VonFrank Zachariasschließen
Ein schlimm zugerichtetes Rind auf einer Weide in Meinerzhagen-Werkshagen beunruhigt Landwirte wie auch Nachbarn. Die Sorge vor dem Wolf wächst. Am Freitagvormittag wurden Proben genommen, die Gewissheit bringen sollen.
Meinerzhagen – Gerade einmal fünf Wochen sind vergangen, seitdem die Aufregung in Werkshagen groß war. Damals, am 28. Juni, hatten Nachbarn auf der Weide eines Landwirts einen Wolf gesichtet, der nur mit viel Mühe vertrieben werden konnte. Jetzt kam das Tier offenbar wieder – und sein Besuch war tödlich: In der Nacht zu Freitag wurde ein acht Monate altes Rind angegriffen, brutal verletzt und getötet. Das Tier gehört zu genau jener Herde, die von dem mutmaßlichen Wolf bereits Ende Juni beobachtet worden war. Die Wut ist Landwirt Horst Klinker, Besitzer der Herde und etwa 100 weiterer Rinder, entsprechend anzumerken. Überrascht ist er indes nicht.
„Das war nur eine Frage der Zeit“, sagte Klinker am Freitagvormittag, als gleich eine Vielzahl von Nachbarn und Verbandsvertretern vor Ort war, um sich ein Bild von dem toten Tier zu machen. Über die Sichtung Ende Juni war Klinker von seinem Nachbarn Thomas Halbe informiert worden. Nach mehrwöchigem Krankenhausaufenthalt kehrte er erst in dieser Woche in sein Haus in Werkshagen zurück – um in der Nacht zu Freitag von lauten Tiergeräuschen geweckt zu werden.
Mutmaßlicher Wolfsangriff mitten in der Nacht
„Gegen 1.30 Uhr hörte ich, dass die Tiere sehr unruhig waren und dann auch richtige Klagelaute. Da wusste ich schon, dass etwas nicht stimmt.“ Kurze Zeit später die Gewissheit: Auf seiner Weide wurde ein Jungtier gerissen, das gegen die Wucht des tödlichen Angriffs keine Chance hatte. Neben dem aufgerissenen Bauch sind auch weitere Kratzer und Bissspuren an Hals und anderen Körperteilen deutlich zu erkennen.
Am Freitagvormittag machten sich nicht nur Nachbarn und Verbandsvertreter ein Bild von der Lage, sondern auch Heiko Cordt. Der Wolfsberater ist in solchen Fällen in der Region mit der Entnahme von Proben am gerissenen Tier beauftragt. An Spekulationen zum Hergang kann und will er sich nicht beteiligen. Seine Aufgabe, das wiederholt er an diesem Vormittag mehrmals, ist die reine Sicherung der Spuren. Die werden jetzt an das Senckenberg-Institut im hessischen Gelnhausen eingesendet, wo sie auf Wolfsspuren untersucht werden.
Landwirte und Nachbarn rechnen mit Wolfsnachweis
Sollte auch hier die Wölfin mit der Kennung GW2856f nachgewiesen werden, würde das weder Horst Klinker noch seine Nachbarn oder in dem Gebiet aktive Jäger wundern. Mit einem Laborergebnis ist der Erfahrung nach aber nicht vor September zu rechnen. Das Ergebnis wird dann auch bei einer möglichen Vergütung des Schadens eine Rolle spielen.
So lange muss Horst Klinker aber nicht zwangsläufig auf Gewissheit warten, wie Volker Thielemann, stellvertretender Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Lengelscheid, erklärt. Nachdem Wolfsberater Cordt seine Proben entnommen hatte, griff Thielemann zum Stäbchen, um seinerseits Spuren zu sichern und in ein Labor nach Hamburg zu schicken. Die sind zwar nicht für einen offiziellen Wolfsnachweis verwertbar, sollen aber nicht nur dem betroffenen Landwirt schnelle Klarheit bringen. „Das kostet 89 Euro und das Ergebnis haben wir schon am Donnerstag, wenn wir es heute noch wegschicken“, sagt Volker Thielemann.
Denn der Ärger auf Behörden, die Politik und Unterstützer der Wolfsansiedlungen ist bei vielen Landwirten groß. Nicht zuletzt bei Horst Klinker, der als jetzt betroffener Besitzer genauso um seine Tiere bangt, wie es ein Besitzer von Hunden oder Katzen tun würde. Der materielle Schaden – ein Tier wie das jetzt verendete, werde auf dem Markt mit etwa 1200 Euro gehandelt – kommt für den Landwirt noch hinzu.
Sorge auch um Biodiversität infolge von Zaunbau
Aber Klinker, der zugleich Vorsitzender der Jagdgenossenschaft Lengelscheid ist, fürchtet auch die Folgen einer Wolfsansiedlung für die heimische Natur. „Ähnlich wie in der afrikanischen Savanne werden sich auch hier die Tiere zusammenrotten, um sich vor den Raubsäugern zu schützen. Das wird hier mit Rot- und Damwild auch passieren. Und das verursacht im Forst Schäden.“ Und während sich die wehrhaften Wildschweine noch verteidigen können, seien Weidetiere wie Rinder und Schafe leichte Opfer für den Wolf. „Jedes Raubtier ist ein Nahrungsopportunist, hier hat der Wolf es leicht. Der Räuber geht immer den Weg des geringsten Widerstands.“
Diesen Widerstand zu brechen, etwa mit sogenannten Wolfsschutzzäunen, sei nicht nur schwer, sondern hätte seinerseits Folgen für die Biodiversität in der Region. „Wenn ich meine fast 13 Hektar große Fläche komplett einzäunen würde, würde da kein Rehwild und kein Hase mehr durch kommen. Da muss sich auch der Naturschutz die Frage gefallen lassen, ob wir Zäune bauen wollen wie in der DDR. Im Endeffekt müssten die Zäune nämlich genauso aussehen.“



