Hitzetrend in den Weltmeeren

„Etwas sehr Merkwürdiges geschieht“ – Atlantik-Temperatur beunruhigt Forschende

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Die Temperaturen im Nordatlantik brechen zurzeit alle Rekorde: Um diese Jahreszeit war das Wasser noch nie wärmer. Die Wissenschaft ist in Aufruhr.

Frankfurt – Die Wassertemperaturen im Nordatlantik sind seit einigen Monaten so hoch wie nie zuvor zu dieser Jahreszeit. Daten zeigen deutlich: Die Weltmeere scheinen sich immer mehr zu erhitzen. Das kann nach Ansicht vieler Expertinnen und Experten auch mit dem für 2023 erwarteten El-Niño-Phänomen zusammenhängen, das nach Einschätzung der US-Atmosphärenbehörde NOAA bereits begonnen hat.

Bei diesem Wetterereignis erwärmt sich die Oberfläche des Pazifischen Ozeans ungewöhnlich stark. Es tritt in regelmäßigen Abständen von etwa vier Jahren auf.

Wetterphänomen El Niño 2023 hat begonnen, sagt US-Behörde

Zurzeit ist es jedoch der Atlantische Ozean, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der ganzen Welt die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Denn hier schnellten die Wassertemperaturen besonders in die Höhe.

Der Durchschnittswert in der Region lag am 11. Juni mit 22,7 Grad mehr als einen halben Grad Celsius über dem Mittel, das zu dieser Jahreszeit seit 1982 üblicherweise gemessen wird. Das ist neuer Rekord. Klimafachleute auf der Welt zeigten sich sehr beunruhigt über diese dramatische Entwicklung.

Wassertemperatur im Nordatlantik ungewöhnlich hoch – Wissenschaft beunruhigt

Denn das Problem erstreckt sich auch auf die anderen Weltmeere: Auch da lagen die durchschnittlichen globalen Oberflächentemperaturen in den vergangenen Tagen rund ein Grad über dem Mittelwert, wie Daten der US-Ozeanografie und Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) zeigen. Derzeit liegen sie bei 20,9 Grad Celsius. Damit sind sie so hoch wie nie zuvor.

Temperaturrekorde im Nordatlantik wurden schon im März gebrochen

Im Nordatlantik hat sich der beunruhigende Temperaturtrend schon seit längerem abgezeichnet. Schon Anfang März brachen die Temperaturen alle bisherigen Rekorde – und es ging seitdem immer weiter nach oben. Vor allem „die ungewöhnlich lange Dauer von mittlerweile knapp drei Monaten, in der die Temperatur über allen bisherigen Jahren liegt“ sei außergewöhnlich, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) auf seiner Webseite schreibt.

Die Temperaturen im Nordatlantik versetzen Wissenschaftler:innen in Aufruhr. „Etwas sehr Merkwürdiges geschieht hier“, warnt Klimatologe Brian McNoldy, der an der University of Miami forscht, auf Twitter. Er sowie alle anderen Fachleute, die sich regelmäßig mit Temperaturskalen beschäftigen, würden angesichts des zuletzt gemessenen Temperaturanstiegs in den Weltmeeren ihren Augen nicht mehr trauen.

El Niño 2023 – Wetterphänomen könnte für Wärmerekord im Nordatlantik verantwortlich sein

Grund für die hohen Temperaturen ist vermutlich eine Kombination verschiedener Faktoren, die zusammenspielen, und die ungewöhnlich starke Erwärmung in diesem Frühjahr verursachen. Dieser Ansicht ist auch Marc Olefs, Klimaforscher bei Geosphere Austria, wie er im Gespräch mit der österreichischen Tageszeitung Standard erklärt. Zum einen bahne sich der Beginn des El-Niño-Jahres 2023 an.

Zum anderen falle die kühlende Wirkung von La Niña, dem Gegenstück von El Niño, das in den letzten drei Jahren vorherrschend war, weg, was einen allgemeinen Wärmeschub befördere, sagt Olefs. Ohne diesen abschwächenden Effekt in den letzten Jahren zeigt sich jetzt möglicherweise an den Weltmeeren, welches Ausmaß die Erderwärmung bereits erreicht hat.

Beim El-Niño-Phänomen erwärmt sich zwar der Pazifische Ozean. Ein wärmerer Pazifik hat durchaus auch Auswirkungen auf den Atlantik, da sich die Windverhältnisse über dem Ozean verändern, wie Prof. Mojib Latif, Klimaforscher am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, im Interview mit Focus erklärt. Abgeschwächte Passatwinde führten dazu, dass weniger Wasser verdunstet, was im Endeffekt bedeute, dass es weniger Kühlung gebe.

Atlantischer Ozean

Temperaturrekorde im Atlantik: Auch eine Folge von fehlendem Sahara-Staub?

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter Michael Mann von der University of Pennsylvania, sehen noch einen weiteren Auslöser für die sprunghafte Erwärmung: den in diesem Jahr ungewöhnlich geringen Staubgehalt aus der Sahara über dem Nordatlantik. 

Diese Staubwolken werden normalerweise von den Passatwinden weitertransportiert und haben eine kühlende Wirkung auf das Meer, da sie das Sonnenlicht abschirmen. Doch die Passatwinde sind ausgerechnet in diesem Jahr schwächer als gewöhnlich – und damit auch die natürliche Kühlung durch die Staubdecke.

Temperaturanstieg im Atlantik scheint fürs Erste zum Stillstand zu kommen

Die allgemeine Aufregung über die Wärmerekorde im Atlantik ist gerechtfertigt, findet auch Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Gespräch mit dem Standard. „Es ist schon eine extreme Temperaturabweichung nach oben“.

Dass die globale Meerestemperatur steigt, sei aufgrund des allgemeinen Erwärmungstrends auf der Erde nachvollziehbar. Die starken Abweichungen im Nordatlantik seien aber trotzdem überraschend.

Zumindest scheint der Anstieg der Wassertemperatur im Nordatlantik seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht zu haben. Ein ganz leichter Abwärtstrend zeichnet sich neuesten Messungen zufolge ab. „Kaum eine Erleichterung“, schreibt der emeritierte Mathematikprofessor Eliot Jacobson, der an den Universitäten von Ohio und Santa Barbara unterrichtet hat, bei Twitter. Denn die Temperaturen sind trotzdem noch viel zu hoch.

Erhöhte Oberflächentemperaturen in den Weltmeeren sind nicht nur für Meeresorganismen problematisch, sagt Olefs. Es steige dadurch auch das weltweite Risiko für extreme Wetterereignisse wie Dürren oder Unwetter, die oft lebensbedrohliche Überschwemmungen und Erdrutsche zur Folge haben.

Rubriklistenbild: © G. Lacz/IMAGO

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