Karnevalsumzug

Jacques Tilly sorgt bei Rosenmontagszug für hitzige Debatte: „Nichts vom Düsseldorfer Karneval verstanden“

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Mit der Aufschrift „Wer ist hier der Klimaterrorist?“ zeigt dieser Mottowagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs 2023 einen Aktivisten der letzten Generation, der vor einem qualmenden Auto sitzt.
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Ein Mottowagen für den Rosenmontagszug in Düsseldorf wurde schon vorab teilweise verraten: Aus Angst vor Störungen durch sogenannte Klima-Kleber. Jetzt ist der Wagen komplett zu sehen.

Düsseldorf – Traditionell ist es jedes Jahr das vielleicht bestgehütete Geheimnis der Stadt: Wie werden die Mottowagen von Wagenbauer Jacques Tilly für den Rosenmontagszug in Düsseldorf aussehen? Normalerweise steigt die Spannung bis zum Rosenmontag, erst dann werden die Wagen enthüllt. Denn die satirischen Wagen sind politisch-bissig und in der Vergangenheit gab es bisweilen Versuche der Kritisierten, die Wagen mit Einstweiligen Verfügungen in letzter Minute zu stoppen. Doch in diesem Jahr haben die Düsseldorfer Karnevalisten mit ihrem einst ehernen Grundsatz gebrochen und bereits Tage vorher das Motiv eines Mottowagens verraten.

Putins Blutbad in der Menge - die schärfsten Mottowagen beim Umzug in Düsseldorf

Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs 2023 in Düsseldorf.
Mit der Aufschrift „Wer ist hier der Klimaterrorist?“ zeigt dieser Mottowagen des Düsseldorfer Rosenmontagszugs 2023 einen Aktivisten der letzten Generation, der vor einem qualmenden Auto sitzt. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs 2023 in Düsseldorf.
Ein weiteres großes Thema ist die Kostüm-Auswahl an Karneval. Es wird Kritik an Indianer-Kostümen ausgeübt. Hier befasst sich ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf mit kultureller Aneignung. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Auf dem Rosenmontagszug in Düsseldorf 2023 wird es politisch: Dieser Mottowagen mit der Aufschrift „Free Iran“ zeigt eine Mullah verstrickt in den wehenden Haaren einer jungen Frau. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
„Diese Bilder werden um die Welt gehen“, sagte WDR-Moderator Sven Lorig bei der Übertragung vom Rosenmontagzug 2023 in Düsseldorf. Der Mottowagen von Jacques Tilly, der Wladimir Putin in einem Blutbad zeigt, hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Ein ähnliches Motiv hatte Tilly bereits 2008 erdacht: Damals ließ er den Al-Quaida-Anführer Osama bin Laden in Blut baden.  © Federico Gambarini/dpa
Putin-Mottowagen von Jacques Tilly beim Rosenmontagszug in Düsseldorf
Blutbad in der Menge: Der Putin-Wagen in der Altstadt von Düsseldorf beim Rosenmontagszug.  © Fabian Strauch/dpa
Ein Mottowagen auf dem Rosenmontagszug in Düsseldorf.
2023 findet nach drei Jahren wieder der Rosenmontagszug in Düsseldorf statt. Dieser Mottowagen zeigt Robert Habeck, der Kröten mit den Aufschriften „Atomkraft“, „Aufrüstung“ und „Gas aus Diktaturen“ schluckt. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Der Rosenmontagszug in Düsseldorf kann 2023 nach drei Jahren wieder stattfinden. Dieser Wagen von Wagenbauer Jacques Tilly stellt die Freude über den ersten Umzug nach der Coronazeit dar. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Ein weiterer politischer Mottowagen auf dem Rosenmontagszug 2023 in Düsseldorf. Es wird Bundeskanzler Olaf Scholz mit der Aufschrift „Scholz der Zauderer“, der von einer Ziege mit der Aufschrift „Strack-Zimmermann“ angestoßen wird, gezeigt.  © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf befasst sich mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und zeigt den Teufel und den Kölner Kardinal Woelki.  © Federico Gambarini
Ein Mottowagen auf dem Rosenmontagszug in Düsseldorf.
Auch der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs (Brexit) ist Thema das heutigen Rosenmontagzugs in Düsseldorf 2023. Mit der Aufschrift „Miss Brexit ‚23“ hält eine skelettierte Frau zwei Union Jack-Fahnen.  © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Karneval in Düsseldorf: Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs 2023 mit der Aufschrift „Bundeswehr 2023“ zeigt einen auf ein Fahrrad montierten Panzer. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszug in Düsseldorf.
Die bisher geheim gehaltenen Mottowagen vom Team um Wagenbauer Jacques Tilly rollten am Montag (20. Februar) aus dem Depot zum Aufstellungsort des Düsseldorfer Rosenmontagszugs 2023.  © Federico Gambarini/dpa

