Politik

AfD fordert „Landdienst“: Antrag im NRW-Landtag erinnert an dunkle Zeiten

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Für Ministerpräsident Hendrik Wüst ist die AfD eine „Nazi-Partei“. Historiker gehen nicht so weit. Aber mitunter findet man Analogien zu früher.

Düsseldorf - Götz Aly findet es nicht in Ordnung, die AfD in die Nähe der NSDAP zu rücken. Fraglos gebe es rassistische, auch gewaltbereite Gruppierungen innerhalb der AfD, sagte der Historiker. Aber das gelte bislang nicht für die gesamte Partei. Doch mitunter sorgt die Rechtsaußen-Partei durchaus für Analogien zur Nazi-Partei von Adolf Hitler. So fordert die AfD-Fraktion im NRW-Landtag jetzt einen „Freiwilligen Landdienst“. Wer sich für Geschichte interessiert, dem kommt das irgendwie bekannt vor.

Martin Vincentz ist Vorsitzender der AfD-Fraktion im Landtag. Er hat den Antrag zum Landdienst mitunterzeichnet.

Ein Blick ins Online-Lexikon Wikipedia gibt Aufschluss. Demnach führten die Nationalsozialisten die in der Weimarer Republik eingeführte arbeitsmarktpolitische Maßnahme namens „Landhilfe“ zunächst fort. Als Landhelfer wurden Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren – unter bestimmten Voraussetzungen auch bis zu 25 Jahren – nach freiwilliger Meldung in bäuerliche Familienbetriebe vermittelt. 1934 wurde die Hilfe in bäuerlichen Familienbetrieben zum acht Monate dauernden „Landjahr“ ausgeweitet und zur Pflicht erklärt.

AfD verweist auf Höfe in Westfalen

„Das Landjahr war für die Schulentlassenen gedacht. Als innere Ausgestaltung war eine Erziehung nach Grundsätzen des Nationalsozialistischen Staates und mit Leibesübungen aller Art vorgesehen“, heißt es weiter auf Wikipedia. An drei bis vier Werktagen war demnach der Vormittag dem Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft vorbehalten. In der Erntezeit wurde auch ganztägig gearbeitet. Lohn gab es nicht. Dafür sah der Erziehungsplan des Landjahrs für die Jungen unter anderem „vormilitärische Ertüchtigung“ vor.

Zurück ins Jahr 2025 und zum Antrag der AfD, der an diesem Freitag, 18. September, im Plenum zur Abstimmung steht. Darin wird – natürlich – nicht auf die Nazis verwiesen. Sondern auf die Schweiz. Dort gebe es schon seit mehr als 60 Jahren den sogenannten Landdienst, der Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren ermögliche, auf Bauernhöfen mitzuarbeiten. Das Interesse sei groß: Jedes Jahr würden weit über 1 000 Jugendliche die Ärmel hochkrempeln, um in Haus, Stall, Garten und Feld mitanzupacken.

Reaktionen auf Kommunalwahl in NRW – Wüst: „Dieses Ergebnis muss uns zu denken geben“

