VonDaniel Schröderschließen
Eine Brandserie sorgte für Angst und Schrecken an der Hauptstraße in Warstein. Am Montag berichteten die Opfer des Brandstifters von ihrer Todesangst und den verheerenden psychischen Folgen.
Warstein/Arnsberg – Der zweite Tag des Warsteiner Brandstiftungsprozesses im Arnsberger Landgericht ließ die Emotionen hochkochen. Mit zum Teil tränenerstickter Stimme sagten die Opfer des mutmaßlichen Serienbrandstifters im Zeugenstand aus. Ihre Aussagen trieben auch manchem der zahlreichen Zuschauer Tränen in die Augen. Markus R., der als Angeklagter beschuldigt wird, die lebensbedrohlichen Brände gelegt zu haben, stellte da einen krassen Kontrast dar: Selbst als die Zeugen von ihrer Todesangst berichteten und erzählten, dass vor allem die betroffenen Kinder noch heute psychisch unter dem Erlebten leiden, zeigte er keine erkennbare Spur von Mitleid oder gar Reue.
Die erste Zeugenaussage des Prozesses machte am Montagmorgen ein junger Polizeibeamter, der in der Nacht vom 25. auf den 26. April Dienst in Warstein hatte. Gegen 23 Uhr waren er und seine Kollegen wegen des Brandes alarmiert worden, rund anderthalb Minuten später stand er vor dem Haus der Familie Schulte: „Das gesamte Erdgeschoss stand in Flammen“, erinnerte er sich. Im dritten Obergeschoss riefen zwei junge Männer aus dem Fenster nach Hilfe. „Plötzlich kam Herr Schulte uns panisch entgegen und rannte in das brennende Gebäude.“
Brände in Warstein: „Papa, du musst schnell rüberkommen“
Bäckermeister Bernd Schulte war von seinem Sohn, der da oben am Fenster zusammen mit einem Freund um sein Leben kämpfte, angerufen worden. „Papa, du musst schnell rüberkommen, wir haben Qualm im Treppenhaus“, habe der Sohn am Hörer erzählt, als Schulte in seiner Backstube den nächsten Arbeitstag vorbereitete. Der Familienvater rannte durch die Flammen, weckte Partnerin Dorina Eickhoff und die drei Töchter. Ohne sein lautes Hämmern gegen die Wohnungstür wäre das im Treppenhaus lodernde Inferno wohl zu ihrer Todesfalle geworden. Doch wo steckte Sohn Phillip?
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Brandstiftungen in Warstein: Familie rettet sich, dann schießt ein Feuerball aus dem Haus
Suchend rannte Bernd Schulte zurück nach unten und ein zweites Mal durch die Flammen zurück nach oben. Vom 19-Jährigen keine Spur. Durch ein Fenster auf der Rückseite des Hauses rettete sich die Familie ins Freie. Von der Terrasse kletterten die fünf über eine Feuerleiter auf den höherliegenden Woolworth-Parkplatz. Wenige Augenblicke später barsten die Fenster des Treppenhauses, ein riesiger Feuerball schoss aus dem Haus, aus dem sich die Familie gerade noch rechtzeitig hatte retten können. Die Angst um den Sohn überwältigte alle: „Wir waren fest überzeugt, er kommt da lebendig nicht mehr raus.“ Dorina Eickhoff schilderte ihre Erinnerungen an diesen Moment so: „Die Mädchen schrieen nach ‚Phiphi’, ich wollte zu meinem Jungen, mein Partner hat mich aufgehalten.“
In diesen Augenblicken wurde der Rauch im Obergeschoss immer dichter, obwohl Phillip und sein Kumpel die Tür sofort zugeschlagen und mit nassen Kleidungsstücken abgedichtet hatten. Am Fenster rangen sie nach Luft. „Es wurde immer wärmer“, schilderte Phillip. In diesem Moment habe er sich vor allem um seine Eltern, um seine Schwestern gesorgt. Unter ihnen sei plötzlich ein Fenster geplatzt, der Rauch vor ihrem Fenster wurde immer dichter. „Ich habe da oben mit meinem Leben abgeschlossen“, unterstrich Phillips Kumpel Philip Spanke. „Vor meinem inneren Auge stellte ich mir nur noch vor, wie der Boden unter uns durchbrennt und wir als Haufen Kohle enden.“ Aber: „Ich wusste: Es gibt die Freiwillige Feuerwehr. Ich habe drauf vertraut, dass die Feuerwehrleute rechtzeitig kommen.“ Das taten sie. Die beiden jungen Männer hatten mit ihren Handytaschenlampen gewunken und waren so schnell im dichten Rauch entdeckt worden. „Plötzlich kam da die Drehleiter und wir wurden rausgeholt.“
Opfer des Brandstifters leiden unter den psychischen Folgen
In verschiedenen Krankenhäusern wurden bei allen Betroffenen Rauchvergiftungen diagnostiziert. Bernd Schulte hatte zudem Verbrennungen am Kopf erlitten, seine Haare waren verbrannt. Körperlich haben alle den Brand überstanden. Die seelischen Wunden klaffen jedoch bis heute: So bekam Bäcker-Sohn Phillip bei der Montgolfiade wegen der Brennerflamme eines Ballons eine Panikattacke. Als es in einer Pizzeria leicht verbrannt roch, wollten die Mädchen flüchten. Sein Hausarzt vermutet, dass Philip Spanke unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.
