Mehrwertsteuer soll steigen

Todesstoß für Restaurants? Wirte befürchten Gastro-Sterben durch neue Regelung

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Wisch und weg: Die Hammer Restaurantbetreiber sehen sich von der Politik im Stich gelassen.
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Die Mehrwertsteuer für die Gastronomie soll wieder auf den Vor-Corona-Wert steigen. Restaurantbesitzer befürchten, dass sie dadurch schließen müssen.

Hamm – Pleitegeier statt Hähnchen süß-sauer: Wie überall in der Republik ist auch die Gastro-Szene in Hamm entsetzt über die Pläne der Bundesregierung, die für Speisen fällige Mehrwertsteuer ab dem 1. Januar 2024 wieder auf den 19 Prozent zu erhöhen. Sie war im Zuge der Corona-Lockdowns auf 7 Prozent gesenkt worden, dieser Wert gilt immer noch.

Laut Frederick Müller, dem 1. Vorsitzenden des erst Anfang September gegründeten ersten Hammer Gastronomievereins, könnte das der Todesstoß für viele Hammer Restaurants werden. Er rechne mit einem kollektiven Gastro-Sterben ähnlich wie dem Verschwinden der Eck-Kneipen nach Erlass des Nichtraucherschutzgesetzes, sagte Müller unserer Redaktion.

Neben Umsatzsteuer steigt auch der Mindestlohn

Es gehe dabei auch nicht allein um die Umsatzsteuer. Die nächste Erhöhung des Mindestlohns komme ebenfalls zum Jahreswechsel und nicht zuletzt stiegen auch die Palettengebühren, welche vom Großhandel 1:1 an die Gastronomien weitergereicht würden. Ganz zu schweigen von der allgemeinen Preissteigerung für Lebensmittel, die vielen Hammern zu schaffen macht - und für mittelgroße Restaurants in Hamm mit mehreren Tausend Euro monatlich zu Buche schlügen. „Ich kenne eine Reihe von Hammer Gastronomen, die aktuell einen Kassensturz gemacht haben. Demnach kalkulieren sie ab 2024 mit Preissteigerungen von 15 bis 25 Prozent“, so Müller.

Frederick Müller fürchtet um die Zukunft der Gastroszene in Hamm.

Allerdings sei dann mehr als fraglich, ob der chronisch kaufkraftschwachen Kundschaft in Hamm bei Preisen von 20 und mehr Euro für ein Schnitzel mit Pommes nicht doch nachhaltig der Appetit vergehe. „Sehr viele Gastronomiebetriebe laufen schon jetzt auf sehr dünnem Eis. Alles wird teurer und teurer, aber die Umsätze steigen eben nicht“, so Müller. Hamm sei keine Studentenstadt und ziehe auch nicht die Touristen in Scharen an. „Deshalb gilt auch das geflügelte Wort: In Hamm muss man doppelt so viel arbeiten für die Hälfte des Geldes.“

Gastronomen nennen Steuererhöhung eine „große Dummheit“

Volkswirtschaftlich sei die Steuererhöhung eine „große Dummheit“ der Regierungskoalition. Müller appelliert in seiner Rolle als Gastro-Sprecher an die Politik vor Ort, dass diese Einfluss auf die heimischen Abgeordneten in Berlin nehme, damit „die Katastrophe“ noch abgewendet werde. Protestaktionen der heimischen Betriebe seien seitens des Gastro-Vereins zumindest bislang nicht geplant.

Ins gleiche Horn stößt Gerhard Draband, Leiter der Wirtschaftsregion Ruhrgebiet im Bundesverband mittelständische Wirtschaft mit Sitz in Hamm. Auch er spricht von einem „schweren Fehler“, der im schlimmsten Fall eine Pleitewelle in einer bereits angeschlagenen Branche auslösen könne. „Die Politik hat sämtliche Warnungen von Branchenverbänden und Fachleuten in den Wind geschlagen. Sie geht wieder einmal einen Sonderweg im Vergleich zu anderen europäischen Staaten auf Kosten der Bürger, um ohne Haushaltskürzungen und Debatten das Steueraufkommen zu erhöhen“, so Draband in einer Pressemitteilung. „Der einheitliche Steuersatz von maximal 7 Prozent auf sämtliche Speisen wäre der Weg gewesen, um auf die wirtschaftliche Krise im Land angemessen zu reagieren. Die Verbraucher haben in den letzten Jahren unter der Inflation massiv an Kaufkraft eingebüßt und werden den folgenden Preisschub nicht kompensieren können.“

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