NRW-Kommunalwahlen
Die CDU gewinnt die Kommunalwahlen in NRW. Die AfD legt deutlich zu, während SPD und vor allem die Grünen Einbußen hinnehmen müssen. Entsprechend gemischt fallen die Reaktionen aus. © Federico Gambarini/dpa
Hendrik Wüst (CDU, M), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, gibt auf der Wahlparty der Düsseldorfer CDU ein Statement zur Kommunalwahl ab.
Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) spricht von einem „tollen Ergebnis“ für seine Partei. „Wir sind und wir bleiben Kommunalpartei Nummer 1 in Nordrhein-Westfalen“, sagte Wüst am Abend bei einer CDU-Veranstaltung in Düsseldorf. Das Wahlergebnis sei großartig und ein „klares Votum für eine pragmatische, eine lösungsorientierte Politik der Mitte“. © Christoph Reichwein/dpa
Hendrik Wüst (CDU, M), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, gibt auf der Wahlparty der Düsseldorfer CDU ein Statement zur Kommunalwahl ab.
Auf die deutlichen Zugewinne der AfD hat der Ministerpräsident aber besorgt reagiert. „Dieses Ergebnis muss uns zu denken geben, kann uns auch nicht ruhig schlafen lassen. Selbst meine Partei nicht, die diese Wahl so klar gewonnen hat“, sagte Wüst im ARD-„Bericht aus Berlin“. © Christoph Reichwein/dpa
Söder macht Wahlkampf mit Wüst
Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) spricht von einem „tollen Ergebnis“ für seine Partei. „Wir sind und wir bleiben Kommunalpartei Nummer 1 in Nordrhein-Westfalen“, sagte Wüst am Abend bei einer CDU-Veranstaltung in Düsseldorf. Das Wahlergebnis sei großartig und ein „klares Votum für eine pragmatische, eine lösungsorientierte Politik der Mitte“. © Fabian Strauch/dpa
Linken-Parteichef Jan van Aken
Der Linken-Vorsitzende Jan van Aken hat das Abschneiden seiner Partei bei der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen als grandios betitelt. © Fabian Sommer/dpa
Plenarsitzung Landtag NRW
Die AfD-Landtagsabgeordnete Enxhi Seli-Zacharias hat das Abschneiden ihrer Partei nach der ersten Prognose für die Kommunalwahlen als großartig bezeichnet. „Ich freue mich riesig“, sagte sie im WDR-Fernsehen. © Rolf Vennenbernd/dpa
Martin Vincentz, Landesvorsitzender der Alternative für Deutschland in Nordrhein-Westfalen, ist auf dem Parteitag für eine weitere Amtszeit gewählt worden.
Der nordrhein-westfälische AfD-Landeschef Martin Vincentz hat sich „sehr zufrieden“ mit dem Abschneiden seiner Partei bei der Kommunalwahl gezeigt. „Unser ausgegebenes Ziel – eine Verdreifachung – haben wir offensichtlich erreicht“, sagte er der dpa nach der ersten WDR-Prognose. © Thomas Banneyer/dpa
Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen - Düsseldorf
Der Generalsekretär der CDU in Nordrhein-Westfalen, Paul Ziemiak, hat das Kommunalwahlergebnis für seine Partei nach der ersten Prognose als großen Erfolg gewertet.  © Christoph Reichwein/dpa
Achim Post (SPD), spricht bei der Bewerbungsrede als stellvertretender Bundesvorsitzender.
NRW-SPD-Chef Achim Post freut sich darüber, dass die Sozialdemokraten „spürbar besser als zuletzt bei den Bundestagswahlen abgeschnitten“ hätten. Gleichzeitig betont er: „Kommunalwahlen finden niemals isoliert von der Politik in Bund und Land statt. Die Rechtsextremen gehen gestärkt aus dieser Wahl hervor. Mit dem heutigen Abschneiden können alle Parteien der Mitte nicht zufrieden sein, die in den letzten Jahren in Bund und Land Regierungsverantwortung getragen haben. Auch die schwarz-grüne Landesregierung hätte nach jetzigem Stand keine Mehrheit mehr in NRW.“ © Michael Kappeler/dpa
Bärbel Bas (SPD), Bundesarbeitsministerin, gibt vor einer Klausur des SPD-Parteivorstandes vor dem Willy-Brandt-Haus ein Statement ab.
Die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas hat enttäuscht auf den Ausgang der Kommunalwahlen in NRW reagiert. „Es ist richtig, dass wir den Abwärtstrend nicht stoppen konnten“, sagte Bas im „WDR“. „Die Ergebnisse machen mich natürlich nicht glücklich.“ Dennoch seien die Werte kein Desaster, wie es ihrer Partei zuvor prognostiziert wurde. Aber: „Wir müssen uns natürlich fragen, wie wir aus diesem Tief wieder rauskommen“, sagte Bas, die im Ruhrgebiet aufwuchs. Das gute Ergebnis der AfD müsse allen demokratischen Parteien Sorge machen. © Jörg Carstensen/dpa
Politischer Frühschoppen auf dem Volksfest Gillamoos
Bei den Grünen ist die Enttäuschung derweil groß. „Es war klar, dass wir bei dieser Wahl nicht das Ergebnis von 2020 wiederholen werden“, sagte Parteivorsitzender Felix Banaszak dem WDR: „Mit dieser Situation wurden wir bei der Bundestagswahl konfrontiert. Das ist Ausdruck einer recht fundamentalen Verschiebung der politischen Lage. Ökologische, progressive Politik hat es gerade schwer.“  © Lukas Barth/dpa
Die Landesvorsitzenden der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Tim Achtermeyer (l.) und Yazgülü Zeybek bei einer Pressekonferenz der Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen.
Die Landesvorsitzenden der Grünen in Nordrhein-Westfalen, Tim Achtermeyer und Yazgülü Zeybek, sagen in einem gemeinsamen Statement: „Mit Blick auf die ersten landesweiten Zahlen gratulieren wir der CDU NRW, sie hat diese Wahl gewonnen. Unser landesweites Ergebnis bleibt hinter unseren Ansprüchen zurück. Bei der vergangenen Kommunalwahl hatten Zukunftsthemen Rückenwind, derzeit haben sie oft Gegenwind. Das macht sich dann auch in den Wahlergebnissen bemerkbar.“ © Henning Kaiser/dpa
Bundestag - Haushaltsberatungen
„Wir sind ein bisschen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Es ist trotzdem eine deutliche Verbesserung zur letzten Kommunalwahl. Das ist für uns entscheidend“, sagte Sascha Wagner, Sprecher des Landesverbands der Linken gegenüber dem WDR. © Katharina Kausche/dpa
Jens Spahn (CDU), Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sitzt bei einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa im Newsroom der Nachrichtenagentur.
Der Ausgang der Kommunalwahlen in NRW hilft nach Einschätzung von Unions-Fraktionschef Jens Spahn auch der schwarz-roten Koalition im Bund. „Das starke Ergebnis in NRW ist der Lohn der guten Arbeit vor Ort. Es gibt aber auch Rückenwind für die Koalition in Berlin“, sagte der selbst aus Westfalen kommende CDU-Politiker der dpa. Das Ergebnis sei Ansporn für eine ruhige pragmatische Arbeit. Das werde von den Menschen belohnt, wie man sehe. „Der Zuwachs der extremen Rechten muss uns allen ein Weckruf sein: Armutsmigration, Sozialmissbrauch und zu oft gescheiterte Integration dürfen nicht tabuisiert werden“, sagte Spahn. „Wir müssen diese Probleme endlich durch konkrete Entscheidungen lösen.“ © Bernd von Jutrczenka/dpa
Sitzungen und Statements der Bundestagsfraktionen - AfD
Tino Chrupalla hat das Abschneiden seiner Partei bei der Kommunalwahl als Erfolg bezeichnet. „Erste Prognosen rechnen damit, dass die AfD bei der Kommunalwahl in NRW ihre Stimmen verdreifacht hat“, schrieb der AfD-Chef auf X. © Helena Dolderer/dpa
Amid Rabieh, Stellvertretender Parteivorsitzender BSW, spricht beim Gründungskongress des Jugenbündniss im BSW.
BSW-Landesvorsitzender Amid Rabieh: „Vor dem Hintergrund der massiven Behinderungen in NRW für kleinere Parteien, die nicht im Bundestag vertreten sind, bei ihrem Antritt zur Kommunalwahl, können wir mit unserem Ergebnis zufrieden sein: In den Städten und Kreisen, in denen wir antreten konnten, haben wir offensichtlich ordentlich abgeschnitten.“ © Christoph Reichwein/dpa

