VonJan Schmitzschließen
Die MVG dünnt ihr Angebot im MK aus und richtet einen Sonderfahrplan ein. Dennoch wird der Betrieb immer teurer - auch weil E-Busse die Diesel ablösen sollen.
Lüdenscheid – Der Ausbau des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) als günstige und zuverlässige Alternative zum Auto fällt im Märkischen Kreis aus. Stattdessen wird das Angebot deutlich zurückgefahren. Bereits am 29. Januar tritt ein Sonderfahrplan in Kraft, der in Wirklichkeit ein Notfahrplan ist. Der Grund: Es gibt schlicht zu wenig Busfahrerinnen und Busfahrer – und die, die da sind, sind zu häufig krank.
In der letzten Sitzung des Jahres hat der Kreistag am 7. Dezember grünes Licht gegeben für die vorübergehende Ausdünnung des Streckennetzes im gesamten Kreisgebiet. Dabei geht es zum einen um den Abbau von „Übererfüllungen“ des gültigen Nahverkehrsplans (NVP) für den Kreis, aber auch um Angebotskürzungen, die laut NVP eigentlich nicht erlaubt ist. Die Notfallmaßnahmen sind zunächst auf zwei Jahre befristet.
Nach Darstellung der Märkischen Verkehrsgesellschaft (MVG) sind diese Einschränkungen alternativlos angesichts der zuletzt hohen Zahl von Fahrtausfällen. „Gründe sind der seit längerer Zeit bestehende Mangel an Fahrpersonal sowie die teilweise hohen Krankenstände“, heißt es im damaligen Beschlussvorschlag für den Kreistag. Bereits im vergangenen Jahr rechnete der Verkehrsbetrieb mit einem Personalbedarf von 70 zusätzlichen Fahrern in einem zunehmend umkämpften Markt.
Die MVG räumt unumwunden ein, dass „die beauftragte Erbringung von Verkehrsdiensten im Linienbündel Zentral nicht mehr vollständig gewährleistet werden kann.“ Als Ausweg aus dem Dilemma wird der bestehende Fahrplan nun durch einen sogenannten „Sonderfahrplan“ ersetzt, damit den Fahrgästen wieder ein „zuverlässiger und verlässlicher Fahrplan“ angeboten werden könne. Die bisherigen Schülerverkehre sollen – so heißt es in der Vorlage – „weitgehend sichergestellt werden“.
Dabei werden unter anderem sich überlagernde Linien im Regionalverkehr auf der Achse Lüdenscheid – Werdohl sowie im Stadtverkehr von Altena, Iserlohn, Lüdenscheid, Menden und Plettenberg ausgedünnt. Zudem wird das saisonale Freizeitverkehrsangebot zwischen Lüdenscheid, Herscheid und Meinerzhagen, der sogenannte NaTour-Bus, eingestellt. Unter dem Namen MVG-Wanderbus war der NahTour-Bus 2011 eingeführt worden.
Während das Angebot im ÖPNV also zurückgefahren wird, steigen gleichzeitig die Kosten für den Kreis und über die Kreisumlage auch für die Kommunen rasant. Dies liegt an einem Beschluss aus dem Jahr 2022. Dieser sieht vor, dass der umlagerelevante Zuschuss von 10,2 Millionen Euro (2022) auf 20 Millionen Euro bis zum Jahr 2025 anwächst – und die lokalen Haushalte zusätzlich immer stärker belastet. Ab 2026 sollen die 15 Städte und Gemeinden die Verluste der Märkischen Verkehrsgesellschaft dann sogar vollständig ausgleichen – unter Verrechnung möglicher Erträge der Märkischen Kommunalen Wirtschafts GmbH (MKG).
