VonNadja Orthschließen
El Niño gilt eigentlich als ein unregelmäßiges, extremes Wetterphänomen. Vor dem Hintergrund des Klimawandels könnte aber ein neuer Normalzustand drohen.
Frankfurt – Das Wetterphänomen El Niño sorgt weltweit für extreme Auswirkungen im Klima. Auch wenn das Phänomen alle zwei bis sieben Jahre aus natürlichen Gründen wiederkehrt, wollen Forschende mögliche Zusammenhänge mit dem Klimawandel untersuchen. Sie befürchten, dass sich nicht nur die teils katastrophalen Auswirkungen von El Niño verschärfen, sondern dass sie in Zukunft auch zum Alltag gehören könnten.
„Wir sammeln biologische Daten, chemische Daten und physikalische Daten wie zum Beispiel CO2-Konzentration in der Atmosphäre und dem Ozean, um zu verstehen, wie das alles zusammenhängt“, sagte der Klimaforscher Ralf Schiebel vom Max-Planck-Institut für Chemie der ARD am Montag (15. April). Gemeinsam mit seinem Forschungsteam ist Schiebel aktuell auf einem Segelschiff zwischen Panama und Galapagos unterwegs. Dort analysiert das Team Mikroplankton, das Aufschluss über das Klimasystem in den vergangenen 25 Millionen Jahren gibt.
Was bedeutet „El Niño“?
El Niño beschreibt ein unregelmäßig wiederkehrendes Phänomen, bei dem sich die Wasseroberfläche im Pazifik vor der Küste Südamerikas erwärmt. Als Folge wird das Klima und der Niederschlag in vielen Regionen auf der Welt stark beeinflusst und es kommt zu Extremwetterereignissen. Während zum Beispiel in südlichen afrikanischen Ländern, in Australien und Indonesien Dürre und Hitze herrschen, kämpfen andere Regionen, wie der Westen Südamerikas und Teile Afrikas, mit heftigen Regenfällen. Es kommt vermehrt zu Überschwemmungen, Schlammlawinen und Erdrutschen.
„Es wäre eine Katastrophe“: Forschende befürchten El Niño im Dauerzustand
Was den Forschenden Sorgen bereitet: Vor drei Millionen Jahren soll jahrtausendelang ein Dauer-El Niño auf der Erde geherrscht haben. Damals seien die „CO₂-Konzentrationen in der Atmosphäre“ und die „globale Mitteltemperatur“ ähnlich hoch wie heute gewesen. Aktuell würden drei Grad Celsius fehlen, um dieselbe Temperatur zu erreichen – doch Ende des Jahrhunderts könnte es so weit sein. „Es wäre eine Katastrophe, wenn es eine Art Dauer-El-Niño geben würde. Wenn das System sich einloggt in einen Zustand, aus dem es gar nicht mehr herauskommt“, sagte der Meteorologe Mojib Latif aus dem Forschungsteam.
Bislang handelt es sich nur um Vermutungen, wissenschaftlich bestätigt ist die Theorie nicht. Trotzdem zeigen sich auch andere Expertinnen und Experten alarmiert, darunter Professor Thomas Birner vom Meteorologischen Institut der LMU. „Die Klimaszenarien des Weltklimarats (IPCC) deuten an: Was heute El Niño ist, könnte mehr oder weniger der zukünftige Normalzustand sein“, kündigte Birner bereits in einem Artikel von 2023 an. Er warnte zudem vor extremeren Auswirkungen. „Wenn sich die Welt ohnehin inmitten einer Klimakrise befindet und es jedes Jahr wärmer wird, wirkt sich El Niño zusätzlich verstärkend in den betreffenden Jahren aus“, so Birner. Es sei demnach kein Wunder, dass neue Eskalationen der Klimakrise besonders während El-Niño-Phasen auftreten.
Viele Regionen auf der Welt sind seit Monaten extrem von El Niño betroffen. Im afrikanischen Tansania sind allein seit Anfang April mindestens 58 Menschen durch starke Regenfälle und Überschwemmungen ums Leben gekommen. Im Süden Afrikas hat Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa unterdessen wegen anhaltender Dürre im Land den Katastrophenzustand ausgerufen. Guatemala in Mittelamerika kämpft mit zahlreichen Waldbränden aufgrund der dort herrschenden Dürre. Die kolumbianische Hauptstadt Bogotá musste aufgrund der extremen Trockenheit des Wasserverbrauch seiner Einwohner einschränken.
El Niño sorgt noch bis Mai für Rekordhitze: Als Hauptschuldigen sehen Expertinnen und Experten aber den Klimawandel
Das Wetterphänomen El Niño wird nach Prognosen von UN-Expertinnen und Experten noch bis Mai für Rekordhitze sorgen. Wie die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am Dienstag mitteilte, erreichte der seit Juni 2023 aktive El Niño im Dezember seinen Höhepunkt. Obwohl er sich nun langsam abschwächt, werden seine Auswirkungen noch einige Monate zu spüren sein. Die WMO rechnet bis Mai mit „überdurchschnittlichen Temperaturen“ über „fast allen Landflächen“ der Erde.
Das vergangene Jahr war nach Angaben der WMO das bislang heißeste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Obwohl der Klimawandel der „Hauptschuldige“ war, war El Niño dafür zumindest mitverantwortlich, wie WMO-Generalsekretärin Celeste Saulo sagte. Da sich das Wetterphänomen nach seinem Höhepunkt typischerweise noch stärker auf die globalen Temperaturen auswirkt, könnte es 2024 nun noch heißer werden. (nz/afp)
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