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Nach den Landtagswahlen rücken Hessen und Bayern nach rechts, doch die Öffentlich-Rechtlichen machen weiter „Dienst nach Vorschrift“. Es braucht neue Formen des Wahljournalismus.
Frankfurt - Der öffentlich-rechtliche Rundfunk verhält sich am vergangenen Wochenende wie das Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Wie geplant schwellen rote, blaue, gelbe, schwarze und grüne Balken an. Zahlen ploppen auf. Und halbrunde Kuchendiagramme zieren die Übertragungen von ARD, ZDF, Bayerischem und Hessischem Rundfunk.
Männer und Frauen in den Wahlstudios berichten von Prognosen, unterbrechen das Programm für die Reden von Wahlsiegern und -verlieren und schalten wieder zurück ins Studio, wo die neuste Hochrechnung der Hessen-Wahl und der Bayern-Wahl präsentiert wird, die wieder Verschiebungen in der Nachkommastelle mit sich bringt.
Doch dabei scheinen alle eines zu vergessen: Dass die Landtagswahl Hessen und die Bayern-Wahl einen massiven Rechtsruck darstellen und sich hinter dem großen blauen Balken jene verbergen, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk abschaffen wollen.
Öffentlich-Rechtliche: Wahl- oder doch Hochzeitsberichterstattung?
Stattdessen wird eine Livesendung nach Plan abgeliefert. Da wird im Studio ein Politikwissenschaftler neben die Moderatorin gestellt, der aufs Stichwort viel zu kurz ausgeführte Erklärungen parat hat, um die Zeit zwischen der Live-Schalte von der einen zur anderen Wahlsiegparty einer Partei zu überbrücken.
Dort steht dann wiederum ein anderer Journalist, der eine entweder feiernde oder trauernde Person interviewt. Schalte wieder zurück ins Studio. Und das Ganze mehrere Stunden lang. Wenn man darüber nachdenkt, ähnelt das sehr stark den Grundzügen von Berichterstattung über Hochzeiten (wahlweise auch Beerdigungen oder Krönungen) der Royals.
Doch Wahlberichterstattung ist sowenig reiner Datenjournalismus, wie die Bibel ein Buch voll faktenbasierter Erzählungen ist. Deshalb sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk schleunigst die Konzeption seiner Wahlberichterstattung überdenken. Dennoch halten am Wahlabend die Rundfunkanstalten ganz in biblischem Geiste immer wieder die andere Wange hin, wenn sie mit Vertreter:innen der AfD jene ans Mikrofon holen, die dieser Berichterstattung doch mit grundlegender Verachtung begegnen.
Sie waren Hessens Ministerpräsidenten




ARD und ZDF machen zu den Wahlen lieber „Dienst nach Vorschrift“
Aber auch eine unabhängige journalistische Berichterstattung darf eine politische Komponente haben. Sinn und Zweck des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems ist es doch gerade zu verhindern, dass nicht noch einmal eine faschistische Partei in Deutschland die Macht erringt. Auch das kann man beziehungsweise muss man unter dem bürgerlichen Mantra der „wehrhaften Demokratie“ verstehen.
Doch die Bürgis in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten scheinen das noch immer nicht zu verstehen und machen stattdessen lieber Dienst nach Vorschrift. Das einzige, das sich an der Wahlberichterstattung in den vergangenen Jahren geändert hat, ist der Funktionalität des Bildschirms, mit dem Jörg Schönenborn in der ARD irgendwelche bunten Balken aufpoppen lassen kann.
Zumal es sicherlich nicht das größte Problem sein sollte, Menschen wie beispielsweise den hessischen AfD-Spitzenkandidat Robert Lambrou inhaltlich zu stellen. Denn der hat er in fünf Jahren als Vorsitzender der AfD nicht ein einziges Thema setzen können, dafür aber vier Abgeordnete aus seiner Fraktion vergrault.
Öffentlich-Rechtliche sollten neue Formen des Wahljournalismus finden
Diesen grobschlächtigen Vertreter einer neofaschistischen Partei, für den es ohne Mandat in Wiesbaden wohl nur zum Platzwart beim FV Biebrich gereicht hätte, am Wahlabend derart ungefiltert seine Jubelparolen in die Kamera quaken zu lassen, um sich vor aller Welt blamieren zu dürfen, ist mehr als verspätet: Wer sich für die AfD in Hessen interessiert, hätte in der vergangenen Legislaturperiode fünf Jahre Zeit gehabt, um Lambrou und Konsorten beim Dilettieren im Plenarsaal zuzuschauen. Jetzt ist die Wahl gelaufen.
Anstatt einer vor Schadenfreude und Verachtung für die Demokratie geifernden Alice Weidel im Hessischen Landtag das Mikrofon unter die Nase zu halten, sollten die Sender schleunigst neue Formen des Wahljournalismus finden. So wie die Sendungen bisher funktionieren, erwecken sie jedenfalls den falschen Eindruck, als sei das Erstarken der neofaschistischen Alternative für Deutschland normale demokratische Praxis.