Rosenmontagszug Düsseldorf 2023: Jacques Tilly zeigt einen Wagen schon vorher

Grund: Die Angst davor, dass sogenannte Klima-Kleber der „Letzten Generation“ den Rosenmontagszug in Düsseldorf stoppen könnten. Das brachte die Wagenbauer zum Umdenken. Bereits am Freitag hatten sie verraten, dass sich ein Wagen thematisch hinter das Anliegen der Klimaaktivisten der „Letzten Generation“ stellen werde.

Nun war der Wagen auch zu sehen: „Wer sind die Klimaterroristen?“ steht auf dem Mottowagen. Darauf: Eine Klima-Kleber-Figur vor einem bedrohlichen Auto, das jede Menge CO2 ausstößt. Ein Hinterreifen ist dem Schaufelrad eines Braunkohlebaggers nachempfunden, „Garzweiler“ steht darauf. Mit dem Wagen bezieht sich Wagenbauer Jacques Tilly einerseits auf die Räumung des Tagebau-Dorfs Lützerath, gegen die Zehntausende protestiert hatten, und andererseits um die Debatte um die Aktivisten der „Letzten Generation“.

Jacque Tilly stellt sich mit Wagen hinter das Anliegen der Klimaaktivisten

Seit Wochen starten die Klima-Kleber verstärkt Aktionen, auch in NRW, wie etwa zuletzt in Düsseldorf und Köln. Autofahrer reagierten bisweilen aggressiv, zerrten Klima-Kleber von der Straße – in einem Fall schob jemand einen Klimaaktivisten sogar mit dem Auto von der Straße. Besonders harte Kritiker prägten das Wort „Klimaterroristen“ als Bezeichnung für die Aktivisten. Ein Begriff, den NRW-Innenminister Herbert Reul ablehnt und für Quatsch hält, wie er im Interview mit 24RHEIN sagt.

Die spektakulärsten Wagen beim Rosenmontagszug in Düsseldorf

Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf befasst sich mit dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche und zeigt den Teufel und den Kölner Kardinal Woelki.  © Federico Gambarini
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Der Rosenmontagszug in Düsseldorf kann 2023 nach drei Jahren wieder stattfinden. Dieser Wagen von Wagenbauer Jacques Tilly stellt die Freude über den ersten Umzug nach der Coronazeit dar. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen auf dem Rosenmontagszug in Düsseldorf.
Auch der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs (Brexit) ist Thema das heutigen Rosenmontagzugs in Düsseldorf 2023. Mit der Aufschrift „Miss Brexit ‚23“ hält eine skelettierte Frau zwei Union Jack-Fahnen.  © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Auf dem Rosenmontagszug in Düsseldorf 2023 wird es politisch: Dieser Mottowagen mit der Aufschrift „Free Iran“ zeigt eine Mullah verstrickt in den wehenden Haaren einer jungen Frau. © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszug in Düsseldorf.
Die bisher geheim gehaltenen Mottowagen vom Team um Wagenbauer Jacques Tilly rollten am Montag (20. Februar) aus dem Depot zum Aufstellungsort des Düsseldorfer Rosenmontagszugs 2023.  © Federico Gambarini/dpa
Ein Mottowagen des Rosenmontagszugs in Düsseldorf.
Rosenmontag in Düsseldorf: Der Rosenmontagszug 2023 zeigt viele Mottowagen, die sich dem Thema Ukraine-Krieg widmen. Hier wird Präsident Putin, der in einer Wanne in den ukrainischen Farben ein „Blutbad“ nimmt, dargestellt. © Federico Gambarini/dpa
Henriette Reker-Wagen Düsseldorf
Dieser Wagen vom Rosenmontagszug 2023 wurde bereits vorgestellt – und zeigt Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der ungeliebten Nachbarstadt Köln. © Panama Pictures/Imago
Putin-Wagen 2022
Im vergangenen Jahr startete Russland Präsident Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine – und wurde mit diesem Wagen bedacht. © Michael Gstettenbauer/Imago
Eichelbischof Karneval 2022
Der sogenannte „Eichelbischof“ stammt ebenfalls aus dem Jahr 2022. © Christoph Hardt/Imago
Greta-Wagen Düsseldorf
Greta Thunberg, hier ein Wagen aus 2020, könnte auch 2023 wieder Thema werden. © Michael Gstettenbauer/Imago
Sackhüpfen Wagen CDU Düsseldorf
Auch das „Sackhüpfen“ bei der CDU zur Vorsitzendenwahl 2020 war Thema im Düsseldorfer Rosenmontagszug. © Karl F. Schöfmann/Imago
Rassismus-Wagen Tilly
Leider auch 2023 noch aktuell: Ein Rassismus-Wagen aus dem Jahr 2020. © Karl F. Schöfmann/Imago
Klimawandel-Wagen Düsseldorf
Auch 2023 wäre der Klimawandel-Wagen aus dem Jahr 2022 noch immer brandaktuell. © Uwe Kraft/Imago
Putin Karate-Wagen
Putin, die Zweite: Bereits 2021 war er „Gast“ im Düsseldorfer Rosenmontagszug. © Uwe Kraft/Imago
Polen-Wagen Düsseldorf
Polen und die Landesentscheidung zum Abtreibungsrecht wurden 2021 thematisiert. © Bettina Strenske/Imago
Jacques Tilly vor Wagen
Der Künstler hinter den aufwendigen und gesellschaftskritischen Wagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug: Jacques Tilly © Michael Gstettenbauer/Imago