„Ein vergleichbares Angebot seitens des Landes existiert in Nordrhein-Westfalen bislang nicht in dieser Form“, bemängelt AfD-Fraktionschef Martin Vincentz, dessen Partei bei der Kommunalwahl in NRW viele Stimmen holen konnte, in dem Antrag. Allerdings sei es bereits heute möglich, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) auf ökologisch wirtschaftenden Bauernhöfen zu absolvieren. Als Beispiele listet der Antrag unter anderem auf den Vauß-Hof in Salzkotten, den Hof Lohmann in Warendorf und das Demeter-Gut Körtlinghausen in Rüthen.

Diese Höfe leisten aus Sicht der AfD wertvolle Bildungsarbeit, doch die Zahl der Einsatzstellen bleibe begrenzt auf einzelne ausgewählte Höfe. Genau hier könnte Nordrhein-Westfalen ansetzen. Denn: Insbesondere Betriebe mit einer Fläche von 10 bis 100 Hektar mussten laut AfD in den vergangenen Jahren in großer Zahl aufgeben. Würde in NRW das FÖJ auf kleine und mittlere Familienbetriebe ausgeweitet, entstünde aus Sicht der Partei ein doppelter Nutzen: „Jugendliche erhielten einen realistischen Einblick in die Herausforderungen moderner Landwirtschaft und gewännen Orientierung für ihre Zukunft. Gleichzeitig würden die Betriebe konkrete Unterstützung im Alltag erfahren, die sie dringend benötigen.“

Scharfe Kritik an NGOs

Hört sich gut an. Also keine Nazi-Partei, wie NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) die AfD nennt? Nun, am Ende ihres Antrags fällt die Fraktion dann doch wieder in das bekannte Freund-Feind-Schema, das sie so gerne propagiert. Zitat: „Angesichts von Kampagnen gegen die Landwirtschaft durch staatlich finanzierte ‚NGOs‘ kann ein freiwilliger Landdienst helfen, Fehlinformationen und Verleumdungen gegen unsere Landwirte insbesondere bei der jungen Generation zu entkräften und der Steigerung des Ansehens des Bauernstandes dienen.“ Angriffe auf Nichtregierungsorganisationen sind eben Brot- und Butter-Thema der Rechten.

Rubriklistenbild: © Thomas Banneyer/dpa

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