Dazu muss man wissen, dass die Verluste der Verkehrsgesellschaft formal bislang aus dem Vermögen der kreiseigenen MKG ausgeglichen wurden. Die umlagerelevanten Zuschüsse aus dem Kreishaushalt gehen also zunächst an die MKG, die die komplette Summe dann an die MVG überweist. In 2022 bezuschusste die öffentliche Hand den Busverkehr im Märkischen Kreis mit 25,7 Millionen Euro. Für 2023 wird mit Verlusten in Höhe von 28,8 Millionen Euro gerechnet und für dieses Jahr könnte sich das Defizit sogar auf bis zu 33,2 Millionen Euro erhöhen, weil die Auftragsvergabe an externe Busunternehmen immer teurer wird. Noch nicht berücksichtigt sind die erwarteten Einsparungen durch die Streichung von Buslinien gemäß Sonderfahrplan in Höhe von rund 1,3 Millionen Euro.
Zudem steht die MVG vor einem Jahrhundertinvest in die Verkehrswende, der in den kommenden Jahren weitere Millionen verschlingen wird. Anders als viele andere Verkehrsgesellschaften verfügt die MVG bislang noch über überhaupt keinen einzigen emissionsarmen, geschweige denn emissionsfreien Bus in ihrer Flotte. Das soll sich jetzt ändern. Wie MVG-Sprecher Jochen Sulies gegenüber unserer Zeitung erklärt, bereitet die heimische Verkehrsgesellschaft derzeit die Ausschreibung von E-Bussen vor, die in der ersten Jahreshälfte veröffentlicht werden soll. Nach der Beschaffung müssen diese noch „hergerichtet“ werden, unter anderem werden sie mit einer Videoüberwachung ausgestattet. Im Laufe des Jahres 2025 sollen dann – so der Plan – 25 Elektro-Busse durch den Märkischen Kreis rollen und eine gleiche Anzahl ausgemusterter Diesel-Busse ersetzen. Insgesamt verfügt die MVG derzeit über 148 Busse.
In den Folgejahren soll der Anteil alternativer Antriebe in der MVG-Flotte dann weiter ausgebaut werden. Bis zum Jahr 2030 müssen gemäß des „Saubere-Fahrzeuge-Beschaffungsgesetzes“ bereits 65 Prozent der Neufahrzeuge emissionsarm oder emissionsfrei sein. Die MVG plant, bis zum Jahr 2032 auf eine 100-prozentige Beschaffungsquote sauberer Busse zu kommen. Bei einer Nutzungsdauer der Diesel-Fahrzeuge von zwölf Jahren könnte demnach Anfang der 2040er-Jahre der letzte Diesel-Bus im Kreis ausrollen.
E-Busse beschafft zunächst nur die MVG, die Gespräche zur Umstellung bei den Dienstleistern laufen, sagt Sulies. Dass man im Märkischen Kreis nicht frühzeitiger auf alternative Antriebe gesetzt hat, zahle sich jetzt aus. „Wir haben die nicht immer positiven Erfahrungen anderer Verkehrsbetriebe abgewartet. Jetzt ist die Entwicklung bei den E-Bussen so weit, dass sie auch für größere Umläufe und unsere Topographie geeignet sind“, erklärt der MVG-Sprecher. Nun müssten die Betriebshöfe in Lüdenscheid und Iserlohn für die Wartung und Instandhaltung von batterieelektrisch betriebenen Bussen ertüchtigt und leistungsstarke Ladepunkte installiert werden.
Diese gesetzlich vorgeschriebenen Schritte auf dem Weg in eine klimaschonende Zukunft kosten die heimische Verkehrsgesellschaft und die Gesellschafter viel Geld. Auch wenn Fördertöpfe angezapft werden, verbleibt eine hohe Summe bei Kreis und Kommunen. So stellt die MKG allein für dieses Jahr 14 Millionen Euro und für 2025 19 Millionen Euro für den ÖPNV im Märkischen Kreis bereit – auch für die Anschaffung von E-Bussen und den Ausbau der Lade-Infrastruktur. Jochen Sulies warnt trotz der hohen Investitionen vor zu hohen Erwartungen in Bezug auf eine echte Verkehrswende: „Die neuen Busse sind fast doppelt so teuer wie Diesel-Fahrzeuge. Aber wir kriegen mit E-Bussen keinen einzigen Fahrgast mehr.“
Rubriklistenbild: © Cornelius Popovici


