Richtung Lützerath.  © Peter Sieben
Plastikstühle in Lützerath am Tagebau Garzweiler II
Protestcamp am Abgrund: Lützerath liegt direkt am RWE-Tagebbau Garzweiler II.  © Peter Sieben
Braunkohlebagger
Die Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler von RWE stehen unmittelbar an der Kante zu Lützerath.  © Peter Sieben
Heimtrainer vor der Grube von Garzweiler
Ein Heimtrainer am Abgrund. Am Tagebau Garzweiler gibt es immer wieder Mahnwachen der Aktivisten aus Lützerath. © Peter Sieben
Gespensterpuppe in Lützerath
Plakativ: Für die Aktivisten aus Lützerath ist Strom aus Kohle ein Schreckgespenst.  © Peter Sieben
Besetzer mit Sturmhauben in Lützerath
Wenn Menschen von außerhalb kommen, vermummen sich viele Besetzerinnen und Besetzer.  © Peter Sieben
Besetzer auf einem Hochsitz in Lützerath
„Wir bauen in die Höhe, um es der Polizei so schwer wie möglich zu machen“, erklärt eine Aktivistin. An mehreren Stellen in und um Lützerath besetzen die Aktivisten permanent Hochsitze, verbringen dort oft Stunden. © Peter Sieben
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath
Ein alter Wohnwagen dient als Barrikade vor Lützerath. Unterstützung gibt es auch von Gruppen aus anderen Städten. © Peter Sieben
Menschen besuchen das besetzte Lützerath
Anfang Januar kommen immer mehr Menschen nach Lützerath. Aktuell besetzen mehrere hundert Menschen das Dorf. Am 8. Januar gab es zudem einen öffentlichen Dorfspaziergang.  © Peter Sieben

Tagebau Garzweiler: Lützerath soll als eines der letzten Dörfer abgerissen werden

Aufgrund der stetigen Proteste und gerichtlichen Beschwerden von Umweltaktivistinnen und Aktivisten gegen den Tagebau, wurde die Fläche, die abgebaggert werden sollte, reduziert. 2013 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass nur 48 Quadratkilometer für den Tagebau weichen darf. Somit konnten die Dörfer Venrath, Kaulhausen, Wockerath und Kückhoven auf Erkelenzer Gebiet und der Mönchengladbacher Stadtteil Wanlo vor dem Abriss bewahrt werden.

2016 reduziert die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen das Abbaugebiet einmal mehr, sodass nun auch die Gemeinde Holzweiler erhalten bleiben kann. Durch den vorgezogenen Kohleausstieg bis 2030 müssen zudem die Dörfer Keyenberg, Kuckum, Westrich und Berverath nicht wie geplant umgesiedelt werden. 

Für den Weiler Lützerath ist hingegen im Januar 2023 die endgültige Räumung angesetzt. Und auch der Jülicher Windpark, der erst 2021 gebaut worden war, musste im Herbst 2022 für die Braunkohle weichen: Mehrere Windräder sind dort bereits abgebaut worden, weitere sollen folgen.

Wann wird Garzweiler geflutet?

Im Oktober 2022 einigte sich die Landesregierung mit dem Energiekonzern RWE darauf, den Kohleausstieg in NRW von 2038 auf 2030 vorzuziehen. Bis dahin sollen noch rund 280 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert werden. Anschließend sieht RWE vor, das von den Braunkohlebaggern ausgehobene Restloch ähnlich wie den Tagebau Hambach mit Wasser aus dem Rhein zu fluten. So soll ein bis zu 185 Meter tiefer See entstehen.

Einen Eindruck von der Dimension des Tagebaus und zukünftigen Sees kann man sich schon jetzt bei Jackerath in Jüchen verschaffen: Hier führt ein Skywalk 14 Meter in die Grube hinein und gibt einen Rundumblick auf das Gelände Garzweiler frei.

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