Polizei will Sachverhalt aufarbeiten

Vorwürfe nach Kirmes-Unfall: „Warum sollten wir lügen?“ - Das sagt der Betreiber

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Der „Love Express“ in Aktion: Unter dem Bügel soll am Freitagabend ein Mann durchgerutscht sein.
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Der Stunikenmarkt in Hamm ging am Dienstag mit einem Feuerwerk zu Ende geht. Dennoch steckt in den tausenden tollen Erinnerungen ein Stachel: der ungeklärte Unfall im „Love Express“. Neben einer Betroffenen äußert sich jetzt auch der Besitzer des Fahrgeschäfts.

Hamm - Lisa B. versteht die Welt nicht mehr: Am Eröffnungsabend wurden sie und ein  Begleiter durch einen Unfall im „Love Express“ auf dem Stunikenmarkt verletzt. Mit Nachdruck beteuern sie und ihre Begleiter, dass das ohne eigenes Verschulden passierte. Doch zumindest die „offiziellen Stellen“ wollen ihrer Version nicht so recht glauben. „Warum sollten wir lügen?“, fragt sie.

Ihren Kirmesbummel mit der Familie hatten die beiden zusammen mit einer jungen Frau am Freitagabend im „Love Express“ beschließen wollen. Das Unglück passierte in der dritten Runde während der Rückwärtsfahrt. Wie Lisa B. (Name von der Redaktion geändert) im Gespräch wa.de erklärt, habe sich das Trio bei schneller Fahrt kaum halten können, sei heftig aufeinandergedrückt worden, und schließlich sei ihr 1,80 großer Begleiter „wie ein Blatt Papier“ unter dem geschlossenen Sicherheitsbügel her gerutscht, hart neben der Bahn aufgeschlagen und zunächst bewusstlos liegen geblieben.

Ärzte im Marienhospital bescheinigten bei dem 58-Jährigen noch am selben Abend wesentliche Verletzungen - unter anderem am Kopf - und bei der 47-Jährigen im Nachgang schmerzhafte Prellungen an verschiedenen Körperstellen.

Laut Betreiberin und Polizisten – letztere kamen erst später hinzu – habe der Mann trotz Ermahnung nicht gesessen, sondern gestanden, und sei deshalb „über Bord“ gegangen. Geäußert wurde auch die These, er sei betrunken gewesen. Nichts davon treffe zu, sagt Lisa B. energisch; sie vermutet eine Verwechslung („Da muss wohl noch mehr passiert sein“). Zudem widerspricht sie der Darstellung, das Unglück sei erst während der Bremsphase passiert.

„Love Express erfüllt höchste Sicherheitsstandards“

Mischa Kreft, Besitzer und Betreiber des „Love Express“, kann sich die Vorwürfe nicht erklären. So einen Fall habe es in den 40 Jahren seit der ersten Fahrt nicht gegeben. Der Duisburger Schausteller hatte die Bahn – baugleiche Varianten sind als „Musikexpress“ und dem früheren Modell „Raupe“ vielfach auf deutschen Kirmessen vertreten - vor rund 20 Jahren von seinem Vater übernommen und war mit ihr schon mehrfach in Hamm zu Gast.

Über allem sei sein Fahrgeschäft während der Coronazeit komplett und pflichtgemäß auf den derzeit sichersten TÜV-Din-Standard 13814 umgerüstet worden, erklärt Kreft gegenüber wa.de. Sprich: Alle Sicherheitsvorkehrungen hätten auch am besagten Abend funktioniert. Der „doppelt verriegelte“ Bügel sei jedenfalls nicht aufgegangen, und „ich kann mir nicht vorstellen, da jemand drunter rutschen kann“. Zudem könnten die Wagen grundsätzlich nicht schneller fahren als genehmigt, „sonst schaltet der Computer die Bahn direkt ab“, so Kreft. Seine Frau, die an Freitagabend in Hamm „am Steuer saß“, habe während der Verarztung den Betrieb pausiert und vor dem Neustart nochmals alle Bügel überprüft.

Nicht zum ersten Mal in Hamm dabei: der „Love Express“, auch bekannt als „Musikexpress“.

Erfahrung mit unangenehmen Schlagzeilen hat Mischa Kreft allerdings schon. Vor sieben Jahren wurden beim Betrieb in Oberhausen infolge von Aufbaufehlern mehrere Gäste teils schwer verletzt. Der Fall landete vor Gericht, Kreft wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Vorher und seitdem blieb das Geschäft jedoch schadlos. Kreft: „Sicherheit ist für uns oberstes Gebot.“

Kritik an der Polizei - Die will den Sachverhalt aufarbeiten

Zuspruch bekommt Lisa B. gleichwohl nicht nur von ihren Begleitern, sondern auch in den sozialen Medien. Besonders häufig wird in den Kommentaren zum Artikel auf der WA-Facebookseite die Beobachtung geäußert, die Wagen seien schneller gefahren als üblich. (Nur zwei Zitate von vielen ähnlichen: „Meine Tochter kam auch mit Prellungen nach Hause und sagte das die Fahrt viel schneller als sonst war“, „Bin sonst gerne mitgefahren, diesmal war es definitiv zu schnell“).

Obschon das Fahrgeschäft während der Unglücksmoments offenbar ziemlich vernebelt war, meldete sich zwischenzeitlich auch eine direkte Augenzeugin bei Lisa B., die sah, „wie der Mann herausrutschte“. Mehrere Umstehende hätten unmittelbar die Notrufnummer 112 gewählt.

Der verletzte 58-Jährige ist bis auf Weiteres krankgeschrieben. Möglicherweise werden sich die beiden an einen Anwalt wenden. Vordringlich kritisieren sie aber, dass die Polizisten vor Ort nicht ermittelt hätten und kein Sachverständiger hinzugezogen wurde. Am Abend kündigte Polizeisprecher Hendrik Heine gegenüber wa.de indes an, man würde den Sachverhalt gern aufarbeiten wollen. Weitere Informationen dazu sind im Lauf des Mittwochs zu erwarten.

Am Sonntagabend kam es nur wenige Meter entfernt von der Kirmes zu einer Bluttat in einer Pizzeria. Auch dort scheinen die Vorgänge bislang ungeklärt zu sein, zumindest widersprechen die beiden Parteien.

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