„Er ist durchs Feuer gerannt, um uns herauszuholen“
Zudem wurde das 1899 gebaute Haus und alles darin Opfer von Feuer und Rauch. Alle Erinnerung, selbstgebastelte Weihnachtskugeln aus dem Kindergarten, die Babybändchen aus dem Krankenhaus, die ersten Babyfotos: „Es ist nicht mehr da“, sagte Bernd Schultes Partnerin Dorina Eickhoff und betont zugleich: „Aber wir sind noch zu sechst. Dank der Feuerwehr und Bernd. Er ist durchs Feuer gerannt, um uns herauszuholen.“ Bernd Schulte erklärte: „Wenn ich zu diesem Zeitpunkt auch geschlafen hätte, hätte ich nicht rübergehen können. Dann wären vielleicht alle verbrannt, die im Haus waren.“
Brand am 10. November: „Ich habe meine Tochter aus dem Bett gerissen und bin mit ihr auf den Balkon gerannt“
Ähnliches wusste Volker Mehler zu berichten. Auch er wohnte mit seiner kleinen Tochter Marla an der Hauptstraße. In ihrem Haus soll der Brandstifter in der Nacht des 10. November 2022 gezündelt haben. Genau wie im Haus der Familie Schulte war das Feuer in einem Abstellraum im Erdgeschoss ausgebrochen. „Ich bin irgendwann nach 2 Uhr von mehreren Feuermeldern in der Wohnung aus dem Schlaf gerissen worden“, berichtete er vor Gericht. An der Wohnungstür habe er plötzlich einer dichten Rauchwolke gegenübergestanden. „Ich habe meine Tochter aus dem Bett gerissen, in ihre Decke gewickelt und bin mit ihr auf den Balkon gerannt.“
Seine größte Angst sei gewesen, dass der Heizungraum im Keller brennen würde: „Ich fürchtete, dass uns die Gasheizung um die Ohren fliegt.“ So habe er auch erst darüber nachgedacht, aus Angst vor einer Explosion zu springen – die Rettung per Drehleiter der Feuerwehr kam dem mutmaßlichen Sprung in den Tod glücklicherweise zuvor. Mit dem Verdacht auf eine Rauchvergiftung kamen sie ins Krankenhaus, das Haus war durch den Brand unbewohnbar. Die beiden kamen erst in einem Hotel, dann bei einer Freundin unter. „Am Tag vor Weihnachten bekamen wir ein vorzeitiges Geschenk, indem man uns eine neue Wohnung gegeben hat“, sagte er, mit den Tränen kämpfend. Seine Tochter leide noch heute unter den Folgen des Brandes. „Am Wochenende wollte ich in der neuen Wohnung den Kamin anmachen. Meine Tochter sagte sofort: „Papa, nein, ich habe Angst vor dem Feuer.“ Er hoffe auf einen Termin beim Kinderpsychologen - den gibt es laut aktueller Prognose aber erst „in zweieinhalb bis drei Jahren“.
Brandserie in Warstein: Am 10. November entstand die Spur zu Markus R.
In der Nacht des 10. November entstand die Spur zu Markus R.: Mehlers ehemalige Nachbarin war in der Nacht durch Zufall in der Nähe und sah den Angeklagten aus dem Haus kommen. Wenig später hörte sie die Martinshörner der Rettungskräfte. Auf die Frage, was er dort gemacht habe, habe er gesagt, dass er eine Freundin hatte besuchen wollen. Doch die war bereits am 1. November aus dem Haus ausgezogen. Markus R. muss das gewusst haben, hatte er beim Umzug doch mit angepackt.
Und noch etwas deckt sich zwischen beiden Bränden: In der Wohnung von Markus R. wurde nach seiner Festnahme eine Tasche mit Pfandflaschen aus dem Haus der Familie Schulte gefunden. Ein Kassenbeleg brachte den Beweis. Aus dem Abstellraum von Volker Mehler fehlte nach dem Brand wiederum eine auffällige Wodka-Flasche, die er zu seinem 50. Geburtstag bekommen hatte. Diese Flasche soll Markus R. der Frau in die Hand gedrückt haben, die ihn in der Nacht an der Haustür erwischt hatte.
Brandstiftungen in Warstein: Markus R. soll „Hang zum Feuer“ gehabt haben
Außerdem berichtete eine Zeugin, die R. gut kennt, dass er „einen Hang zum Feuer“ hatte. So soll der Beschuldigte beim Brand des ehemaligen Kinos in der Hauptstraße im August zu seinen „Freunden vom Marktplatz“ gespurtet sein und „wie ein kleines Kind“ mit freudiger Stimme gesagt haben: „Ey, da brennt’s, ihr müsst unbedingt mitkommen!“ Die Zeugin: „Er wollte sich unbedingt dieses Feuer angucken.“ Es war nachweislich nicht der einzige Brand und nicht der einzige Feuerwehr-Einsatz dieser Serie, den Markus R. aus vorderster Reihe verfolgt hat. Wie bereits am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte. Am Mittwoch, 25. Oktober, wird der Prozess ab 8.30 Uhr fortgeführt. Dann sollen zahlreiche Polizisten aussagen - unter anderem darüber, wie sie den mutmaßlichen Brandstifter überführt haben wollen.

