VonEva Burghardtschließen
Beinahe täglich gibt es Berichte über ausgesetzte Tiere. Ebry Yildirim ist Tierpsychologin in Herne. Sie weiß, wie so ein Erlebnis Tiere prägen kann.
Köln – Plötzlich ist alles anders. Die gewohnte Umgebung verschwunden. Die, die einem nahestehen, sind nicht mehr da. Es ist kalt. Es ist nass. Ob man überleben wird: unklar. Solch eine Situation würde wohl jedem Menschen zusetzen. Depression und Traumata sind nicht ausgeschlossen. In den vergangenen Monaten durchlebten etliche Tiere in NRW und speziell dem Ruhrgebiet so etwas – sie wurden ausgesetzt. Ebru Yildirim ist Tierpsychologin in Herne. Sie sagt: „Tiere leiden genauso wie Menschen.“
Immer wieder ausgesetzte Tiere im Ruhrgebiet
Das Jahr 2024 hatte noch gar nicht begonnen, da wurde etwa in Mettmann eine Katze an einem Altglascontainer ausgesetzt. Damit setzt sich der traurige Trend des letzten Jahres fort. Im September 2023 hatte jemand einen Karton mit Katzen vor dem Tierheim in Essen abgestellt. Im Oktober wurde in Hattingen ein Hund gefunden, den zuvor offenbar jemand töten wollte.
Passanten in Bottrop entdeckten Ende November eine Katze in einem Gebüsch, die noch in ihrer Transportbox saß. Darauf geschrieben stand „Hexe“ und „3 Jahre“. Silke Hankamer vom Tierheim Bottrop sagte damals im Gespräch mit wa.de, es sei zunächst nicht möglich gewesen, das Tier zu untersuchen. „Sie ist total verstört.“
Fundtiere im Ruhrgebiet
► Eine genaue Statistik darüber, wie viele Tiere im Jahr ausgesetzt werden, gibt es nicht. In der Regel listen die Städte die Anzahl an „Fundtieren“. Darunter sind sämtliche Tiere gelistet, die der Ordnungsdienst aufgegriffen hat, also auch solche Tiere, die weggelaufen sind oder gestohlen wurden.
Tierpsychologin: „Tiere reagieren unterschiedlich aufs Ausgesetzt werden“
Wie Tiere darauf reagieren, dass sie plötzlich ausgesetzt werden, hängt von verschiedenen Faktoren ab, sagt Ebru Yildirim. Dabei spiele auch die Tierart eine Rolle. „Es macht einen Unterschied, ob ein Husky allein im Wald ausgesetzt wird oder ein Chihuahua.“ Der Husky könne sich problemlos selbst versorgen. „Für den Chihuahua könnte es dagegen schwierig werden.“
Wenn die Tiere angeleint oder eingesperrt sind, könne das zudem ein Verletzungsrisiko darstellen, sagt Yildirim. „Hunde versuchen vielleicht, sich loszureißen, zerren an der Leine und verletzten sich dabei.“ Je nachdem, wie lange eine Katze in einer Transportbox sitzt, steigt das Risiko für Krankheiten. Futtermangel kann bei ihnen nämlich zu Bauchspeicheldrüsenentzündungen führen.
Ausgesetzte Tiere können schwere psychische Leiden wie Traumata entwickeln
Neben den körperlichen Folgen kann das Aussetzen für die Tiere aber auch psychische Folgen haben. „Natürlich gilt das nicht ausnahmslos“, sagt Yildirim. „Manche Tiere bleiben auch ganz ruhig oder sind neugierig.“ Für viele löse solch eine Situation aber Stress aus, die Tiere nässen sich ein, werden panisch. Auch, wenn sie danach im Tierheim oder zu neuen Menschen kommen, zeigen sich die Symptome von Traumata und Depression, darunter:
- Verlust des Spieltriebs
- Appetitlosigkeit
- Teilnahmslosigkeit
- Apathie
- Dissozialtives Verhalten
In ihrem Berufsalltag hat Ebru Yildirim oft mit ausgesetzten Tieren zu tun. Sie ist spezialisiert auf Verhaltenstherapie für Hunde, Katzen und Pferde. Sie sagt, die Folgen des Ausgesetztwerdens können sich auf unterschiedliche Art und Weise zeigen. So gebe es etwa Hunde, die ihrem neuen Besitzer nicht mehr von der Seite weichen und überall hin verfolgen. „Sogar bis ins Badezimmer“, sagt Yildirim. „Die denken dann, wenn der Mensch den Raum verlässt, kommt er vielleicht nicht mehr wieder.“
Zwischen Mensch und Tier gibt es oft Kommunikationsschwierigkeiten
Dann sei es wichtig, das Tier sanft, aber bestimmt zurückzudrängen. Außerdem sollten die Besitzerinnen und Besitzer dem Tier dabei helfen, sich zu entspannen. Wie das geht? „Indem sie entspanntes Verhalten loben und positiv verstärken“, sagt Yildirim. Wenn ein Hund sich etwa hinlegt und ein Schläfchen macht, sollte man das mit Worten loben.
Wie schwerwiegend sind die Folgen für ein Tier, das ausgesetzt wird? Yildirim sagt: „Alles ist therapierbar.“ Nur in ganz seltenen Fällen, in denen eine schwerwiegende psychische Störung vorliege, ist die Therapie ohne Unterstützung kaum möglich. „Ansonsten geht es vor allem darum, das Verhalten eines Tieres zu deuten und dann richtig reagieren zu können.“
Oft gebe es auch einfach Kommunikationsschwierigkeiten, sagt Yildirim. Ein Beispiel: Wenn eine Katze in ihrem alten Haushalt mit einem Kratzen an der Waschtonne gezeigt hat, dass sie Hunger hat und dafür mit Futter gelobt wurde, zeigt sie das Verhalten sehr wahrscheinlich auch in ihrem neuen Zuhause. „Da reagieren die Besitzer aber womöglich anders oder schimpfen“, erklärt Yildirim. „Sie wissen noch nicht, wie das Tier gelernt hat, zu kommunizieren.“
Hund wohl von einer Brücke geworfen – heute geht es ihm gut
All das kann man aber lernen, sagt die 31-Jährige, die seit zehn Jahren als Tierpsychologin arbeitet. In dieser Zeit hat sie schon einige drastische Fälle erlebt. Wie an dem einen Tag, als sie mit ihrer Hündin am Rhein-Herne-Kanal spazieren ging und ihnen in der Nähe einer Brücke ein total durchnässter Hund entgegenkam. „Er war freundlich und hat sich von uns streicheln lassen.“
Dann kam in der Ferne eine Frau auf einem Fahrrad angefahren. „Das Verhalten des Hundes hat sich dann total verändert“, sagt Yildirim. „Er hat sich auf den Boden gelegt, den Schwanz eingezogen und die Frau angestarrt.“ Die bleibt mit ihrem Fahrrad vor der Gruppe stehen. In der Hand hat sie eine Leine – offenbar die Besitzerin des Hundes. Sie habe den Hund noch angeschaut, dann die Leine auf den Boden geworfen und gesagt: „Den können sie haben.“
Yildirim hat danach sofort das Tierheim alarmiert und den Hund zunächst versorgt. Ihre Vermutung: Jemand hatte den Hund von einer nahegelegenen Brücke in den den Rhein-Herne-Kanal geworfen. Er habe sich aber trotzdem von dem Erlebnis erholt, sagt Yildirim. „Er hat danach eine neue Familie gefunden und es geht ihm gut.“ (ebu)
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