Auch die Position der Düsseldorfer Karnevalisten zum Thema ist eindeutig und steckt in der gedachten Antwort auf die rhetorische Frage: Die eigentlichen Klimaterroristen sind nicht die Aktivisten, sondern diejenigen, die dem Klima schaden.

Jacques Tilly an Rosenmontagszug in Düsseldorf mit Appell: „Ihr braucht den Zug nicht zu stören“

„Die Sorgen um die Kipppunkte sind berechtigt und die Gefahren real. Wenn durch die Klimakrise in Sibirien das Methangas freigesetzt wird, wird die Erde im wahrsten Sinne des Wortes zur Klimahölle“, sagte Jacques Tilly und appellierte an die „Letzte Generation“: „Ihr braucht den Zug nicht zu stören, das wäre kontraproduktiv. Wenn der Zug 45 Minuten steht, ist er einfach kaputt.“

Die „Letzte Generation“ reagierte auf den Appell von Jacque Tilly. «Die Sorgen um die Kipppunkte sind berechtigt und die Gefahren real. Wenn durch die Klimakrise in Sibirien das Methangas freigesetzt wird, wird die Erde im wahrsten Sinne des Wortes zur Klimahölle», sagte Tilly. Die „Letzte Generation“ reagierte am Montag mit einem schriftlichen Statement: „Das größte Interesse der Öffentlichkeit liegt nicht etwa darauf, dass es in 20 Jahren keinen Karneval mehr geben wird, wenn wir so weitermachen, sondern darauf, ob die Letzte Generation auch die Karnevalszüge unterbrechen wird.“

Klimaaktivisten äußern sich zu Ansage von Jacques Tilly

Ähnlich äußerten sich die Aktivisten bei Twitter: „Wie oft wir gefragt wurden, ob wir Karnevalszüge unterbrechen würden... Die größte Sorge scheint nicht zu sein, ob wir in 20 Jahren noch genug zu Essen und zu Trinken haben werden, sondern wie wir uns ungestört von dieser unbequemen Frage ablenken können.“ Und an anderer Stelle: „Danke, dass ihr die Klimakatastrophe mitten in den Karneval nach #Düsseldorf tragt! Doch wir müssen die Frage nach unserem Überleben UNIGNORIERBAR stellen, nicht im Scherz. Dabei müssen wir immer lauter werden. Überall im Land.“

Der Themenkomplex wird bei Twitter heiß diskutuiert. „Wenn Du den Karnevalswagen für einen Scherz hältst, hast Du nichts vom Düsseldorfer Karneval verstanden“, schreibt ein Nutzer – offenbar mit Blick darauf, dass vor allem die Mottowagen von Jacques Tilly von vielen als Satire mit ernstem Hintergrund verstanden werden. Andere reagieren genervt bis offen beleidigend auf den Post, bereits in den letzten Wochen hatte sich immer wieder angedeutet, dass die Stimmung bei vielen kippt, wenn es um die Blockade-Aktionen der Aktivsten geht. Wieder andere zeigen Sympathien für die Aktivisten. Ein Nutzer allerdings fürchtet: „Karnevalszug unterbrechen würde vielleicht mediale Aufmerksamkeit bringen aber ich fürchte für die Aktivist:innen ist das mehr als gefährlich, wenn dieselbe, die nüchtern schon gewalttätig werden, jetzt sturzbesoffen und anonym durch Verkleidung anzutreffen sind.“ (pen, mit dpa)

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