Ganze Berge brechen in den Alpen: „Der Kleber ist weg“ – Phänomen nimmt Fahrt auf
VonKarolin Schaefer
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In den Alpen zerbricht ein Berg. Dabei könnte ein gewaltiger Felssturz auf ein Schweizer Dorf niedergehen. Doch was steckt hinter solchen Phänomenen?
Blatten – Felsstürze sind in den Alpen zwar nicht ungewöhnlich. Die Konsequenzen für Mensch und Natur sind jedoch unberechenbar, wie auch die rund 300 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweizer Gemeinde Blatten derzeit spüren. Ein gewaltiger Felssturz könnte im Tal niedergehen.
Alpen-Dorf von Felssturz bedroht: Berg macht „seine letzten Atemzüge“
Schon jetzt sind vom Kleinen Nesthorn zwei bis drei Millionen Kubikmeter Fels abgebrochen und auf den Birchgletscher gerollt. Man könne hören, wie der rund 3300 Meter hohe Berg „seine letzten Atemzüge“ mache, sagte Geologe Fabian Reist in einer Pressekonferenz der Behörden im Kanton Wallis.
Auch in Tirol gibt es immer wieder solche Ereignisse. Aktuell bereitet der Hochvogel an der bayerischen Grenze große Sorgenfalten. Der Berg bricht auseinander. Derlei Bergstürze würden sich vor allem im Hochgebirge ereignen, „also ab einer Höhe von zirka 2500 Metern“, sagte Tirols Landesgeologe Thomas Figl der Tiroler Tageszeitung. Von Felsstürzen seien in dieser Höhe aber keine ganzen Dörfer, sondern eher Berghütten betroffen.
„Der Kleber ist weg“: Berge brechen in den Alpen auseinander
Doch wie kommt es zu solchen bedrohlichen Szenarien? Gestein verwittert über die Zeit, erklärte Geomorphologe Jan Blöthe von der Universität Freiburg dem SWR. Daraus folgende Sturzbewegungen seien ein „ganz normaler Prozess“. Meist gebe es mehrere Ursachen für Felsstürze, so Figl. „Dazu gehören einerseits geologische Phänomene, andererseits, gerade in größeren Höhen, unter Umständen auch das Auftauen des Permafrosts.“ Dadurch sei Gestein instabiler: „Der Kleber ist weg“, so der Experte.
Auch am Kleinen Nesthorn könnte das Auftauen des Permafrostes „eventuell auch mit dieser Bewegung zusammenhängen“, meinte Blöthe. Genau ließe sich das aber noch nicht sagen. Dennoch könnte es dem Experten zufolge in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch häufiger zu Felsstürzen in den Alpen kommen. Gerade dort, wo der Permafrost in den vergangenen Jahren stark zurück getaut ist. Ob solche drohenden Bergstürze wie in Blatten mit Millionen Kubikmetern Gestein häufiger werden, ließe sich derzeit nur schwer sagen, da sie nur alle paar Jahre zu beobachten sind, so Blöthe.
Was aber eindeutig ist: Gletscher in den Alpen schmelzen infolge des Klimawandels rapide. Laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ist allein der Südliche Schneeferner seit 1945 um 94 Prozent seines Volumens geschrumpft. „Ist das Eis erst einmal geschmolzen, so ist das Wasserreservoir verloren, das zuvor in den Sommermonaten kontinuierlich die Alpenflüsse speiste“, heißt es. (kas/dpa)